Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 42 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3316240-3316285--49852-3344809- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 42 DIE ELT 11 Vorüberfahrenden die folgende Szene mitansehen. Vor der Trinkhalle des Abraham Finkelstein blieb eine Droschke stehen, aus der ein kleiner Knabe, der Sohn Finkelsteins, ausstieg. Die vorübergehenden Hooligans fielen über den Knaben her. Finkelstein bemerkte dies, stürzte auf die Straße hinaus, ergriff den Jungen und wollte in die Trinkhalle zurückeilen, als einer der Hooligans das Messer zog und ihm mit demselben zwei Stiche versetzte. Finkelstein sank zu Boden, der Junge entfiel seinem Arm und verletzte sich am Pflaster. Frau Finkelstein wurde bei diesem Anblick ohnmächtig. Der herbeigeholte Arzt gewährte beiden ärztliche Hilfe. Am schlimmsten trieben es die „Verbändler" in dem von den ärmsten Schichten der jüdischen Bevölkerung bewohnten Stadtteil Moldawanka. Unter anderem bombardierten sie mit Steinen und Revolverschüssen das jüdische Krankenhaus. Stundenlang wurden in Moldawanka Salven auf Salven abgefeuert. Während des ganzen Tages wurden in den verschiedensten Stadtteilen die jüdischen Passanten mehr oder weniger schwer verwundet. Ecke Kondratenko- Straße und Alexander-Prospekt überfielen Hooligans den achtzehnjährigen Hirsch Zep und versetzten ihm Messerstiche. Als die Hooligans beim Anblick der herannahenden Schutzleute von ihrem Opfer ließen, wurde Zep in bewußtlosem Zustande, aus fünf verschiedenen Wunden blutend, in die nächste Apotheke gebracht. Der herbeigeholte Arzt konstatierte den sehr ernsten Zustand des Verwundeten und ließ ihn nach dem Krankenhaus bringen. So wirtschaftete das Schwarze Hundert den ganzen Tag hindurch und wurde fast nirgends durch die ihm befreundete Polizei in seiner Tätigkeit gehindert. Ein rührender Fall polizeilicher Intervention spielte sich auf der Preobrajenskaja-Straße ab. Hier verletzte sich ein Hooligan, der mit dem Beine das Schaufenster im Hutgeschäft Margulis einstieß, das Bein an den Glassplittern. Ein Schutzmann eilte ihm zu Hilfe herbei, legte ihm einen Verband an. brachte ihn auf eine Droschke, und der Hooligan fuhr davon. Am folgenden Tage erneuerten sich die Unruhen. Die auf dem jüdischen Friedhofe zu einer Beerdigung versammelten Juden wurden von „Verbändlern'4 eingeschlossen und mißhandelt. Auf der Mjeschtschanskaja und Boljschaja-Arnautskaja wurdenFensterscheiben eingeschlagen, auf dem Priwosny-Platz wurde ein gewisser Meines verwundet, auf der Preobrajenskaja wurde der 18jährige Chion durch einen Messerstich in die Schulter verwundet, auf der Basarnaja fanden zwei Verwundungen, auf der Jewreiskaja eine Verwundung statt, in den verschiedensten Stadtteilen wurden an diesem Tage die jüdischen Passanten geprügelt und mißhandelt. Gegenwärtig herrscht hier „Ruhe", d. h, die übliche Odessaer Ruhe, wobei die kleinen Straßenskandale und Mißhandlungen überhaupt nicht in Betracht kommen. Jeder noch so geringfügige Anlaß versetzt indes die jüdische Bevölkerung in helle Todesangst; es bedarf nur eines provokatorischen oder ernsten Attentates auf irgend einen Polizeibeamten oder Detektiv — und solche Fälle gehören hier zu unserem alltäglichen Brote, — um den auf das Schlimmste gefaßten Odessaern die Pogrom-Perspektive mit all ihren Schreken vor Gemüt zu führen. Wie sehr die öffentlichen Verhältnisse unter dem permanenten Kriegszustande, in