Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 42 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE ELT No. 42 Sammlung von einer Diskussion der Vorträge vollständig Abstand nahm. Bedauerlich war das nur insofern, als die Versammlung eine nahezu vollständige Heerschau über alle noch mit dem Judentum festverknüpften Intelligenzen des Reichs darstellte. Sicherlich wäre eine Debatte von großen Gesichtspunkten getragen und vom rhetorischen Standpunkt ein Genuß gewesen. Aber man zog mit Recht vor, alles Trennende zu unterdrücken und durch einstimmige debattelose Annahme der in den Resolutionen liegenden Kundgebung erhöhten Wert zu verleihen. Die deutschen Juden haben am letzten Sonntag gezeigt, daß sie entschlossen sind, den Kampf um ihre Gleichberechtigung in geschlossener Phalanx und mit größerer Energie aufzunehmen. Sie wollen sich nicht mehr mit Worten absprechen lassen, sie bitten nicht mehr, — sie fordern ihr gutes Recht als selbstbewußte Männer. Und — welcher Wechsel gegen früher! — sie erinnern sich auch der Bande des Bluts und des Glaubens mit dem ewigen Wanderer anderer Länder. Sie erblicken eine „Kränkung der deutschen Juden" in der Ausweisung von jüdischen Ausländern und der Verweigerung der Naturalisation! Und der Referent Dr. Loeb-Mainz. dessen Rede wir Wort für Wort unterschreiben könnten, begrüßte den wiedererwachenden Geist, der Tausende und Tausende wieder mit Stolz ihr Judentum bekennen läßt! Niemand würde dem Zionismus nehmen können, daß er Stolz und Selbstbewußtsein in reichem Maße unter uns verbreitet habe. Die Rede, welche wiederholt Beifallsstürme hervorrief, bildete den Höhepunkt der Tagung. Auch äußerlich war der Erfolg vollkommen. Namens des Regierungspräsidenten begrüßte Regierungsrat Walter die Teilnehmer und versprach sorgfältige Berücksichtigung aller an die Regierung gelangenden Anträge. Namens der Stadt Frankfurt sprach Stadtrat Schaumann, der hervorhob, welche Förderung die Stadt durch die Intelligenz und Opferneudigkeit der Juden erfahren habe. Die Versammlung selbst verlief würdig und in gehobener Stimmung. Die Galerien waren von Teilnehmern überfüllt. Wir lassen den hauptsächlichsten Inhalt der Reden folgen. Nach Eröffnung und Begrüßung ergreift das Wort Vorsitzender Justizrat Lachmann: Er führt aus: Das preußische Schulgesetz habe im zweiten Geschäftsjahr im Vordergrunde des Interesses gestanden. Wenn in Zukunft von einer jüdischen Volksschule und von einer Berücksichtigung des jüdischen Religionsunterrichtes bei Volksschulkindern in Preußen noch die Rede sein wird, so sei dies auf die ernsten Bemühungen des Verbandes zurückzuführen. Er danke der politischen Kommission und den Herren Abgeordneten, welche unseren Bestrebungen Verständnis und Bereitwilligkeit entgegengebracht haben. Hiergegen traten die Bemühungen bei Gelegenheit des Toleranzantrages im Reichetage, bei der Beratung des Reichs- Stempelsteu ergesetzes, bei der Wahrung der Rechte jüdischer Auslandsreisenden, was den Umfang der geleisteten Arbeit betrifft, in den Hintergrund. Sie zeigen aber, daß der Verband ständig auf der Warte stand und somit eine Funktion übte, für welche es bis zur Begründung des Verbandes an einem Organe der zusammengefaßten deutschen Judenheit gefehlt habe. Zu erwähnen sei noch die Tätigkeit der Kommission, welche mit anderen Verbänden zusammen zur Abwehr der Angriffe auf die traditionelle jüdische Schlachtmethode gebildet worden ist. Im dritten Geschäftsjahr stand die Arbeit des .Ausschusses unter dem Zeichen der Abstellung staatlicher Zurücksetzungen. Nach umfangreichen Vorarbeiten, bei denen die Gemeinden und unsere Herren Korrespondenten uns besonders anerkennenswerte Mitarbeit geleistet haben, ist der Verband zu sicheren Schlüssen darüber gelangt, wo bei der Auswahl der Schöffen und Geschworenen, bei der Beförderung' der angestellten Richter, und vor allen Dingen beim Avancement im Heere, die Zurücksetzung unserer Glaubensgenossen eine nachweisbare und planmäßige ist. Daraus ergab sich die Abfassung von Denkschriften an die Justizminister mehrerer Einzelstaaten in Angelegenheiten der Schöffen- und Geschworenen-Auswahl, ferner die Fertigstellung der Denkschrift betreffend die Zurücksetzung der Juden im Justizdienste, während ein entsprechender Schritt hinsichtlich des Heeresdienstes noch nicht eine »genügende Grundlage gefunden hat. Die von Herrn Justizrat Breslauer fertiggestellte Denkschrift über die Zurücksetzung der Juden im Justizdienst wird an die Behörden versandt werden. Die Delegierten finden ferner in dem ihnen überreichten neuen Geschäftsberichteine an den Bundesrat gerichtete Denkschrift betreffend