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Die Welt · 1907-10-18 · 42 (18.10.1907) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
42 (18.10.1907)
Date
1907-10-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XL JAHRG. KÖLN, 18. Oktober 1907 p-nr6 ttbnn'tf }wn No. 42. DIE LAGE (Osteuropäische Streiflichter) Dem Zerstreuungsbedürfnis des Publikums werden ( lese Streiflichter nicht entgegenkommen. Das sei von \ ornherein gesagt und jede Täuschung vermieden. Das ■rbwechseiungsbedürftige, sensationslüsterne Publikum v/eicht vor umfassenderen und tieferen Übersichten scheu i der bequem zurück. Aber Rücksichten, Zimperlichkeiten müssen einer jüdischen Presse fremd sein und i ürfen sie nicht binden, wo es sich um solche Fragen handelt. Die jüdische öffentliche Meinung muß zu einem leferen Verständnis der Judenfrage in Rußland herangezogen werden — und diesem Zwecke sollen folgende Ausführungen dienen. Sie behandeln einige Episoden 'er letzten Zeit. Die Lage ist außerordentlich düster und beunruhigend. Die verwickelten Probleme, dienationalen <Unterschiede und die sozialen Gegensätze verschärfen ich von Tag zu Tag. In Odessa pogromt es eständig. Die Begnadigung der Pogromverbrecher chreckt die Gemüter. Wird irgend ein Zugeständnis den von tausend Ausnahmegesetzen gequälten uden gemacht, so wird eine dröhnende Reklame emacht und die Echtrussen erlassen geharnischte toteste. Westeuropa versteht von diesen Dingen so <;ut wie nichts. Man hat jüdischen Studierenden erlaubt, nehr als es die Norm vorschreibt, in die Universitäten inzutreten. — Darüber wurden Hunderte Aufsätze eschrieben; man hat dabei übersehen, daß die Zahl!er Schüler in dem Gymnasium schon beschränkt ist uid daß ohne Aufhebung dieser Beschränkung dies Zugeständnis zugunsten der Studenten wertlos ist. Man weiß überhaupt nicht, in welch einem Netz von -erboten, Strafdrohungen und Gefahren die Juden eben. Die Reaktion des sogenannten Schwarzen Hundert ird unterstützt. Über die Aussichten der dritten Duma >at man sich getäuscht. Die Reaktion ist stark, trotzdem ie in diesen Tagen einen Verlust erlitten hat. Über liesen Verlust wollen wir genauer sprechen, um an 'er Hand dieser Charakteristik die Lage im allgemeinen 2u beleuchten. Das Idyll der Knute hat seine begeisterten Dichter. Hiner dieser Parnaßbewohner ist in diesen Tagen gestorben: Gringmut, der Redakteur des erzreaktionären Moskoviterblattes: „Moskowskija Wiedomosti". Das war ein potenzierter Federkosak, ein Apokalyptiker der Selbstherrschafts„idee", ein Symboliker des Pogroms, ein Panegyriker der klirrenden, lebensl änglichen, sibirischen Kette, ein glühender Schwärmer für Brutalität. Das A und Q seiner Bestrebungen war die Nagaika. Wohin er blicken mochte, überall sah er Personen, Gruppen, Stände, ja ganze Völker, die man nach seinem Ermessen nach Sibirien und, solange Sachalin russisch war, nach Sachalin verbannen sollte. Geschah es nicht so gründlich und so schnell, wie er es wollte, so war es für ihn klar: die Dämonen des Freisinns, der Auflehnung, der wesensfremden Elemente des Judentums, des Polentums, des Deutschtums etc. treiben ihr heimliches Spiel, In wilden Delirien ließ er dann Fieberbilder aufflammen, die nicht nur der Logik, sondern auch dem Einmaleins Hohn sprachen. Bald war es ein jüdisches Syndikat, die Fata morgana einer Milliardärenmacht, die ihre goldenen Krallen von Paris nach Berdyczew hinüberstreckt, bald war es eine polnische Zaubergewalt, oder das denkwürdige, gewagte Phantasiestück wegen der englischen Millionen, die den Krieg mit Japan angezettelt haben sollen. Das eintönige Grau der Chronik des schwerfälligen, nichtssagenden russischen Alltagslebens, der Chronik, die überdies noch von den Argusaugen der Zensoren bewacht wird, damit keine leichteren Farben hineinkommen, hat er durch den Flackerschein von Haß und Fanatismus belebt. Er konnte weder hell sehen noch hoch denken; der Adel der Gesinnung und auch die edle Form blieben ihm fremd. Er war kleinlich, boshaft, gespreizt, mit einer unerträglich geschraubten Phraseologie, banal, — aber er erreichte jenen Grad der Banalität, wo diese schon wieder anfängt, durch ihr Übermaß originell zu werden. Er hatte in dieser Beziehung nur einen würdigen Rivalen, den polnischen Antisemiten Jan Jelenski. Denn Gringmuts Vorgänger, Katkow, war ein Talent und vielleicht noch mehr: ein Genie. Ein störendes, rückbildendes, schädliches Genie, aber ein Genie. Vorsintflutliche Ansichten, eine Lebensauffassung, die in die Epoche Iwans des Graul*

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