Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 42 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Polemik mit den Antisemiten huldigte! Nein, es ist neben der Ignoranz und dem Eigennutz auch ein überzeugter, tiefernster, rassen- oder religionstraditioneller, lyrisch-säuselnder, rhetorisch-donnernder, auch philosophisch-tuender Fanatismus, ein Kampf um die liebgewordenen Gewohnheiten, Einrichtungen und Anstalten. Die Schmakows, Dubrowins und Sarappows sind leider kein Rindvieh. Es sind Kerle — wie Lueger, wie Goldwin Smith, wie Mercier. Sind denn wenige im Westen vorhanden und hat nicht erst vor einigen Tagen ein so einflußreiches und vornehmes katholisches Blatt wie die „Germania4' geschrieben, es fände die Erleichterungen zugunsten der jüdischen Studenten in Rußland befremdend? Es ist besser, wir nehmen die Wirklichkeit, wie sie ist, und wir unterschätzen die Kraft unserer Feinde nicht. Wir haben auch Freunde, und am allerwenigsten unterschätzen wir ihre Bedeutung. Rußland ist eben jetzt das Land der Extreme: einerseits Echtrussen, anderseits — legen Dekane und Professoren der Kiewer Universität ihr Amt wegen der Wiedereinführung der Judenbeschränkungen nieder. Im geordneten, normalen, prosaischen Westen kann man eine solche Gefühlstat gar nicht verstehen. Wären hier, wir wollen nicht sagen: christliche, zumindest jüdische Professoren zu einem solchen Opfer fähig? Es ist ganz undenkbar, und die Ursache liegt weder im Himmelsstrich, noch in der Rasse. Das Impulsive kommt nur unter solchen Umständen und bei einer solchen Stimmung zur Geltung, wie sie jetzt in Rußland herrschen. Das Gute und das Böse, das Helle und das Finstere, alles tritt mit größerer Gewalt auf. Es ist die Gewalt, die sich jahrhundertelang angesammelt und jetzt zum Ausbruch gekommen ist. In blutig verworrenen Zeiten sprechen die guten Genien und die bösen Dämone mit Feuerzungen. Es ist eine Begeisterung, deren Ungestüm alle Dämme niederreißt, eine Ekstase, die das Gemeine und Unedle vom Leben abstreift, die schlichten Alltagsmenschen in Helden verwandelt und die Poesie des Martyriums an den Tag treten läßt. Was sind die philosemitischen Abwehrschalmeien im Westen Europas gegen die Tat der Kiewer Professoren und Dekane? Leere Redensarten, wohlfeile, äußerliche, hohle Vereinsmeierei! Bequeme, berechnete, praktische .Berufsmenschen haben als Anhängsel zu ihren Interessen, die sie ganz in Anspruch nehmen, manches Bestreben, manche Liebhaberei, manche Laune, für die sie noch etwas übrig haben, — eine überflüssige Stunde, ein angenehmes Wort, ein paar Pfennige. Die russische Psyche ist auch in weniger aufgeregten Zeiten ganz anders veranlagt. Groß, überschwänglich, mit einer „Nitschewo"-Rücksichtslosigkeit für Raum und Zeit, mit einer grandiosen Geste, weit, naiv und primitiv, wie die Steppe, halb Gott, halb Tier, — ist die russische Psyche nicht in die versteinerte Technik der Gesittung eingezwängt, sondern bewegt sich noch auf einem großen Spielraum innerhalb und außerhalb dieses Rahmens. Das geschieht auch in normalen Zeiten, aber noch mächtiger brausen die Entwickelungsstürme des Individuums und des Ganzen, mit einer noch viel größeren Lebhaftigkeit lösen sich die inneren Spannungen aus, und mit einer größeren Gewalt kommt die überströmende Kampfeslust der Oberzeugungen und der Leidenschaften in einer Zeit wie der jetzigen, zum Vorschein. Es hagelt