Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 40 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316240-3316283--49811-3344792- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
20 DIEl^ELT Wo. 40 und alle sagten, das sei ein gutes, ein sehr gutes Vorzeichen. Dann traten wir, einer nach dem andern, nebenan in das Schlafgemach, * an das reichverzierte, spitzenbehangene Bett, wo die jugendlich schöne Mutter lag und den Erstgeborenen in den Armen hielt. Wir sagten unsern Glückwunsch und sahen dabei in ein Augenpaar, aus dem unendliche Seligkeiten jauchzten. (Frankfurter Zeitung.) NOTIZEN Ein Interview mit Dr. Nathan Der Korrespondent des „Rasswjet" berichtet über ein Interview mit Dr. Nathan wie folgt: Dr. Nathan ist zweifellos einer der bedeutendsten Führer der jüdischen Öffentlichkeit der Gegenwart. In seiner Eigenschaft eines geschäftsführenden Vorsitzenden der größten deutsch-jüdischen Wohltätigkeitsgesellschaft war er der erste, der die engherzige miserabele Politik unserer westeuropäischen Philanthropen aufgegeben hat, die kurz bezeichnet werden kann: „Hier ist das Almosen, machen Sie, daß Sie weiterkommen" . . . Er war der erste, der einen radikaleren Weg eingeschlagen hat, sofern in der Wohltätigkeit überhaupt radikale Wege möglich sind. Zunächst hat er persönlich den sogenannten Osten, insbesondere Rußland und seine Jugend studiert. Seine Stellung den russischen Juden gegenüber ist bekannt. Er betrachtet sie als Menschen, die in den unerträglichsten Bedingungen leben und trotzdem dem Einfluß dieser Bedingungen sich nicht unterwerfen, sondern im Gegenteil ihre Menschenwürde und ihren Freiheitsdrang in einem genügenden Maße zu erhalten suchen. Und wenn man jetzt in Deutschland in den meisten Fällen aufgehört hat, auf den russischen Juden als auf einen Schnorrer herabzuschauen, wenn man aufgehört hat, ihn als einen „schmutzigen Polen" zu betrachten, so ist dieses hauptsächlich das Verdienst Dr. Nathans. Wie viele unserer Führer steht er auch auf dem Standpunkte^ daß die jüdische Frage in den Orten innerhalb der Punkte, wo sie existiert, gelöst werden muß. Er ist aber der erste westeuropäische Jude, der alle seine Kräfte aufbietet, um in dem betreffenden Lande die Bedingungen, unter denen die Lösung dieser Frage möglich wird, zu schaffen. Das ist eine der interessantesten Seiten seiner Tätigkeit, die wir vorläufig nur andeutungsweise erwähnen. Viel interessanter ist seine auf dem Gebiete der Emigration geleistete Arbeit. Er rechnet mit der Emigration als mit einer notwendigen natürlichen Tatsache. Indem er jede Anspornung zur Emigration als ein Unglück betrachtet, hält er es doch für die Pflicht der jüdischen Gesamtheit, dem jüdischen Auswanderer dasjenige zu bieten, das bei allen anderen Nationen der Staat bietet, den Schutz seiner Interessen und die Information. In letzter Zeit hat Dr. Nathan seine Aufmerksamkeit auf unsern Osten, auf Palästina, gerichtet. Im Laufe einer kurzen Zeit gelang es dem Hilfsverein, eine Reihe jüdischer Schulen in Palästina ins Leben zu rufen oder unter seinen Schutz zu stellen. Und auch auf diesem Gebiete unterscheidet sich die Tätigkeit des Vorsitzenden des Hilfsvereins von der herkömmlichen routinemäßigen Schablone anderer westeuropäischer jüdischer Organisationen. Dr. Nathan steht dem Zionismus fern und bekennt sich nicht einmal zum jüdischen Nationalismus. Jedoch hat er die falsche Politik der Alliance und anderer Gesellschaften richtig begriffen. Er ist aus rein praktischen Erwägungen zu der einfachen Erkenntnis gelangt, daß man den Juden im Osten oder wo es auch sei nicht mit nationalchauvinistischen Versuchen, die auf den Beifall der französischen oder irgendeiner andern Regierung rechnen können, helfen kann, sondern daß man ihn als Juden unterstützen soll. Deshalb sind die Schulen des Hilfsvereins in Palästina