welchem wir uns hier de jure und de facto befinden, leiden müssen — braucht nicht erst gesagt zu werden; der gesellschaftliche Lebensnerv ist sozusagen total gelähmt. Die progressive Presse ist voll von Klagen über den ungeheuren ökonomischen und sozialen Rückgang der Stadt, der in der letzten Zeit erschrekende Dimensionen angenommen habe. Wer nur irgend kann, beeilt sich dieser gottverlassenen Stadt, deren Entwicklung sich anscheinend auf abschüssiger Bahn bewegt und die dem gewissen Untergang entgegeneilt, den Rücken zu wenden. Kein Mensch erwartet etwas von den unverdrossenen, tragikomischen Bemühungen unserer jüdischen Honoratioren bei den hiesigen Machthabern, kein Mensch hört mehr auf die stereotypen, mit der Regelmäßigkeit des Sonnenaufganges wiederkehrenden Versicherungen unseres neuen General-Gouverneurs, daß „die energischsten Maßregeln getroffen sind, usw." Die Schrecken und Gewalttaten der allerletzten Zeit hatten bereits eine stärkere Emigrationsbewegung zur Folge. Das Odessaer Informationsbureau für Emigranten hat gegenwärtig täglich unzähligen Familien über Emigrationsfragen Auskunft zu erteilen/") Viele geben einfach ihre Geschäfte auf, die ihnen und ihren Familien den Lebensunterhalt sichern, um nur das unwirtliche Land hinter sich zu haben. Gar mancher Emigrant geht so in die weite Welt hinaus, ohne irgend eine Vorstellung davon zu haben, wo und wie er ein neues Heim finden wird. Noch weniger beneidenswert sind indes die, welche gezwungen sind, hier zurückzubleiben. Diese fühlen sich von Gott und Menschen gleich verlassen. Einen traurigen herzzerreißenden Anblick bieten abends die jüdischen Familien, die gruppenweise vor den Haustüren stehen, um nach anstrengender Tagesmühe etwas frische Luft zu atmen, ohne sich nur einige Schritte auf die Straße hervorzuwagen. Der düstere Eindruck der spärlich beleuchteten weiten Straßen entspricht der allgemeinen gedrückten Stimmung. Die dichte, längst des Straßendammes sich hinziehende Reihe von Bäumen rauscht geheimnisvoll: die Zeugen des Straßeiiiebens scheinen einander die schrecklichen Geheimnisse des Tages zuzuflüstern. Die Brust schnürt sich einein zusammen, und unwillkürlich drängt sich die. alte, zwecklose Frage auf: Wie lange, wie lange noch? ... Dr. M. G. *) Die gleiche Er.sdiiMi Pal äs tinako mittles bemerkbar ch Im ofE O □ □□□□ FEUILLETON □ □ □ □ □ □ J] AM VORABEND Nach dem Russischen des G. Lifschitz Kr schrie vvie ein Besessener, indem er in den häufigen Worten mit R diesen Konsonanten ganz seltsam falsch herausgurgelte und indem er Zigarette um Zigarette verrauchte. „Der Gewalt muß man Gewalt entgegensetzen!1', schrie er, und seine Hände arbeiteten dabei lebhaft, und er schaute mir dabei mit heißem {Mick starr in die Augen. „Wir sind alle Feiglinge, darum verachtet man uns auch!'' „Ganz richtig", antwortete ich, fast ohne zuzuhören, indem ich dabei bewundernd meine Augen über seine schöne schlanke Gestalt und das sympathische, beinahe jünglinghafte Gesicht gleiten ließ. Rr setzte in offensiver Weise fort, und ich wußte, das spricht nicht er, Lewin, mein Freund und Kollege, der eigentlich keine Kämpfernatur war, sondern einer von den Männern, die von der „aufgeregten Zeit" erfaßt waren. Wir waren beide wrie elektrisiert von dieser Erregung und sprachen beide nicht das, was wir wollten und das, was wir sollten. Das Entsetzen vor dem, was der nächste Tag bringen sollte, hatte uns einfach niedergeworfen und zu-