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Die Welt · 1907-10-18 · 42 (18.10.1907) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
42 (18.10.1907)
Date
1907-10-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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4 DIE^ELT No. 42 samen passen würde, verteidigte er mit der dialektischen Wucht eines mit allen Waffen des Wissens ausgerüsteten Volkstribuns. Gringmut glich ihm nicht in agitatorischer Raffiniertheit, sondern in agitatorischer Brutalität. Man fragte, ob sich nicht in den Namen des geifernden Hetzapostels ein tückischer Druckfehler, ein sarkastischer Lapsus hineingeschlichen hat. Qringmut! Ist das ein Mann, der berufen ist, den Erzrussen einen autochthonen Geist einzuhauchen und der im Bewußtsein seiner antäischen Kraft es wagen darf, die Parole: „Rußland für die Echtrussen!" auszugeben? Die Dostojewskis, die Tolstois, die Czechows, die verständnisvoll und mit innigster Teilnahme die geheimen Regungen und Kämpfe in der russischen Seele beobachtet und geschildert haben, die Turgeniews und die Saltykows, die in das eigenartige Wesen der Russen einen so tiefen Einblick taten, — müßten sie alle zu einem Qringmut in die Lehre gehen, das Leben ihres Volkes abzulauschen? Die Dichter und die Denker, das mahnende Gewissen Rußlands, die Geister der Verbannten und Eingekerkerten, was würden sie sagen, würden sie aus ihrem olympischen Gewölk hervortreten und die Lehre der Echtrussen hören? Karl Amalja Gringmut! Ein rein germanisches, oder ein germanisch-semitisches Produkt? — fragten die Genealogen. Man war naiv, als man noch glaubte, durch ähnliche Enthüllungen einen Schönerer, einen Drummond, oder einen Qringmut unschädlich zu machen. Es hilft nicht. Die Leute machen sich nichts aus den Argumenten, und wenn sie in die Enge getrieben werden, sagen sie: Ja, das ist eben eine Ausnahme, oder der hat sich assimiliert, oder was geht uns die Person an? Er repräsentierte einen Typus. Einen weit verbreiteten und wenig erfreulichen. Ein Meschumed, vom Germanentum ins Echtrussentum verpflanzt. Der geborene Echtrusse ist nicht besser, aber wir können ihm ein psychologisches Verständnis entgegenbringen. Er verteidigt seine prädominierende Stellung und seinen Besitzstand. Ein starrer griechisch-orthodoxer, moskowitischer Herrenmensch, für den das beharrlich unwandelbare Rußland mit den Glockentürmen und den Georgserinnerungen ein Ideal bildet und der in der herandrängenden Revolution mit autonornistischen Forderungen eine Gefahr erblickt, — ist die natürliche Gestalt eines Fanatikers des Stammes, der Herrschaft und des Status quo. Aber der Fremdling, der schon atavistisch anders fühlt, — ist auch > er imstande, diesen Grad einer, wenn man so sagen darf, idealistischen Verrohung zu erreichen? Der Verstand sträubt sich dagegen, — und doch behaupteten viele, natürlicherweise nicht in Zeitungspolemik und Parteigezänke, sondern bei ernsteren Betrachtungen, Gringmut flunkere nicht mit fremdem Geiste, sondern es sei tiefsittliche und ehrliche Grundstimmung eines überzeugten Fanatikers. Ist das unmöglich? Leider ist es nicht unmöglich. Wir sagen „leider", weil es besser wäre, diese Erscheinung als eine persönlichen Motiven entsprungene Abnormität betrachten zu können. Wie angenehm wäre es, die Rückständigkeit im Kreise der nur autochthonen und der ganz finsteren Massen gebannt zu wissen! Die Reaktion hingegen, — ein instinktiver Reflex, eine Herdenbewegung, aber keine bewußte und zweckvolle