die Sabbatruhe, welche darauf abzielt, unsern traditionell-religiös lebenden Glaubensgenossen auch bei verschärfter Sonntagsruhe die Erfüllung ihrer religiösen Pflichten zu ermöglichen. Ich erwähne unsere Arbeiten auf dem Gebiet der preußischen Gemeindeorganisation. In 18 Sitzungen haben wir in treuer Mitarbeit mit dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde zunächst die erste Lesung eines Gesetzentwurfes für uns durchberaten. Im November hoffen wir die zweite Lesung fertigzustellen, um sie sodann den Gemeinden zur Begutachtung vorzulegen. Hoffen wir, daß daraus zunächst für Preußen ein Gesetz entsteht, welches der Idee der Zusammenfassung der Juden Rechnung trägt und aus diesen Gedanken heraus das Fortbestehen namentlich leistungsschwacher kleiner Gemeinden ermöglicht. Neben diesen Arbeiten, welche in gleicher Weise vor der Bildung des Verbandes nicht geleistet werden konnten und jedenfalls nicht geleistet worden sind, gedenke ich der stilleren Arbeit unserer Schächtkommission, der mit dem Gemeindebund gemeinsam gebildeten Kommission zur Überleitung in die Verhältnisse des neuen preußischen Volksschulgesetzes und der schwie rigen Anfänge der Arbeiten unserer literarisch-apologetischen Kommission, welche nach einem Beschluß des Gesamtausschusses dahin nutzbar gemacht werden soll, daß sie sich zu einer Zentralstelle ausbildet, welche die apologetische Tätigkeit der vorhandenen Vereine organisiert und die Errichtung neuer Organe, wo die vorhandenen nicht ausreichen, fördert. Das Wort ergreift sodann Gehe im rat Dr. Cohen-Marburg um im bekannten Sinne seiner Ethik das Judentum als religiöse Bewegung zu schildern, den Missionsgedanken zu begründen, zu zeigen, daß es ohne Gott keine Sittlichkeit gebe und diese das alleinige Bindemittel des Judentums sei. Zu bedauern war, dal,; der Redner seine Ausführungen nicht frei hielt von Ausfällen gegen den Zionismus und die nationaljüdische Bewegung. Im Interesse der von ihm vertretenen Sache wäre dem Verbände zu wünschen, daß es ihm gelingen möge, in Zukunft nur Redner herauszustellen, die das Einigende und nicht das Trennende hervorheben. Über Staatsinteresse und Judenpolitik referierte Professor Marth' Philippsohn-Berlin: Das Altertum habe das Staatsinteresse auf dem Gebiete der Religionspolitik lediglich in der Bewahrung des altüberlieferter' Kultus bei den Bürgern des eigenen Staates gesucht; den Fremder gegenüber habe es sich aber konfessionell gleichgültig verhalten, wenn sie nicht die Staatsreligion angriffen. Die christliche Kircht dagegen 'habe geglaubt, im Alleinbesitz der Wahrheit zu sein, und deshalb jedermann gezwungen, sich ihr zu unterwerfen, soweit in: Machtbereich sich erstreckte. Nur die Juden wurden als Zeuger für die Entstehung des Christentums in ihrem Glauben belassen aber als hartnäckige Leugner der Wahrheit mit Demütigungen be handelt, die oft in Verfolgungen oder gar Vertreibungen ausarteten Ihre Ausschließung von allen Zünften und Gilden habe sie genötigt den Lebensunterhalt allein im Geldhandel und Geldverleihen zi suchen, was ihnen auch sozial Haß und Verachtung eintrug. Ers die Gleichberechtigung der verschiedenen christlichen Kirchen infolge des Westfälischen Friedens (1648) und die daraus sich ergebend*. Befreiung des Staatsinteresses von den ausschließlich kirchliche! Rücksichten, sowie die „ Aufklärung" des 18. Jahrhunderts brachter hierin so weit eine Änderung hervor, als der offizielle unc persönliche Religionshaß gegen die Juden verschwand. Abe ihre tatsächliche Gleichstellung sei erst durch die französische Revolution und die Verbreitung der Ideen derselben ermöglich worden. Es sei auch in Deutschland eine neue Anschauung von Staate, seinen Pflichten und Interessen' entstanden. Die aus de Revolution hervorgegangene liberale Schule des Staatsrechtes habt die Aufgaben des Staates in völliger Gleichberechtigung aller Be kenntnisse und Volksklassen in freier Entfaltung und Ausnutzung der Kräfte aller Bürger gefunden. Im Gegensatz dazu habe sich die auf mittelalterlichen Überlieferungen beruhende Lehre von „Christlichen Staat" gebildet, die wieder die Ausschließung de: Israeliten von allen staatlichen Rechten verlangt habe und du herrschende Meinung der streng Konservativen und der dieser anhängenden Regierungen geworden ist. Die Judenpolitik de: deutschen Staaten und dann des Reiches sei seit siebzig Jahrer durch den Kampf dieser beiden Ansichten über das Wesen und die Interessen des Staates bestimmt worden. Alle größeren deutscher Länder hätten jetzt mehr oder weniger die liberale Richtung den Judentum gegenüber bestätigt, mit Ausnahme Sachsens und Preußens.