Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 42 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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- Odesa 2× ep/1000834
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Die jüngsten Schreckenstage in Odessa Von unserm Spezialherichterstatter Die russischen Juden sind im allgemeinen, was Sicherheit der Person und des Eigentums anbetrifft, nicht übermäßig verwöhnt, immerhin ist der gesamte Ansiedlungsrayon noch ein Paradies, ein Gottesreich auf Erden im Vergleich mit der Hauptstadt des Schwarzen Meeres. Seitdem man im heiligen Zarenreiche von den katastrophenartigen Judenabschlachtungen en masse zum systematischen Terror im kleinen übergegangen ist, fühlt sich in Odessa, wo dieses neue strategische System des „Verbandes des russischen Volkes" zur höchsten Blüte gelangt ist, jeder Jude wie ein zum Tode Verurteilter. Man lebt hier wie am Krater eines rauchenden Vulkans, wo in jedem Augenblick die glühende Lava mit elementarer Gewalt hervorbrechen und alles um sich zerstören und im Schutte begraben kann. Täglich und stündlich durchziehen die Horden des „Schwarzen Hunderts41 oder, wie sie in letzter Zeit genannt werden, die „Gelbe-Blusen-Männer", die Straßen Odessas, überall Entsetzen um sich verbreitend. Unaufhörlich wird die jüdische Bevölkerung terrorisiert, Männer, Frauen und Kinder auf offener Straße mißhandelt, und — „die Polizei ist machtlos". Wer mit bloßem Prügeln davonkommt, kann, — so wenig auch Stöcke und Gummischläuche der Hooligans zu verachten sind, — noch von Glück sprechen; in der letzten Zeit sind aber die Verwundungen durch Messerstiche und Revolverschüsse sehr häufig geworden. Mit Revolvern ist der Odessaer Pogrompöbel reichlich ausgestattet: als unsere wohllöbliche Polizei in den glorreichen Oktobertagen des Jahres 1905 mit der jüdischen „Selbstwehr" gründlich aufräumte, fielen ihr die Waffen des „Feindes" als Kriegsbeute zu und wurden dann unter die braven Pogromhelden verteilt. Diese wissen natürlich von so ruhmreichen Waffen den gebührenden Gebrauch zu machen. So der tapfere Gasalabow, der vor einigen Tagen ein fünfjähriges Kind durch einen Revolverschuß -töd lieh verwundete, wofür er schließlich von der sonst so geduldigen und nachsichtigen Odessaer Polizei arretiert werden mußte. Dem braven Manne fiel das Arretiertwerden nicht leicht. Seine eifrigen Bemühungen im jüdischen Krankenhause, wo er vor wenigen Wochen einen kolossalen Exzeß veranstaltete und durch Revolverschiisse eine ungeheure Panik unter den Kranken hervorrief, brachten ihm seitens der Polizei nur die höfliche Einladung ein, die Stadt zu verlassen. Als er tags darauf von seiner Reise zurückkehrte, wurde es im Interesse der öffentlichen Sicherheit der lokalen Presse verboten, von seiner Rückkehr Notiz zu nehmen. Nach einem grandiosen Straßenskandal konnte man in einer der hiesigen Zeitungen lesen: „Führer der Exzedenten war einer, der vor kurzem zurückgekehrt ist." Darf nun unser Janhagel ungestraft die jüdische Bevölkerung zu jeder Stunde nach Belieben in Todesangst versetzen, so verspürt er doch ab und zu das Bedürfnis nach grof3en Aktionen, nach einem förmlichen Pogrom mil all seinen grauenhaften Begleiterscheinungen. Einen solchen Tag hatte unser Pöbel am vorletzten Sonntag, der lange im Gedächtnis der erfahrungsreichen und an manche Überraschungen gewöhnten Odessaer Juden bleiben wird. Der Abschaum der bunten Bevölkerung Odessas, alles was diese viertgrößte Stadt Rußlands an dunklen Ehrenmännern, Halsabschneidern und verbrecherischen Elementen aller Art besitzt, erschien an diesem denkwürdigen Sonntage auf der Oberfläche und feierte seine wüstesten, schauderhaftesten Orgien. Es war ein förmlicher Hexensabbat menschlicher Bestialität. Die Plünderungen und Mißhandlungen en masse, die verzweifelte, panikartige Stimmung der jüdischen Bevölkerung, die unzähligen Schwerverwundeten — alles erinnerte an die üblichen Schreckensszenen der großen Pogrome. Als Anlaß benutzten die Banditen vom „Verbände des russischen Volkes" die Beerdigung des ermordeten Gehilfen