Denktätigkeit, das wäre ein Zustand, am innigsten zu wünschen. Das wräre nicht das Traurigste; über einen solchen „Gringmut" könnte man. „wohlgemut" sprechen. Schade nur, daß wir eine solche Diagnose nicht mit aller Sicherheit aufstellen können. Es existieren russische und russifizierte wilde „Idealisten", die eben jene Zustände, die zum Himmel schreien, die eben jenen Polizeidruck, jene Zurücksetzung der Juden u. dgl. als das politisch beste und reifste System betrachten. Ein Bauernstand, aufgewachsen im Bannkreise der Leibeigenschaft, ist der glücklichste; die moderne Entwickelung, die Industrialisierung, die Schaffung ganz neuer Erwerbsquellen, die Zulassung der Massen zur Beteiligung an der Regierung, die Vermittelung der Segnungen der Bildung und der Rechte an die Juden sind — schädlich, umsturzdrohend für das festgehämmerte, autokratisch geformte, heilige Rußland. Es ist besser, daß wir uns über die Tatsache nicht hinwegtäuschen, daß eine solche Romantik existiert. Sie ist gefährlicher als die spekulierende Hetze gewissenloser Skribenten, bedrohlicher als die alkoholisierte, bestialische Pogromstimmung. Sie macht die Pogrome unvermeidlich, auch wenn sie sie nicht provoziert. Je länger der Umwandlungsprozeß, in dem Rußland begriffen ist, anhält, desto mehr Zeit hat diese Reaktion, sich zu organisieren. Durch allerlei Häßliches, Finsteres und Unheimliches entstellt, verdient sie jetzt die Benennung: schwarzes Hundert. Man ist noch dort jung, und man glaubt, durch eine polemische Benennung die Sache abzutun. Aber die Sache liegt tiefer. Wenn alle Auswüchse menschlicher Interessen und Gesinnungen ihre Logik und ihre Poesie haben, wie ist es möglich, daß nicht auch ein großrussischer konservativ-klerikaler Chauvinismus seine russischen Derouledes, Lemaitres und Coppe's finden soll? Hai Rußland, und zwar nicht nur das analphabete Rußland, sondern auch das schreibkundige, nicht dasRecht, Ahlwardts und Pücklers eigener Zucht zu haben? Sie waren im bisherigen Rußland nicht als Partei vorhanden, weil das Parteiwesen überhaupt verpönt und die innerpolitische Betätigung des Individuums verboten war Nun sind doch zum Teil diese Schranken gefallen, und da regen sich auch jene Elemente. Es erinnert an ein possierliches Genrebild. Ein treuer Hund wurde von seinem Herrn jeden Tag zum Fleischer geschickt, um die Fleischration fürs Mittagsmahl zu holen. Das gute Tier trug jeden Tag das Fleisch im Korbe, den es zwischen den Zähnen fest gehalten hat, ohne es anzurühren, oder von anderen Hunden anrühren zu lassen. Eines Tages wurde dieser vierfüßige Bote von einer Masse seiner Mitgeschöpfe überfallen. Er verteidigte sich, so lange und so gut er konnte, aber er wurde überwunden, und die Hunde bemächtigten sich des Fleisches und begannen sich daran wohlzutun. Einen Augenblick stand der arme Hund in seiner gekränkten Unschuld grollend abseits, aber nachher überlegte er sich die Sache, trat an den Schmaus heran und begann mitzufressen. So geschah es auch mit den Echtrussen. Der Moskauer Antisemitenführer Schmakow erklärt es ganz offen: „Er ist nicht für eine repräsentative Regierungsform, er wehrte sich gegen jede Duma: aber nachdem sie vorhanden ist, muß er mitmachen/' Der Schwarzhundertmann mit dem deutschen Namen ist tot, aber der Name seiner Partei ist: Legion. Es sind nicht nur Analphabeten und nicht nur Mietlinge - verfallen wir um Himmelswillen nicht in den kindischnaiven Wahn, dem man in den ersten Jahren der

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