jüdische Schulen und die sowohl in den Schulen wie den Kindergärten vorherrschende Sprache ist die hebräische. Herr Dr. Nathan begab sich vor wenigen Tagen nach Palästina, wo er ungefähr drei Monate bleiben wird. Über seine Palästinareise wurde in verschiedenen jüdischen, insbesondere in zionistischen Kreisen soviel gesprochen, daß wir uns veranlaßt gesehen haben, ihn vor seiner Abreise zu besuchen und über seine Ziele und Pläne zu befragen. Zuvörderst äußerte Dr. Nathan den Wunsch, man möge über seine Reise so wenig als möglich die Trommel rühren. „In dieser Beziehung", sagte er, ».sündigen wir Juden mehr als die andern. Es wäre besser, darüber zu sprechen, was verwirklicht worden ist und nicht, was geplant wird, oder wenigstens über die Pläne nur dann zu sprechen, wenn sie schon eine gewisse Gestalt angenommen haben, wenn die Grundlage für ihre Verwirklichung geschaffen worden ist." „Sie werden daher begreifen", fuhr er fort, „weshalb ich es Jetzt für unmöglich halte, über meine Pläne zu sprechen, die ich in bezug auf Palästina entworfen habe und deren Verwirklichung der Hilfsverein in Angriff nehmen wird. Ich reise, um mich an Ort und Stelle zu überzeugen, inwiefern meine Pläne praktisch sind. Solange aber unser Komitee die Projekte noch nicht akzeptiert hat, halte ich deren Veröffentlichung für verfrüht." „Sie haben vollkommen recht", sagte ich zustimmend, „aber wollen Sie vielleicht die Güte haben, mir in großen Zügen die Richtung Ihrer Pläne anzudeuten?" „Ja, mit Vergnügen. Ich habe nicht die Absicht, dem Hilfsverein zu empfehlen, unmittelbar irgendwelche ökonomische Unternehmungen einzuleiten. Meine Bemühungen gehen dahin, den palästinensischen Juden die Bildungsmöglichkeiten zu schaffen, die sie in die Lage versetzen werden, praktisch und zweckmäßig ihre ökonomische Hebung selbständig vorzunehmen. Deshalb brauchen wir Schulen, die die Vorbedingung für die Befriedigung der ökonomischen und anderer Bedürfnisse des Landes und der jüdischen Bevölkerung bilden. Meine Aufgabe besteht vor allem darin, genau zu untersuchen, inwiefern die existierenden Institutionen des Hilfsvereins unseren Bedürfnissen entsprechen, ob und wie man sie noch verbessern könnte. Diese Untersuchung kann nur an Ort und Stelle vorgenommen werden und erfordert genaue und gründliche Unterredungen mit den Personen, die dort leben und die die lokalen Verhältnisse kennen. Haben sich viele Pläne als aussichtslos in Palästina gezeigt, so ist der einzige Grund dieses Mißlingens darin zu suchen, daß man aus Europa Dekrete in bureaukratischer Weise hinzuschicken pflegte über das, was dort gemacht werden soll. Der Hilfsverein möchte diesen Irrtum beseitigen. Wir wollen engere Beziehungen zu unsern Glaubensgenossen im Osten schaffen. Deshalb denken wir nicht daran, ihnen von Berlin aus in bureaukratischer Weise Unternehmungen und Reformen aufzuoktroyieren. Wir wollen aufmerksam anhören, was unsere Brüder dort als gut für sich erachten, und nach genauer Untersuchung werden wir nach Maßgabe unserer Kräfte ihnen dasjenige liefern, was notwendig ist. Wir sind absolut gegen jede Bevormundung sowohl in religiöser wie in erziehlicher oder wirtschaftlicher Beziehung. Wir werden zusammen mit unsern dortigen Glaubensgenossen arbeiten, wir werden einen Meinungsaustausch anbahnen, unsere beiderseitigen Erfahrungen verwerten und dann erst recht einsehen, was zur Verwirklichung reif ist. Ich wiederhole: Wir bestreben uns, engere Beziehungen zwischen den deutschen und palästinensischen und andern orientalischen Juden zu schaffen. Wir deutsche Juden werden es nicht wagen, die dortigen Juden diktatorisch zu bevormunden. Wir begreifen es sehr gut, daß weder die Berliner noch die Pariser Schablone auf Palästina anwendbar ist, und wir sind gerne bereit, unsere Anschauungen den Ansichten und Erfahrungen der dortigen