Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 40 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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- Minsk 1× ep/1000754
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Professor Masaryk über den Zionismus. Die „Jewish Daily News" bringt ein Interview seines Korrespondenten mit dem bekannten Professor Masaryk aus Prag, der in der letzten Zeit in Amerika geweilt hat. Über den Zionismus äußerte sich Professor Masaryk folgendermaßen: „Der Zionismus hat den Mannesstolz und das Selbstbewußtsein, die den wesentlichen Wert eines jeden Volkes bedingen, unter den Juden in einer nie geahnten Weise gehoben. Diese Bewegung hat die Juden aus der inneren Sklaverei erlöst. Der Jude soll, wie jeder andere Mensch, auf seine Rasse und seine Nationalität stolz sein. Dem Christen gegenüber soll er sagen: „Wir sind nicht besser, aber auch nicht schlechter als jeder von euch." Der Zionismus hat die Juden belehrt, um ihre Rechte nicht zu flehen, sondern zu kämpfen." Der jüdische Religionsunterricht in Deutschland Die Eingabe und persönliche Bemühung des VoiStandes des deutscheu Rabbinervereins beim Kultusminister, welche dahinzielen, eine Änderung der Bestimmungen über Erteilung von jüdischem Religionsunterricht zu verhindern, hat in den Interessentenkreisen große Erregung hervorgerufen. Der jüdische Lehrerverband will in Gemeinschaft mit dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund eine Gegenaktion einleiten und glaubt, dabei selbst auf die Unterstützung vieler Rabbiner rechnen zu können, die in dieser Angelegenheit mit der Vereinsleitung nicht übereinstimmten. Die Wahlkampagne in Rußland Aus Minsk wird berichtet, daß die dortigen Juden beschlossen haben, sich der Wahlkampagne aus Rücksicht auf den absolut sichern Sieg der Konservativen zu enthalten. In Wilna hat der Generalgouverneur angeordnet, daß die jüdischen Wähler in einer für sie ganz besonders eingerichteten Kurie wählen sollen. In Krementschug wurde von der Regierung eine besondere jüdische Wahlkurie, bestehend aus 1938 Wählern,'aufgestellt. Die Zahl der christlichen Wähler beträgt 2418. Die Juden haben das Recht, einen Wahlmann, die Christen zwei Wahlmänner zu wählen. In Kowno ist auf Grund einer aus Petersburg vom Ministerium des Innern erhaltenen Verordnung eine separate jüdische Wahlkurie eingerichtet worden. Ähnliche Nachrichten sind auch aus Rostow und Ekaterinoslaw eingelaufen. Durch diese Wahlgeometrie haben die Juden jede Aussicht auf Jie Durchsetzung eigener Kandidaten verloren. In Kischinew waren auf der Versammlung der Stadtwähler nur Christen anwesend. Die dortigen Juden haben beschlossen, sich der Wahl zu enthalten. In Wilna verlief die Versammlung der Wähler der russischen Kurie außerordentlich stürmisch. Die meisten Redner hetzten gegen die Juden und gegen die Polen. Besonders erregt war die Debatte während der Behandlung der Judenfrage. Die „Schwarzhundertmänner" drohten mit Repressalien und unterbrachen fortwährend den progressiven Redner. Die Reden des Vizestaatsanwalts Samisiowsky, des Popen Golubew, der Beamten Lisin und Kasenbeck und des Lehrers Wruzewitsch waren nichts als ein Appell an die niederen Instinkte des Pöbels. Als man einem der Redner die Worte des Evangeliums, die den Haß gegen Hellenen und Juden verbieten, vorhielt, wurde von vielen Seiten gerufen: „Weg damit". Die progressiven Wähler verließen schließlich empört den Saal. In Petersburg wurde