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Die Welt · 1907-10-18 · 42 (18.10.1907) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
42 (18.10.1907)
Date
1907-10-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Das Lesen der Thorah war eben zu Ende. Es blieb die kleine Pause bis zum Maftir, während deren die „Freigeister" sich gewöhnlich erlauben zu plaudern von dem und jenem, den Chasen, den Schammes oder den Rabbiner zu kritisieren — aber an diesem Sabbat sind auch die „Freigeister" nicht zum Scherzen aufgelegt. Alle beten mit inbrünstigem Ernst. Und der kleine Schammes, der mit seiner spindeldürren Qestalt und dem großen Kopf darauf an einen holländischen Häring erinnert, hatte es nicht nötig, durch Aufklopfen mit der platten Handfläche zur Ruhe zu mahnen. Nur Joske, der Fleischer, kann sich nicht zurückhalten, und seinen Nachbar Chaim mit dem Ellenbogen anstoßend, fragt -t aufgeregt: „Man will uns schlagen? . . Wofür? . . Sind wir denn auch sonst nicht geschlagen?" Chaim, noch fassungsloser als Joske, setzt sein Jebet fort. Seine Antwort ist nur ein hilfloses Zucken ler Achseln. Aus seinem Kopf aber will es nicht leraus: Das Weib, fünf Kinder — zwei sind an Scharach krank . . . Und Chaim betet, betet, um den einen iedanken zu verjagen, immer lauter und immer inbrünstiger . . . Das Qebet aber erzählt indessen von ängstvergangenen Zeiten, von den wunderbaren Siegen .iber die Amalekiter, vom traurigen Schicksal des Königs Saul, vom Propheten Samuel, vom jungen König David ind von der großen Kriegsbeute: Ochsen, Schafe und \amele. Aber Chaim ist es ganz gleich, wovon das leilige Buch gerade spricht. Seine Kräfte, die vom iiitäglichen grauenhaften Leben zermürbt sind, wachen stürmisch auf. Und in Tränen sich badend, betete er ieiß zu seinem Gott. Er weiß, er hat keinen andern "Beschützer als ihn. Er fühlt ihn tief in seiner armen eidvollen Seele, und in diesem Augenblicke liebt er ihn o stark, daß sein ganzer in den Talar gehüllter, .agerer, zerschlagener Körper zittert, wie elektrisiert on dieser überströmenden Liebe zu seinem allmächtigen iott------- Und morgen, denke ich, wird vielleicht derselbe 'haim, der Buchbinder, erschlagen auf seinem Hof;egen, die mageren Hände weit ausgebreitet, die großen lugen gebrochen unter der gefurchten Stirn. Und eine Kinder, seine hungrigen, kranken, vom Schrecken erwirrten Kinder, werden um den kalten Leichnam ierumkriechen und mit zitternden Händchen ihn betasten ind vergeblich ihren Vater, ihren Ernährer rufen..... Ich schritt rascher aus, scheu um mich bückend, ils hätte ich Angst, von einem wilden Tiere angefallen u werden. Ich wollte schon zu Hause sein, nicht mehr denken, iiich aufs Bett werfen und wie ein Kind unter die >ecke kriechen. Von Norden her wehte ein starker, scharfer Wind, der für Augenblicke still hielt, um dann mit erneuter Kraft vorwärtszustürmen. Es begann zu regnen. Spärlich, aber schwer und groß fielen die Tropfen. Vom Wind gepeitscht, bespritzten sie wie eine Kaskade die armseligen Häuser. Massige graue Wolken zogen schwerfällig herauf. Es war, als ob auch sie vor Schrecken sich irgendwohin verkriechen wollten. Es regnete stärker. Ganz durchnäßt und müde kam ich endlich vor mein Haus und begann mit vor Nässe erstarrten Händen an der Türklinke zu rütteln. Es dauerte lange. Niemand öffnete. Mit einem Male hörte ich Schritte von der Straße her. Ich duckte mich unter die Torwölbung, um nicht bemerkt zu werden. Aber eine rasch ausschreitende Qestalt ging gerade auf mich los, und es kam mir vor, als schrie sie mir etwas zu. Als sie nur noch wenige Schritte entfernt war, erkannte ich in ihr zu meiner Bestürzung und Freude meinen Freund Lewin. „Ich konnte dich kaum einholen," sagte er, vom raschen Gehen fast atemlos, und blickte sich nach rückwärts um. Einige Augenblicke schwiegen wir. „Hattest du keine Angst?", fragte ich dann, um ein Gespräch zu beginnen. Aber er schwieg weiter und wandte den Blick ab. Dieses Schweigen wurde mir unheimlich, und ich begann wieder an der Tür zu rütteln. Plötzlich begann er ganz unvermittelt aufzulachen: „Wart mal", rief er laut und sogar heiter, „erinnerst du dich an den „Fatalisten" von Lerniontow. Erinnerst du dich? Er wußte, wann man ihn töten wird . . . Auch ich . . . ich bin überzeugt, fatalistisch überzeugt, daß man mich morgen erschlagen wird . . . Übrigens," fügte er hastig hinzu, „das ist alles lächerlich, feig . . . Auf Wiedersehen! ..." Er drehte sich rasch um und verschwand im Dunkeln. Ich schaute ihm nach, und mir wurde bitterleid um ihn. Jetzt wird er durch dieselben dunklen Gäßchen gehen, dachte ich. Und ich bedauerte, daß ich ihn nicht für die Nacht zu mir geladen hatte. „Wer ist da", rief plötzlich die bekannte, heisere Stimme meines Hauswirts. Ich nannte meinen Namen und trat „auf jeden Fall" etwas zurück. Der Hauswirt öffnete mir und ließ mich eintreten und trat auch „auf jeden Fall" etwas zurück, indem er mich heftig schalt. Sonderbar, dachte ich, mich die dunkle und knarrende Treppe hinauftastend. Seine Stimme zitterte ebenso wie die Lewins . . . (Schluß folgt). o o o o o o o]| fr---~ ~ ooooooojj AUS DER BEWEGUNG (fooooooo^ ^OOO Deutschland Posen: In einer gut besuchten Monatsversammlung -l'jr hiesigen Ortsgruppe am 21. September erstattete zunächst der Kongreßdelegierte Herr Dr. Kollenscher n ausführlicher schwungvoller Rede Bericht über den erlauf des Kongresses. Er entwarf ein sehr anschauiches Bild der durch die gefaßten Beschlüsse und Wahlen veränderten Lage im Zionismus. In seinem Korreferat hob der zweite Kongreßdelegierte Herr Simon Scherek mitGenugtuung hervor, daß derKongreß in ernster Arbeit durch die Proklamierung der praktischen Arbeit mit politischen Zielen eine mittlere Linie der beiden bisher vorhandenen Richtungen im Zionismus geschaffen habe. — Der Vorsitzende sprach hierauf den beiden Delegierten für ihre Tätigkeit auf dem Kongreß und für die eingehende Berichterstattung den

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