Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 40 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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sammenwachsen muß. Das aber kann nur im Wege der nationalen Erziehung erreicht werden. Es genügt nichf, nur Zionist zu sein und auf dem Boden des Baseler Programms zu stehen, man muß zunächst Jude sein und auf dem Boden des historisch gewordenen Judentums stehen. Es ist gewiß ein Kuriosum, daß so viele Juden noch keine Zionisten sind, aber es ist ein noch größeres Kuriosum, daß gar manche Zionisten noch keine Juden sind. Der Zionismus ist der auf ein bestimmtes Ziel gerichtete jüdische Wille. Darum ist der jüdische Wille das Primäre, der Zionismus das Sekundäre. Man muß vorher Jude, innerlich bewußter und wissender Jude sein, um in Wirklichkeit Zionist werden zu können. Bloß auf Grund der Formel einer Parteiorganisation Zionisten zu werben, ohne gleichzeitig für die nationale Erziehung der heranwachsenden Geschlechter und unserer Massen zu sorgen, das heißt: Pflanzen versetzen wollen, nicht indem wir ihre Wurzel tief in den Erdboden stecken und diesen bewässern, sondern indem wir die Pflanzen an die Erdoberfläche mit Gummiarabikum zu kleben versuchen. Was wirklich wachsen soll, muß vorerst Wurzel fassen. Worin soll nun diese nationale Erziehung bestehen? Was uns heute nottut, was uns bis heute noch fehlt, ist — allgemein ausgedrückt — die Erziehungsform, die dem Wiedergeburtsideal allein adäquat ist. Denn, meine Verehrten, jede geschichtliche Epoche, jede Lebensform der Nation schafft durch die Macht der Tatsachen die ihr eigene, nur ihr entsprechende Erziehungsform. Das Ghetto schuf den Cheder, die Emanzipationsepoche schuf den Religionsunterricht, die Renaissanceepoche aber, in der wir leben, wartet noch immer auf die ihr adäquate Erziehungsform — die nationale Erziehung. Noch besteht im Osten teilweise der alte Ghettocheder, im Westen blüht der verbürgerlichende Religionsunterricht, aber die Organe für die nationale Erziehung harren noch ihres Schöpfers. Die früheren Erziehungsformen im Judentum entsprachen völlig dem Gesamtgeiste ihrer Zeit. Der Cheder war die einzig adäquate, einzig folgerichtige Erziehungsform des Ghetto und er erfüllte durchaus seine Mission — die soziale und kulturelle Abschließung der Judenheit von der Außenwelt. Der Cheder sollte die Mauer sein, um unsere nationale Eigenpersönlichkeit gegen den übermächtigen Ansturm fremder Lebensformen und Kultureinflüsse zu schützen. Darum beschränkt sich der Unterricht lediglich auf das Talmudische, darum wurde alles sorgfältig ausgeschieden, was nur im entferntesten einen Übergang zur Außenwelt bilden konnte, selbst ein eingehenderes Studium der Bibel und des Hebräischen. Der Cheder hat im Ghetto seine Mission erfüllt. Jetzt verschwindet er, weil er verschwinden muß. Wir werden ihm keine Träne nachweinen, wir werfen ihm aber auch keine Steine nach. Nun kam die Emanzipationsepoche, und sie schuf die ihr entsprechende Form der jüdischen Erziehung — den Religionsunterricht. Seine historische Mission war der des Cheders gerade entgegengesetzt. Der Religionsunterricht will alle Mauern niederreißen, alle Unterscheidungen aus der Welt, schaffen, alles Eigene unterdrücken, verwischen, vernichten. Sein Endzweck ist die völlige bürgerliche und nationale Verschmelzung. Darum reduziert er das Judentum lediglich auf das monotheistische Bekenntnis, das jüdische Volk schrumpft zum „Bekennertum" zusammen. Darum ist ihm das Hebräische nicht Sprachunterricht (und noch viel weniger Nationalsprache-Unterricht), sondern lediglich Vokabelnunterricht, als Mittel zum Verständnis des Glaubensbekenntnisses und einiger Bibel- und Gebetstellen. „Das Hebräische kann zurzeit (!) aus dem Lehrplan des Religionsunterrichtes nicht entfernt werden", sagt Maybaum in seiner Methodik des jüdischen Religionsunterrichtes, „aber es soll nicht über dasjenige, was zum Verständnis des Gottesdienstes notwendig ist, hinausgegangen werden." Ebenso ist der Geschichtsunterricht hier vorwiegend Dogmen- und Synagogengeschichte, rein archäologisch, das Judentum als Museumskuriosität behandelnd, als etwas Gewesenes und Abgeschlossenes, — eine palästinensische Mumie. So daß, um ein geistreiches Wort zu variieren, an diesem jüdischen Religionsunterricht nichts jüdisch ist, außer dem Deutsch mancher Religionslehrer. Alles Individuelle, spezifisch Jüdische, Historische, Nationale ist hier peinlich ausgeschieden, verdünnt, verwässert, verallgemeinert, entpersönlicht und in die blauen Wolken des Menschentums gerückt. Als Korrelat der Verschmelzungstendenz hatte der Religionsunterricht eine geschichtliche Funktion, mit dem siegreichen Vordringen des jüdischen Nationalgedankens hat auch diese Form der jüdischen Erziehung ihre Rolle ausgespielt. Die adäquate Erziehungsform unserer Epoche kann einzig und ausschließlich die nationale Erziehung sein. Diese wird ebenso verschieden sein vom Cheder wie vom Religionsunterricht; sie wird an Stelle des Talmudunterrichts von der einen und des katechetischen Religionsunterrichts von der andern Seite den nationaljüdischen Unterricht setzen. Entsprechend unserer heutigen Stellung zum jüdischen Problem fällt diesem Unterricht eine andere, neue Mission zu: das heranwachsende Geschlecht einerseits mit dem historischen Judentum, anderseits mit der Gesamtheit der zeitgenössischen Juden in einen lebendigen, bewußten, auf Wissen und innerem Erlebthaben beruhenden Zusammenhang zu bringen. Im Rahmen dieses Unterrichts ist das Hebräische nicht mehr bloß Bibel- und Gebetsprache, sondern die lebendige Sprache der Juden von heute, das realste Bindemittel der Juden in der Diaspora; hier ist die Geschichte nicht mehr Archäologie, sondern das Erkennedichselbst einer lebenden und für neue Geschicke sich rüstenden Nation, die aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen will. In diesem Unterricht soll die jüdische Jugend das Judentum in allen seinen Verzweigungen und Äußerungsformen innerlich erleben, aus ihm soll ihr der Glaube an unsere Zukunft und die Kraft zum nationalen Kampfe erblühen. Hoher Kongreß! Man kann in unserer Mitte oft die Behauptung hören, diese Nationalisierung der Erziehung werde erst möglich sein, wenn wir, die Zionisten, die Kultusgemeinden und die andern jüdischen Institutionen „erobert" haben werden. Dieser Weg scheint mir nicht gangbar, denn wir befinden uns hier in einer Art circulus vitiosus: Von der einen Seite wollen wir die jüdischen Institutionen erobern, um die nationale Erziehung realisieren zu können; die „Eroberung" dieser Institutionen wird aber in Wirklichkeit nur dann möglich sein, wenn die Mehrheit der maßgebenden jüdischen Volkskreise national empfindet, d. h. bereits national erzogen ist. Es scheint also wenig einleuchtend, die