in der, Druckerei „Bussel" der Aufruf der jüdischen Volksgruppe über die Wahlen auf Grund der Vorschriften des außerordentlichen Schutzes von der Polizei beschlagnahmt. Begnadigung von Judenmördern Nach dem Charkower Gouvernements-Amtsblatt wurden auf ein Gesuch des russischen Volksverbandes drei vom Bezirksgericht wegen Ermordung eines Juden verurteilte Personen begnadigt. Permanenter Pogrom in Odessa Aus Odessa kommen immer wieder neue Meldungen über Exzesse gegen die jüdische Bevölkerung. Am Freitag abend begannen, wie uns ein Telegramm meldet, die Mitglieder des Verbandes der echtrussischen Leute in der Vorstadt Moldawanka mit einer Schießerei, wobei vier Juden verwundet wurden. Hierauf teilten sie sich in Gruppen und durchzogen schießend und stechend die Stadt. Zwei Juden wurden durch Messerstiche getötet. Größere Prügeleien fanden ferner auf der Meschtschanskaja, auf der Preobraschenskaja und auf der Puschkinskaja statt. Die Polizei zeigte sich ihrer Aufgabe nicht gewachsen. * * * ' In der letzten Sitzung der städtischen Duma erklärten die antisemitischen Stadtverordneten, man müsse den „nationalen" Prinzipien des Verbandes des russischen Volkes folgen. Die Duma beschloß infolgedessen eine prozentuale Beschränkung der jüdischen Angestellten in den städtischen Betrieben. Unter dem Eindruck dieses Beschlusses legten viele Stadtverordnete ihr Mandat nieder. Zulassung der Juden zum Hochschulstudium Der russische Unterrichtsminister hat dem Gesuch der Hochschulen entsprechend" gestattet, daß Juden in einer den normalen Satz übersteigenden Zahl zum Besuch der Hochschulen zugelassen werden unter der Bedingung, daß die vorgeschriebene Gesamtzahl der Studierenden nicht überschritten würde und daß die Interessen der christlichen Studenten gewahrt bleiben. Vom Verband der „Echtrussen" Der Verband der „echtrussischen Leute" beginnt gegenwärtig eine sehr energische Tätigkeit zu entwickeln. Er beabsichtigt abermals eine dominierende Stellung zu erringen. Täglich telegraphieren Zweigvereine des Verbandes den Zaren an; in diesen Depeschen wird der Zar ganz offen aufgefordert, die Konstitution wieder aufzuheben. Eine jüdisch-polnische Vereinigung Die jüdischen Assimilanten Polens beabsichtigen, in Warschau eine Partei jüdischer Polen zur Förderung der Assimilierung der Juden mit den Polen zu gründen. * * * Die Partei der Ssejmisten hat beschlossen, demnächst eine Generalversammlung abzuhalten. Das Programm der Versammlung stellt sich folgendermaßen dar: 1. Bericht. 2. Politische Tätigkeit in den jüdischen Gemeinden. 3. Die professionelle und genossenschaftliche Bewegung. 4. Der Schutz der Interessen der natioalen Minorität. 5. Die Agrarfrage. In Petersburg wurde eine neue Gesellschaft „Howewe Sfass Ewer" (Freunde der hebräischen Sprache) mit offizieller Genehmigung gegründet. Die Gesellschaft verfolgt dieselben Zwecke wie die „Ibriah". Einer der Hauptgründer dieser neuen Gesellschaft ist der bekannte hebräische Schriftsteller DoktorLewKatzenellsohn * * Das Zentralkomitee der Jewish Colonisation Association in Petersburg beginnt demnächst mit der Veröffentlichung des dritten Bandes der „Materialien zur Untersuchung der wirtschaftlichen Lage der Juden in Rußland". Dieser neue Band ist der professionellen Bewegung und den Fragen des kleinen Kredits gewidmet. * * Baron David Ginsburg in Petersburg hat die Erlaubnis erlangt, Privatkurse für die Wissenschaft des Judentums in der russischen Res^enz einzurichten.