des Leutnants der Geheimpolizei Delphinsky* Den Reigen eröffnete eine an der Spitze des Trauerzuges marschierende 30 Mann starke Gruppe der Kampfesorganisation des „Verbandes" in gelben Blusen und gelben Mützen mit blauen Rändern. Ihnen folgten die für unsere Pogrome charakteristischen halbwüchsigen Burschen. Ihre „Tätigkeit" begannen die Hooligans auf der Troitzkajastraße in der sogenannten kaufmännischen Teewirtschaft A. Kleemanns. Während der Mittagsstunde drangen die Banditen pfeifend und johlend in die überfüllte Wirtschaft, zertrümmerten alles was ihnen in die Hände kam, folgten dann den in Entsetzen geflüchteten Besuchern in den Hof und in den Keller, schössen aus Revolvern und verursachten eine unbeschreibliche Panik unter den Hausbewohnern. Nach drei Stunden kam eine zweite Gruppe Exzedenten in die Wirtschaft, die aber diesmal viel gründlicher zu Werke ging. Irn Hofe ertönte bald eine Salve durch die der greise Owsjanik, Abraham Ornisch und Moses Ostrowsky verwundet wurden. Ornisch erhielt eine schwere Darmverletzung, Ostrowsky fühlte zunächst die Verwundung der Wange nicht und versteckte sich auf dem Abort, als es etwas ruhiger wurde, wagte er sich hervor, kaum hatte er aber zwei Schritte gemacht, da zerschmetterte eine zweite Kugel ihm den Kiefer. Der Unglückliche sank zusammen und stürzte in den anliegenden Keiler hinunter. Von der Troitzkajastraße aus breiteten sich gleich am Anfang die Ausschreitungen auf die ganze Umgegend aus. Besonders stark wurden die Preobrashenskaja, Usjrenskaja, Ekaterinowskaja, Nowo- Rybnaja, Staro-Rjesnitschnaja, Boljschaja, Arnautskaja, Basarnaja u. a. Straßen heimgesucht. Gründlich ausgeplündert wurden das Hut- und Pelzwarengeschäft von Solodowsky, das Delikatessengeschäft von Lekach, die Uhrenhandlung Slotnikows, der Bücher- und Zeitungskiosk Kotlars und andre mehr. Schwer verwundet wurden außer den Erwähnten unter andern Gregoire Silberstein, Samuel Goldschmidt, der zwölfjährige Krasilnikow, der drei Stichwunden erhielt, P. Edelmann, Schreibmann und viele andre. Ecke Nowo-Rybnaja- und Ekaterinowskajastraße spielte sich nach dem Berichte der „Odesskija Nowosti" folgende herzzerreissende Szene ab. Die „Gelbe-Blusen-Männer" umringten den Metzger Jacob Gutowitsch, der mit Frau und Kind vorüberging. Der entsetzte Gutovvitsch suchte die drohenden Hooligans durch Bitten zu rühren. „Du bist ein Jud' und mußt sterben", rief einer der Hooligans und schwang das Messer. „So verschonet doch wenigstens meine Frau und mein Kind. Nehmet mir das Leben, sie aber lasset in Ruhe", flehte mit bebender Stimme der Unglückliche. Ein Messerstich in die Schulterknochen war die Antwort. Guto witsch stöhnte und geriet ins Wanken. In diesem Momente wurdet ihm in Rücken, Kreuz und Kopf Messerstiche versetzt und er sanl den Raubmördern zu Füßen zusammen. Die Frau und das Kin< schrien indessen aus Leibeskräften. „Maul halten!" herrschte eine der Folterknechte Frau Gutowitsch an und schwang über sie da vom Blute ihres Mannes gerötete Messer. Aus der Mitte de Hooligans trat aber jetzt ein junger Mann hervor und ergriff seine: Kollegen am Arm. „Laß gut sein, Weiber wollen wir in Ruh lassensprach er. Diese Intervention benutzte Frau Gutowitsch sie nahm das Kind, ergriff die Flucht und verschwand in den' Pförtchen eines benachbarten Hauses, das sich rasch vor ihr aufe Ecke Preobrashenskaja und Boljschaja-Arnautskaja bei der Haltestell der Pferdebahn, spielte sich indessen eine andere Szene ab. DL Exzedenten sprangen in den Wagen der Pferdebahn, wo sie sie; auf die jüdischen Passagiere stürzten. Diese stürzten hinunter un flüchteten sich in die benachbarten Höfe. Einer der Hooligans bemerkte eine erschreckte Frau mit einem Kind auf dem Arm, hielt sk für eine Jüdin und entriß ihr das Kind. „Gebt mir das Kind zurück" schrie verzweifelt die Mutter, „ich bin eine Russin"; jetzt erschic. aber ein Detachement von Schutzleuten und die Exzedenten zerstreuten sich nach allen Richtungen, wobei sie das Kind mit sich wegschleppten. Die Frau wurde ohnmächtig. Ecke Malaja Arnautskaja und Sernskaja-Straße konnten die-