Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 40 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 40 DIEÄELT 19 braunes, zappelndes Knäblein auf dem Arm. Wie sie sich von mir beobachtet sieht, bedeckt sie schnell ihr feingeschnittenes Antlitz mit dem Zipfel des faltigen weißen Gewandes. Aber sie ist neugieriger als ich, der Fremde, es sein darf, denn ihre verhüllte Gestalt erscheint auch in der Türe, und ein paar große tiefe Augen schauen uns nach. „Wie friedlich ist es doch in diesem Teil der Stadt", sage ich zu dem Araber, der neben mir geht. — „Ja," erklärt er, „es ist so still, weil hier keine Juden wohnen. Es gibt kaum einen Laden oder eine Werkstatt und keinen Arbeitslärm in diesem Viertel". Doch das Quartier der moslemitischen Ruhe beherbergt nur einen kleineren Teil der arabischen Bevölkerung. Die übrigen leben mit den jüdischen Einwohnern in gleichen Straßen, oft unter einem Dache und bisweilen in demselben Räume einträchtig beieinander. Beide treiben Handel oder ein Handwerk, oft auch gemeinsam. Sie arbeitea unterschiedslos auf dem Neubau wie in der Schmiede zusammen. Ihre Kramgeschäfte und Wechslerbuden auf dem „Kleinen Socco" sind nicht verschieden an Art und Zahl. Im Wandel und Wesen der beiden Elemente fällt eigentlich auch kein trennendes- Merkmal auf; sie scheinen zu einander zu gehören. Die Bekenner des Islam wissen hier nichts von einer Feindschaft gegen die israelitischen Mitbürger, und es muß schon sehr lange her sein, daß man die Synagogen aus Angst vor Verfolgungen in versteckte Hinterhöfe einbaute und die Zugänge zwischen winklige hohe Mauern legte, damit sie besser zu verteidigen wären. Sollte aber aus der glimmenden Gegenwart doch der „heilige Krieg" emporlodern, so wird es manchen Juden in Tanger geben, der in diesen Engpässen sein Leben nicht billig verkauft. Denn es sind Makkabäergestalten unter ihnen. Viele starke und stattliche Erscheinungen, hochgewachsene kräftige Männer mit edlen Köpfen. Man sieht ihnen an, daß sie Nachkommen jenes Stammes sind, der einst gemeinsam mit den besten Geschlechtern der Mauren das katholische Spanien groß und glücklich gemacht hat Sie tragen ihren Kaftan, mit dem breiten, farbigen Leibgurt, und das schwarze runde Mützchen nicht wie ein Abzeichen der Entrechtung und Erniedrigung, sondern so selbstbewußt und stolz, wie nur der vornehme Araber die prächtigste Gewandung. Und Frauen und Mädchen, die an üppigem Wuchs des Körpers und an Anmut des Einherschreitens den Schönen ihrer spanischen Heimat ebenbürtig sind, lassen ebenfalls ihre Judentracht nicht als gesellschaftliche Ächtung gelten. Sie hüllen Brust und Schultern mit der Grazie der Andalusierin in den weichen Schal und wissen das bunte Seidentuch so kleidsam um das schwarze Haar zu legen, daß es wie ein kokettes Häubchen das Oval des Gesichtes in weicheren Linien zeigt und den sinnlichen Glanz der unbeschatteten Glutaugen noch freier leuchten läßt. Wie lange aber wird es dauern und die Kleidersitten sind vergessen, oder haben ihren alten Wert nicht mehr. Nicht etwa, weil es in Tanger einige gar kecke Burschen unter' den jungen Juden gibt, die seelenruhig mit einem roten Fez auf dem Kopfe herumstolzieren, obwohl ihnen mancher Araber ärgerlich zuruft: „Ungläubiger Hund, so dürftest Du nicht bis Marakesch reisen!" Nein, es sind die Moden der Europäer, die mit ihrem Beispiel die Nacheiferung wecken. Spielt die Senorita hebrea erst Klavier, so wird sie sich nur noch im Straßenkostüm und Hut auf dem „Kleinen . Socco" zeigen. Die Eltern gönnen wohl den Kindern diese „Zivilisation", aber sie selbst halten dennoch treu zu Kaftan und Schal, zum Mützchen und Kopftuch, und sind nur traurig, daß ihr Kleid mehr und mehr das der Armut wird und von der jungen Generation nicht mehr mit dem gleichen Stolz getragen wird. „Es ist ein Unglück", so klagte mir ein jüdischer Greis, „Sie glauben es nicht, was für eine Gesellschaft uns hier auf den Hals kommt. Alles will nach Tanger; von der Küste und aus dem Innern kommen sie angerückt. Lauter Schnorrer, mit Weib und Kind. Meinen, hier liegt das Geld auf der Straße. Geld--- Dreck liegt hier. Und wer muß bezahlen, daß sie nur das Leben haben? Wir hier, mft unserem Geld."