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Die Welt · 1907-10-04 · 40 (4.10.1907) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
40 (4.10.1907)
Date
1907-10-04
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Entführung jüdischer Mädchen Die Entführung jüdischer Mädchen ohne Einwilligung oder auch nur Kenntnis ihrer Eltern zum Zwecke ihrer Unterbringung in dem Kloster der Felizianerinnen in Krakau wird ruhig fortgesetzt, ohne daß die Zivilbehörden den unglücklichen Eltern ihren Beistand leihen. Der neueste Fall ist der der fünfzehnjährigen Tochter des Herrn Fars in Dembica. Alle Bemühungen des unglücklichen Vaters zur Wiedererlangung seiner Tochter waren vergeblich; selbst der Reichratsabgeordnete des Bezirks und der Bürgermeister von Krakau erklärten sich für machtlos. Reichratsabgeordneter Dr. Gabel wird die Regierung wegen dieser Untat interpellieren. Jüdischer Schulverein in Böhmen Die Statthalterei hat die Statuten des „Jüdischen Schulvereins für Böhmen" genehmigt. Die Verlautbarung ist bereits im „Prager Abendblatt" erfolgt. Es wäre zu wünschen, daß die Proponenten des Vereins, dessen Gründung wir aufs lebhafteste begrüßen, baldmöglichst mit der praktischen Tätigkeit beginnen. Jüdische Auswanderung aus Rumänien Zurzeit befindet sich in London eine große Anzahl rumänischer Juden, die nach Kanada auswandern will. Dreihundert sind bereits nach ihrem Bestimmungsorte abgereist. Sie fuhren in zwei Dampfern, der „Sordinia" am 17. August und der „Parisia" am 31. August. Ungefähr zweihundertfünfzig werden noch für die nächsten Tage erwartet, während weitere dreihundert später folgen sollen. Mit andern Worten, nicht viel weniger als tausend Juden, Männer, Frauen und Kinder, sind aus Rumänien ausgewandert, und man nimmt an, daß eine weitere große Anzahl folgen wird. Die Kosten der Emigration werden von der Jewish Colonisation Association gedeckt; die Auswanderer erhalten ihre Fahrkarten in Antwerpen. In London nimmt sich ihrer der Shelter an, in dessen Räumlichkeiten sie zum Teil untergebracht sind. Von London fahren sie nach Montreal, wo sie vom Hirsch-Institut aufgenommen werden, das sie dann in die verschiedenen Bezirke verteilt. Diese Auswanderer sind die Opfer der Bauernrevolte im verflossenen März. Viele von ihnen führen ihre Ackergerätschaften mit sich, die einzigen Überreste ihrer Habe; Schuster und Schneider gibt es nur wenige unter ihnen. Dagegen sind mehrere von ihnen Kunsthandwerker, Schmiede und Schlosser usw. Die starken Männer und gesunden Frauen bilden eine bezeichnende Demonstration gegen das ungerechte und vernunftwidrige Vorgehen der rumänischen Regierung gegenüber der jüdischen Bevölkerung des Landes; sie sind aber auch ein Beweis für die Eignung der Juden zum Ackerbau. Viele der Vertriebenen werden mit ihren Familien auf dem Lande angesiedelt werden, andere finden Beschäftigung bei der Eisenbahn. Eines der Merkmale dieser Auswanderer ist der Umstand, daß 85 °/o der Erwachsenen verheiratet und daß die Familien sehr groß sind und oft zehn und zwölf Kinder zählen. Die marokkanischen Unruhen Während sich in Casablanca, oder arabisch Darelbaida (das ist: Weißes Haus), das die Araber heute „das schwarze Haus" nennen, jene furchtbare Tragödie abspielte, unter der die Juden so schrecklich gelitten haben, herrschte in Mogador, wo gleichfalls eine große jüdische Gemeinde wohnt, Ruhe. Vierzehn Tage lang war dieser Hafen ohne jede Schiffsverbindung. Nur wenn sich ein Kriegsschiff zeigte, konnten sich die Bewohner in Sicherheit glauben. Während der ganzen Zwischenzeit aber waren sie den Beduinen der Nachbarschaft auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. Es war tatsächlich ein Wunder, daß nichts geschah. Man hat in der jüdischen Presse bisher nichts von Yahia Zagury berichtet, einem der Helden der jüngsten Unruhen in Casablanca. Die Tapferkeit und Kaltblütigkeit dieses eingeborenen Juden war so