Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 42 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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12 DIEl^KELT No. 42 gleich wühlte und brannte es in uns: Menschen werden einander töten und warmes Blut wird strömen. . . Wie wird das nur geschehen können! Und die Fratzen der Mörder und die Jammergesichter der Opfer! „Jene4' werden „diese" schlachten! — der Gedanke packte uns. Und eine gewisse wilde und verzehrende Spannung tobte in den erhitzten Gehirnen und brachte das junge Blut in Wallung. In dem Zimmer, wo wir saßen, war es schwül, die Lampe hatte geblakt, und dicker Zigarettenrauch hing in der Luft. Die Gesichter waren rot, unsere Stimmen heiser, und wir übersprudelten von sinnlosen Worten, die wir einander zuschrieen, bald hin- und herlaufend, bald uns gegenübersitzend an dem mit Tintenflecken besäten Tische. Es war uns gleichgültig, ob einer dem andern zuhörte. Die Hauptsache war für uns, uns abzulenken von dem Drohenden, das wie eine schreckliche Sturmwolke heranzog und unsere Furcht durch bedeutungslose, aber hallende Phrasen zu ersticken. Wir versuchten sogar zu scherzen: „Na, unser Brüderchen Israel will man wieder ein bifkhen beuteln. Natürlich, es geht ihm zu gut seit seiner Befreiung aus Babylon . . ." „Tja, Ahasver ist in Gefahr"', sagte ich und warf mich in einen Stuhl. Plötzlich blieb mein Freund stehen und sah auf die Uhr: „Halb zwei!" „Zeit, zu gehen", bemerkte ich und begann nervös auf dem Tisch zu trommeln. „Hast Du Angst, allein . . fragte er mit einem gezwungenen Lächeln. „Wenn Du willst, ich werde Dich begleiten . . ." „Aber durchaus nicht! Inkommodier Dich doch nicht", antwortete ich, zornig auf ihn und auf mich selbst. Ich wußte, daß wir jetzt beide logen. Der Gedanke, daß uns vom morgigen Tage kaum 5 6 Stunden trennen, von dem Morgen, wo vielleicht das Urteil über unser Leben gefällt sein wird, hat unsere Köpfe umnebelt. „Man sagte, eine Sotnja Kosaken sei angekommen .. Ist's wahr?", fragte ich ihn, indem ich mir Mühe gab, gleichmütig zu bleiben. „Ganz gut! Es werden Kosaken, Infanterie, Polizisten da sein, und wir sind auch keine Waschlappen", antwortete er und warf dabei seine Augen auf die beiden Revolver, die wir heute gekauft hatten und die blinkend vor uns auf dem Tische lagen. „O, wir werden schon Bescheid geben", rief ich, um seinen Worten auch meine Unterstützung zu leihen. Innerlich aber fühlte ich: Phrasen! . . Leere Phrasen! . . Mit einem Male .verstummten wir beide. Unsere Herzen arbeiteten stürmisch. Im Grauen dieser Stille sah man förmlich den Pogrom. Es roch nach Blut. Plötzlich faßte er mich an der Schulter und schrie mit trauererstickter Stimme: „Warum wird man uns hinschlachten? Wem wird es nutzen? Tierisch! . . Wrild! . . Unsinnig! . Er erschien mir so jämmerlich, so zerbrochen, daß ich es unternahm, ihn zu beruhigen. Doch er schrie unaufhörlich: „Ich werde wahnsinnig, wahnsinnig! Es geht über meine Kräfte!" „Aber hör' doch!", redete ich auf ihn ein, „das ist doch kindisch! Es ist Feigheit von deiner Seite! . . ." „Nein, keine Feigheit!" unterbrach er mich. „Stell' Dir doch vor: Eine furchtbare wütende Bestie, dem Kerker entspringend, wird sich auf schwache, hilflose Menschen stürzen . . . Menschliches Blut wird fließen! Ist das nicht eine wilde Sinnlosigkeit? . . . Und was mich zur Raserei treibt, ist das Jauchzen derjenigen, die dieses Schlachten verursacht haben. Lachen werden sie, lachen, indessen ein ganzes Meer ihren Blutdurst stillen wird! . . Entsetzlich ist das, es bringt mich zum Rasen!" . . Und er stampfte wütend auf den Boden, als wollte er einen Feind zertreten. „So hör doch endlich!", schrie ich mit heiserer Stimme und stand auf, um fortzugehen. Er machte eine abwehrende Handbewegung und ging in eine Ecke. Eine Zeitlang schwiegen wir beide. Dann zog er sein Taschentuch hervor, hielt es vors Gesicht und begann still zu weinen. Schluchzend sagte er zu mir: „Adieu! Geh' nach Hause!" Mir war in seiner Gegenwart unerträglich schwer zumute geworden. Ich nahm keinen Abschied — und war schon auf der Straße. Frische Frühlingsluft empfing mich. Ich atmete erleichtert auf. Die Straßen waren menschenleer. Hier und da an den Kreuzungen sah man die statuenhafte Gestalt eines Schutzmanns. Aus einigen Häusern drang ein schwacher Lichtschein durch die verhängten Fenster. Eine Droschke, die langsam daherfuhr, unterbrach die Stille durch lärmendes Gepolter. An der Straßenecke hielt sie an; der Kutscher war auf dem Kutschbock eingeschlafen. Nichts Besonderes! Alles wie immer, sagte ich mir, mich-selbst beruhigend. Aber im nächsten Augenblick erhob sich wieder in mir die Furcht vor dem Morgen. Ich sah wieder Lewin vor mir mit seiner krankhaft-komischen Gestikulation und dem verstörten Ausdruck im Gesichte. „Ich werde wahnsinnig, wahnsinnig!'\ klang es mir in den Ohren. Ich wollte mich von dem unangenehmen Eindruck befreien, und begann, kräftig auszuschreiten, manchmal instinktiv den Blick nach rückwärts werfend. Ich wohnte fast am Ende der Stadt, und bis nach Hause war es noch weit. Als ich von der Hauptstraße abbog, kam ich in dunkle und schmutzige Gäßchen. Jetzt war ich im „Strolchgäßchen". Es hieß so, obwohl keine Strolche hier wohnten, sondern Handwerker und Gewerbsleute, Bäcker, Schuhmacher und dergleichen. Aber das enge, schmierige Gäßchen mit seinen verfallenen Häusern war selbst einem Strolch ähnlich. In dieser dunklen, aufgeregten Nacht schien mir das Gäßchen besonders schrecklich, ja sogar unheimlich . . . Es schien mir, als ob alle diese verfallenen Ruinen unruhig geworden seien und etwas schreckliches erwarteten. Ja, diese Ruinen werden zusammen mit ihren harmlosen Bewohnern die ersten Opfer von Feuer und Tod werden. Ich zweifle nicht daran. An ihnen zunächst wird die tierische Wut der „Pogromschtschiki" sich austoben. Es wird der erste Akt der entsetzlichen Tragödie sein .... „Warschauer Buchbinderei Chaim Spitz" . . . . „Chaim Spitz" . . . „Chaim Spitz", so kehrte es immer wieder in meinem erhitzten Gehirn. Wie eine lebendige Gestalt sah ich diesen Chaim Spitz. Hungrig, ein zerbrochener Mensch, wälzt er sich jetzt wahrscheinlich auf seinem Bett und murmelt Gebete in Erwartung des „Morgen". Heute war Sabbat gewesen. Er hat genügend Zeit gehabt, sich auszuweinen im Beth-Hamidrasch ....