---In der Tat ist das .proletarische Element unter den Juden Tangers an Zahl stark gewachsen. Viel häßliche, mißgestaltete Menschen sind darunter, schwächliches, verkümmertes und auch verkommenes Volk. Sie stellen die Bettler für die Straße und die Dirnen für die öffentlichen Häuser. Wie sie in Schmutz und Dunst beisammen hausen, sah ich in einem seltsamen Quartier, einem weiten Hofe, der zwischen zwei Straßenreihen liegt. Bretterbuden und kleine Hütten aus Lehm bedecken diesen Platz. Man muß sich bücken, will man durch die Tür eintreten, und im Innern kann man kaum aufrecht stehen. Für eine ganze Familie ist immer nur ein solcher Raum; nicht viel größer als ein Ziegenstall und auch nicht viel reinlicher. Alles hockt an der Erde, die Kinder halbnackt und alte wie junge Weiber den Busen kaum verhüllt Arbeit gibt's offenbar nicht viel. Höchstens daß hier einer Schuhe flickt oder dort ein paar Leute Lumpen sortieren. Auf dem schmalen Pfad, der zwischen diesen Wohnlöchern hindurchführt, liegt stinkender Unrat gehäuft. Ein Brutherd für alle Seuchen, stände nicht die große Desinfektionsmaschine „Sonne" am heiteren Himmel und machte wieder gut, was hier gegen die Hygiene gesündigt wird. Es sind die letzten Reste der alten Judenstadt, des Melach, die all dieses Elend und solche Verwahrlosung bergen, und auch sie werden bald den modernen Straßenzugen weichen müssen, deren erste Anfänge bereits über-das einstige Ghetto-Gebiet führen. Die Häuser reicher Israeliten, Bauten nach Großstadtart, verdrängen die armseligen Hütten der Alierärmsten. Von diesem neuentstehenden Stadtteil aus wird sich die allmähliche Europäisierung Tangers vollziehen. Viele der wohlhabenden Juden aber mögen ihre alten maurischen Häuser noch nicht gegen die neumodischen eintauschen. Denn diese Wohnungen sind bequem und farbenprächtig wie die morgenländische Gewandung. Die weite Säulenhalle, wo um den blinkenden Brunnen Palmen und Blütenbäume stehen, füllt das Stück Himmel, das sich darüber wölbt, mit immer erhabener Ruhe. Zwischen den schlanken Strebepfeilern der Galerie ranken sich zierlich geschnitzte Bogen, aus deren buntem Holzwerk vielverschlungene Arabesken eine altkluge Sprache reden, und von den Wänden strahlen die glänzenden Azulejos das helle Tageslicht milder zurück. Eine tiefe Feierlichkeit, eine stete Sabbathstimmung geht von diesem Patio aus in alle Räume, die sich auf ihn hin öffnen. In einem solchen Hause war ich zu einem Fest geladen. Den Hausbesitzern, einem jungen Paar, war der erste Sohn geboren worden, und man feierte nach altem Brauche die Aufnahme des Knäbleins in den „Bund Israels". Im Vorhof saßen arabische Musikanten und plärrten zum hastigen Quietschen ihrer Streichinstrumente unaufhörlich die gleiche eintönige Melodie. Nur ein jüdischer Jüngling befand sich unter ihnen, der wild das Tambourin schlug und mit näselnder Stimme die Textworte sang, wobei er, wie ein Schiff auf sturmbewegter See, beständig in schaukelnder Bewegung war. In den Räumen, die an die obere Galerie anschließen, hatten sich die Gäste zahlreich versammelt. Manche in europäischer Kleidung; Damen, deren helle Roben, und Herren, deren Gesellschaftsröcke den neuesten Schnitt aufwiesen. Aber ebensoviel in der Judentracht. Etliche, die mit den kostbaren Stoffen ihres Kaftans oder den schweren Seidentüchern die reiche Verwandtschaft repräsentierten, und andere, denen man ansah, daß sie zur „armen Vetterschaft" gehörten. Die äußerlichen Klassenunterschiede gingen jedoch unter in der lauten Herzlichkeit, mit der die Unterhaltung geführt wurde. Endlich brachte eine korpulente Matrone den Gegenstand des festlichen Aktes herein und legte die kleine Hauptperson einem dicken Manne, der behaglich schmunzelnd auf einem hohen Sessel thronte, auf die Kniee, und die Zeremonie nahm unter Gebeten und Segensprüchen ihren rituellen Verlauf. Als aber das winzige Kerlchen energisch zu schreien anfing, da ging ein vergnügtes Lachen durch die Reihen der Festgenossen,