Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-10-18 · 42 (18.10.1907) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
42 (18.10.1907)
Date
1907-10-18
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316285--49859-3344816
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

18 DIE^ELT, No. 42 Redner die Jugend auf, mit aller Begeisterung den hier dargelegten Idealen stets treu zu bleiben. Nach einer anregenden, längeren Diskussion schloß der Vorsitzende gegen Mitternacht den Vortragsabend. Im hiesigen Vereinslokale der „Poale Zion" fand Samstag den 28. vorigen Monats eine Diskussion über Zweck und Mittel des Jüdischen Nationalfonds statt, die Herr Dr. Hahn einleitete. Er führte aus, daß es notwendig sei, das zionistische Proletariat über die hohe Bedeutung des Nationalfonds aufzuklären. Dies wird den eingetretenen Süllstand im Sammeln beheben, da nur durch die ungenaue Kenntnis der Ziele des Nationalfonds die Untätigkeit der proletarischen Zionisten in der Agitation für den Nationalfonds verursacht werden konnte. An der darauffolgenden Diskussion beteiligten sich fast sämtliche Anwesende, von denen Genosse G roß erklärte, es müsse das Nächste sein, gerade auf dem Gebiete des Nationalfonds eine gemeinsame Agitationszentrale zu schaffen, in der Bürgerliche und Proletarier gemeinsame Arbeit zur Stärkung dieser wichtigsten jüdischen Institution leisten können. Herr Dr. Zweig begrüßte den Vorschlag des Genossen Groß und betonte, daß es in der Arbeit für den Nationalfonds absolut keine Klassenunterschiede geben dürfe. Zum Schlüsse regte der Natioualfondskommissär des Vereines, Genosse Kafka, an, es möge zum Zeichen eines reellen Erfolges der Diskussion von den Anwesenden ein monatlicher Beitrag gezeichnet werden. Die sofort unternommene Subskription ergab die beträchtliche Summe von K. 10.— monatlich. Wie wir vernehmen, soll demnächst in Wien von einigen hebräischen Schriftstellern zu denen auch der bekannte Lehrer und Schriftsteller Herr Simche Gelb gehört, eine hebräische Schule nach dein Systeme „Iwrith b'iwrith" gegründet werden. Es wäre wünschenswert, daß die kompetenten Kreise dieses Werk nach Kräften unterstützen, da der Mangel einer modernen, nach den Grundsätzen der Pädagogik geleiteten Schule, . in der man wirklich hebräisch lernen kann, in Wien längst fühlbar ist. Zablotow: Auf Initiative des zionistischen Distriktskomitees in Stanislau fand am 1. d. M. im Lokale des H. Singereine ^-Versammlung statt, bei der mehr als 200 Personen anwesend waren. Den Vorsitz führte Herr Wilhelm Thau, als Schriftführer fungierte Herr Moses Herzog. Über die Lage der galizischen Juden sprachen Gg. Leon Spottheim, jur. Zucker, Jakob Locker. Es wurde eine Resolution angenommen, in der das allgemeine Wahlrecht für den galizischen Landtag und die nationale Autonomie gefordert werden. Die Resolution wurde telegraphisch dem Landtage übermittelt. Die polnischen Sozialdemokraten für die Anerkennung der jüdischen Nationalität Infolge der durch die Wahlbewegung hervorgerufenen veränderten Lage im galizischen Judentum haben sich sogar die polnischen Sozialdemokraten veranlaßt gesehen, die Existenz einer jüdischen Nationalität anzuerkennen. Auf der letzten Konferenz der jüdischen Sektion der P. P. S. wurde folgende Resolution Zetterbaum angenommen: Die Konferenz der jüdischen Sektion der P. P. S. stellt fest, daß das jüdische Proletariat Galiziens, welches in der sozialdemokratischen Partei organisiert ist, seine Zugehörigkeit zur jüdischen Nation anerkennt und sich seiner Nationalität bewußt ist. Und der Meister Daszynski, welcher immer so heiß für die Assimilation der Juden eingetreten ist und im Parlamente mit einer unverschämten Arroganz die Forderung nach Anerkennung der jüdischen Nation ausgelacht hat, mußte aus dem Munde seiner eigenen, treuen Genossen erfahren, daß die Juden unbedingt als Nationalität anerkannt werden sollen, und daß zu seiner eigenen Niederlage in Krakau seine falsche