Programme, Prinzipien, Methoden; man rennt hinter allen Problemen einher; man stürzt sich gierig auf die modernste Spielart irgendeiner Formel, irgendeiner Theorie, mit der sich in Westeuropa kaum einige Akademiker beschäftigen; neben dem Idealismus, der eine schwindelnde Höhe erreicht, erscheint eine Unreife, eine übertriebene Zugkraft der Schlagworte, die Ecken und Kanten einer beabsichtigten Ungebundenheit* die die abgelöste, reifere, kulturelle Form mit grimmigem Hohn herausfordert. Eine Elitetruppe der Intellektuellen, die Kiewer Professoren, entschließen sich zu einer Leistung, die die Phantasie eines jüdischen Chauvinisten nicht ahnen könnte. Es sind die Techniker, die Mathematiker, die freiheitlich gesinnten modernen Russen, die dem radikalsten der Verbände, dem Ingenieurenverbande, angehörten, Sie haben jüdische Studenten ohne Rücksicht auf die Prozentnorm aufgenommen. Die Regierung duldete es noch vor einigen Monaten; sie hatte auch manche autonome Rechte den Universitäten zuerkannt. Nun hat sie wieder alles über den Haufen geworfen und die Prozentnorm wiederhergestellt. Infolgedessen gehen die Professoren und die Vorstände; sie werden Hunger leiden, sie werden vielleicht auch von der Administration empfindlicheres zu fühlen bekommen, die Schwarzhundertmänner werden ihre Plätze einnehmen — „nitschewo" (tut nichts)! Es ist ein freier Idealismus, der mit Adlerflug ins Blaue hineinfliegt. Aber rücksichtsloser als der russische Ormuzd ist der russische Ahriman: ein entfesseltes Raubtier unter den Schwachen und Widerstandsunfähigen, im Blute watend, über Leichenhügel zum Ziele grausamer Gewaltherrschaft hinaufstreben! Gringmut und die Professoren der Kiewer Universität bezeichnen die Grenzpunkte, zwischen denen die Judenfrage in Rußland pendelt. Es existiert aber ein wesentlicher Unterschied: die Liebe ist platonisch, der Haß ist fauststark. Wenn man in Odessa Juden auf der Straße tötet, so ist es leider greifbare Wirklichkeit; die Tat der Kiewer Professoren ist ... lieb, erhebend, schön, Ästhetik, Sujet für Leitartikel. Die Wirklichkeitsmenschen in Rußland jetzt sind die sogenannten „Schwarzhundertmänner". Dieses weltgeschichtliche Drama wird so wenig im Westen verstanden, so oft mangelhaft und sensationsmäßig, mit reporterhafter Seichtheit von der allgemeinen Presse behandelt, daß einem das Herz weh tut, wenn man es liest. Es dürfte vom menschlichen Standpunkte von hervorragendstem Interesse sein, den großen UmformungsprozeßRußlands zu studieren, und um wieviel mehr vom jüdischen Standpunkte! Lebt doch die Hälfte des jüdischen Volkes in Rußland und befindet es sich doch jetzt eben „zwischen Tür und Angel"! Ist es nicht tragikomisch, daß man im Westen über irgendeine Hypothese wegen des Shylockssage, oder über irgendeine abgedroschene, sogenannte ..historische4' Frage wegen einiger Juden exotischer K::L;gorie Bände schreibt und liest, während man vom lebenden jüdischen Volke, von seinen jetzigen Problemen und Schicksalen so gut wie nichts weiß? Es handelt sich aber nicht nur um das akademische Wissen, sondern um die Nutzanwendung dieses Wissens. Wie die Dinge bis jetzt lagen, hat die jüdische Wohltätigkeit, durch die Pogrome aufgerüttelt, eine Geldsumme hingeschleudert. Wie die Dinge jetzt liegen, genügt das nicht. Es bedarf einer tiefen Erkenntnis, eines unaufhörlichen Studiums, und wofür sind denn eigentlich die Vereine für Literatur