bewundernswert, daß die französische Presse von Tanger nicht genug Worte des Ruhmes für ihn finden kann und daß auch die offiziellen französischen Konsularberichte und die des Geschäftsführers der französischen Gesandtschaft in Tanger seiner rühmlich erwähnen. Es ist nicht daran zu zweifeln, daß das Verhalten dieses wackern Mannes von Bedeutung war nicht nur während der kritischen Tage, sondern daß sein moralischer Einfluß sich auch später noch fühlbar machen wird. In Marrakesch huldigte auch die Judenschaft dem Gegensultan Muley Hafids mit Pauken und Standarten. Sie hatten wohl Ursache dazu, denn einzig der Proklamation und dem energischen Auftreten des neuen Sultans verdanken sie, daß sie ohne Schaden an Leib und Leben geblieben sind. Angesichts der allgemeinen Huldigung, die Muley Hafids in" Marrakesch zuteil wurde, wäre den Juden ein entgegengesetzter Standpunkt auch kaum möglich gewesen. Muley Hafids empfing eine Deputation der Juden von Marrakesch sehr freundlich. „Ihr wart meinem verstorbenen Vater sehr teuer", sagte er zum Vorsteher der Gemeinde. „Mir sollt ihr noch hundertmal teurer sein." Unter diesen Umständen ist es zu begreifen, wenn die Marrakescher Juden bei aller Sympathie mit dem unglücklichen Muley Abd el Azis dem Gegensultan ihr Vertrauen entgegenbringen. Haben sie doch allen Grund zu hoffen, daß sich sein Regime vorteilhaft von demjenigen seines Bruders unterscheiden wird, der zwar ein guter Mensch war, aber nicht die Kraft besaß, in seinem Lande die Ordnung aufrecht zu halten und dessen Regierung, ohne sein Zutun, für die Juden ein furchtbares Martyrium wurde. In den „ Marokkanischen Tagebuchblättern* der Kölnischen Zeitnng wird in einer Beschreibung einer Szene in Te-Tuan auch eine eigenartige Rolle, die die Juden dabei spielten, erwähnt: „Dann wurden die Gefangenen ins Gefängnis gebracht; zwei Juden, ein alter Mann und ein jüngerer, wurden herangeholt, die die Köpfe der Hingerichteten zu dem Stadttore brachten, von dem der Weg ins Gebirge und nach Tanger führt. Die zwei Juden mußten, auf den Zinnen des Tores stehend, die Köpfe annageln; kräftige Nägel werden durch die Ohren in das Mauerwerk getrieben. Eine zahlreiche Menschenmenge schaute diesem Geschäft aufmerksam zu; auch eine Anzahl Juden waren darunter, mit denen die Straßenjugend ihren Schabernack trieb. Ein kleiner Lümmel stellte sich vor einen älteren Juden hin und redete ihn au: Ak Jehudi! Nama ja Sidi. Wie befehlen Sie, mein Herr, entgegnete dieser. — Siehst du die Köpfe dort oben? — Gewiß, mein Herr. — So wird es dir auch gehen, Jehudi, in scha allah — so Gott will!" Die Juden von Tanger Von Dr. Fritz Wahl. Tanger, Mitte September. Wenn es nur die verzwickten Krümmungen und Windungen wären, die dem Fremden das Zurechtfinden in dem Gassenlabyrinth der Maurenstadt so sehr erschweren; aber da sieht man sich plötzlich obendrein noch in einem Sackgäßchen gefangen! Will man dann zur Seite einbiegen, steckt man schon in einer neuen Falle und schließlich weiß man kaum noch ein und aus. Darum warn! wohl hin und wieder auch ein freundlicher Zuruf den Ortsunkundigen noch rechtzeitig an der Straßenecke: „Freund, nicht dorthin! Dr gibt es keinen Durchgang". Einmal hieß es doch, in einem anderem Tone: „Senor, gehen Sie hier nicht weiter!" Das war an den Grenzen des älteren Stadtteiles, in dem ausschließlich Araber wohnen. Andern Tags, da mich ein Araber begleitet, hält mich dort niemand an. Wir steigen auf holprigen Winkelwegen den Hügel hinan. Die hellfarbenen Häuser türmen sich am steilen Abhang wie große Kalkwürfel schief und ohne Regel übereinander oder verschwinden unter wuchtigen dunklen Bogengängen. Ein offenes Tor läßt den Blick in den bunten Raum des Innenhofes ein. In dem Bilde eines mit schlanken Säulen, zierlichen Ornamenten und schweren Teppichen geschmückten Patio steht eine junge Mutter und hält ein nacktes,

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