Stellungnahme der „unglücklichen" Judenfrage gegenüber viel beigetragen hat. Antisemitismus in Ungarn Bezeichnend für den neuen Kurs in Ungarn ist die Tatsache^ daß der fast durchweg aus agrarischen Mitgliedern bestehende Kandidationsausschuß der Kossuthpartei alle jüdischen Abgeordneten, auch die, welche bisher in Ausschüssen wirkten, strich. In dem neuen Arbeitsausschuß sollen keine Juden sitzen dürfen. Diese Tatsachen werden in Budapest viel besprochen. Kruschewans Wahlagitation Aus Petersburg wird uns geschrieben : Die russischen Zeitungen beschäftigen sich viel mit der Agitation, die Kruschewan bei den Wahlen in Kischinew trieb: Vor dem Gebäude des Stadthauses agitierten die „Verbändler" ungehindert, versammelten sich in Gruppen, zerrissen viele Wahlkuverts, prüften bei Licht genau alle Aufrufe und ersetzten sie durch die ihrigen, wenn sie ihnen nicht paßten und unterrichteten nach ihrer Art alle Wähler. Die Trottoirs waren mit zerrissenen Zetteln besät. Selbst vor Mißhandlungen anders gesinnter Wähler schreckten die Verbändler nicht zurück. Ein Volksschullehrer wurde schwer verprügelt. Das Resultat ist denn auch, daß die Wahl Kruschewans gesichert ist. In noch größerer Anzahl als bei den früheren Wahlen erschienen längst Verstorbene an der Urne und wählten. Kischinew mußte seinen Kruschewan haben. Die Ehre der Stadt Kischinew ist somit gerettet Ein Führer echt russischer Leute Der Führer des „Russischen Volksverbandes" in Minsk, der ehemalige Kapitän zur See Schmid, war von der Kreiswahlkommission aus der Wählerliste ausgeschlossen worden, weil es sich erwiesen hatte, daß er 1901 wegen Auslieferung von Plänen der Festung Kronstadt an eine auswärtige Macht aus dem Dienste ausgeschlossen und nach Sibirien verbannt wurde. Als Vorbestrafter hatte er kein Wahlrecht, obwohl ihm später auf dem Gnadenwege die Strafe erlassen wurde. Jetzt hat die Gouvernementswahlkommission diese Entscheidung der Kreiskomtnission aufgehoben. Schmid ist Redakteur des reaktionären Blattes „Minskove Slowo" und auch die rechte Hand der Administration in Wahlangelegenheiten. Auf seinen Rat ist seinerzeit die Wahlkreiseinteilung des Gouvernements Minsk zu Ungunsten der .Polen abgeändert worden. Die „echt russischen" Leute und der Zar •Vom Verbände der echt russischen Leute läuft jetzt täglich eine Reihe herausfordernder Depeschen beim Zaren ein; auch auf die Jacht „Polarstern", auf der sich der Zar augenblicklich befindet, sind an 20 Telegramme der verschiedenen Filialen des Verbandes gesandt worden. In den letzten Tagen war eine Depesche eingetroffen, in der der Verband den Empfang einer von ihm in Aussicht genommenen Deputation durch den Zaren forderte. Auf dieses Telegramm ist indessen keine Antwort erfolgt. Ministerpräsident Stolypin hat bei seiner letzten Fahrt nach den Schären dem Zaren einen längeren Vortrag über das empörende Vorgehen des Verbandes gehalten. Tod des Astronomen Maurice Löwy Paris, 15. Oktober. Meute ist hier der Direktor der hiesigen Sternwarte, Maurice Löwy, Mitglied der Akademie der Wissen schaft, im Alter von 74 Jahren plötzlich gestorben. Mitten in dei Arbeit, welcher sein ganzes Leben gewidmet war, hat ihn dei Tod ereilt. Löwy war heute nachmittags zu einer Sitzung im Unterrichtsministerium erschienen. Da klagte er während einer Referats über Unwohlsein. Wenige Minuten darauf war er eiiu Leiche; ein Herzschlag hatte das Leben des großen Gelehrten be endet. Der illustre Kreis von Gelehrten, welche Löwy umgeben hatte, war vom tiefstem Schmerze und wahrer Trauer erfüllt Die Sitzung wurde sofort aufgehoben. Mit Löwy ist einer de: hervorragendsten Astronomen und bedeutendsten Denker dahingegangen. Löwy war von Geburt Österreicher. Trotzdem er wegen seines Glaubens in seinem Vaterlande eine Stelle nicht erlangen konntt und im Auslande Anerkennung suchen mußte, hat er doch seinem Vaterlande treue Anhänglickeit bewahrt. Er unterließ niemals,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.