Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 40 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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■tfc 8 DIE ELT No. 40 el Idareh ist eine durchaus unabhängige Körperschaft, die allein verantwortlich ist für die Aufstellung des Budgets und die Festsetzung der Steuern, kurzum für die ganze Kontrolle der Einnahmen und Ausgaben. In finanziellen Dingen ist seine Entscheidung Gesetz, und obgleich Naum Pascha kurz nach seiner Ernennung zum Gesandten von der Pforte und den Mächten das Recht erhielt, jedes Mitglied des Rates wegen eines unberechtigten Eingriffs in die Wahlen abzusetzen, sprechen doch schwerwiegende Gründe gegen die Ergreifung so drastischer Maßregeln. Die administrative Einheit ist das Nahieh oder die Dorfgemeinschaft, die einem von den Einwohnern gewählten Scheik untersteht und dem Mudirieh oder dem Kreis unterordnet ist, dem der Kaimakamlik oder der Regierungsbezirk vorsteht. Die Kaimakams werden vom Gouverneur ernannt. Die Mudirs (Landräte) ebenfalls vom Gouverneur auf Grund des nur theoretisch bestehenden Vorschlagrechtes der Kaimakams. Die Wähler des Mejlis el Idareh sind die Scheiks der Dorfgemeinden jedes Distriktes, die außerdem das Recht der Untersuchung geringer Vergehen usw. und der Verhängung von Strafen von nicht über 200 Piastern besitzen. Verbrechen werden vor den Gerichten erster Instanz und den Berufungskammern abgeurteilt, bei * denen das Prinzip der Vertretung der Gemeinden bei allen „gemischten" Fällen, das sind Fälle, in denen die Parteien verschiedenen Religionen oder Sekten angehören, aufrecht gehalten wird. Die nationale Erziehung in der Diasporal Referat, gehalten auf dem VIII. Kongreß, von Großrabbiner Dr. Ehrenpreis, Sofia Hoher Kongreß! Nicht ohne gewisse Bedenken entspreche ich der Einladung des Aktionskomitees, den Fragenkomplex, der die nationale Erziehung in der Diaspora betrifft, hier zu behandeln, denn es scheint mir ein gewisser Mut dazu zu gehören, unter den gegebenen Umständen das Ohr des Kongresses für diesen Gegenstand zu beanspruchen. Schon höre ich manche von Ihnen sagen — und man hat ja ähnliches bereits hier im Kongresse gehört —: „Hinneh baal ha-chalomoth ha-laseh ba!" — „Da ist ja der alte Träumer wieder, mit seiner Ideologie und den geistigen Fragen, mit Kultur und Hebräisch, während wir doch „praktische" Arbeit verrichten wollen und Notstände zu lindern gekommen sind." Darauf antworten wir: Nein, nicht Notstände zu lindern sind wir hergekommen, sondern die eine große Not, die Not: Jude zu sein und in der Diaspora leben zu müssen. Das ist keine Not des Magens, sondern eine Not der Seele. Diese Not will und muß der Zionismus aus der Welt schaffen. Darum ist die *) Einer der wesentlichsten Punkte der Verhandlungen des Kongresses ist in den bisherigen Berichten unberücksichtigt geblieben: die Verhandlungen über die Frage der nationalen Erziehung. Wir bringen in dieser Nummer das Referat des Herrn Großrabbiners Dr. Ehrenpreis und werden demnächst die Beschlüsse des Kongresses und die bereits getroffenen Maßnahmen (Konstituierung des Ausschusses und seine Resolutionen usw.) veröffentlichen. nationale Erziehung eine der elementarsten Aufgaben unserer Organisation. Wir haben dies an dieser Stelle oft und oft gesagt, aber es wird vielleicht jetzt besser verstanden werden, da wir in den letzten Jahren in Rußland einen geistigen Pogrom erlebten, der in seiner Ausdehnung und in seinen Folgen nicht minder bedeutsam und tiefgreifend ist, als die materiellen Pogrome. Dieser geistige Pogrom besteht in der plötzlichen Zertrümmerung unserer nationalen Geistesarbeit, in der Zerstörung von Errungenschaften und Ergebnissen jahrzehntelanger harter Arbeit. Die hebräische Literaturarbeit, die in den letzten Jahrzehnten in Rußland eine ungeahnte Blüte erreichte, scheint plötzlich wie mit einem Schwamm weggewischt. Die Zeitungen und Revuen, die Brennpunkte des hebräisch-literarischen Lebens waren, haben fast alle ihr Erscheinen eingestellt; die literarischen Verlagsanstalten, die Zentren des wiedererwachten national-geistigen Schaffens, die Hunderttausenden hebräisch lesender Juden geistige Nahrung zuführten, die vielen jungen talentvollen Schriftstellern die materielle Möglichkeit literarischen Schaffens boten, haben gänzlich oder fast gänzlich ihre Tätigkeit eingestellt. Alles, was blühte und wuchs zu unserer Freude, ist unter den Trümmern der Massakres begraben worden, und nichts blieb übrig, als eine erschreckende Leere und eine beunruhigende Verwirrung. Es haben sich insbesondere im Schöße der russischjüdischen Jugend in den letzten Jahren mit unheimlicher Sprunghaftigkeit und einer nervösen Hast, wie sie nur die Stickluft der Pogrome erzeugen konnte, Ideenevolutionen vollzogen, die (obwohl sie die Marke des Nationalismus und selbst des Zionismus führen) eine vollständige Abkehr von allem jüdischen, den gänzlichen Bruch mit dem historischen Judentum bedeuten. Von dieser Seite wurde die Parole ausgegeben, daß die hebräische Sprache in die Rumpelkammer gehöre und daß der Jargon die Nationalsprache der Juden werden müsse. Dies ist so etwas wie sprachlicher Territorialismus, ebenso unhistorisch wie dieser, ebenso unnational wie dieser. Wir sollen, losgelöst von allen historisch-nationalen Zusammenhängen, an irgendeinem Datum anfangen eine Nation zu sein, auf irgendeinem Territorium, mit irgendeiner Nationalsprache. Wir aber, die wir auf dem Boden der historischen Kontinuität und des universal-nationalen Zusammenhanges der Juden stehen, lehnen jede Art von Territorialismus energisch ab. Wie wir die Oberzeugung haben, daß das jüdische Volk nur auf seinem historischen Boden in Palästina zu neuem Leben erwachen kann, ebenso fest ist unser Glaube, daß der jüdische Geist nur in den alten und jungen Lauten unseres teueren Hebräisch seine Wiederauferstehung feiern wird. Darum lehnen wir den Jargon — jeden Jargon — als Nationalsprache ebenso entschieden ab, wie wir Galveston als Judenstaat ablehnen. Dieser hier nur flüchtig skizzierte geistige Pogrom, der ein nicht geringeres nationales Unglück ist als die Massakres, müßte allen die Augen darüber öffnen, daß das bloße zionistische Parte ibekenntnis zur faktischen Wiedervereinigung und zum Wiedergeborenwerden der jüdischen Nation nicht ausreicht, daß vielmehr der jüdische Nationalismus von seinen Bekennern innerlich erlebt werden, mit ihrem Seelenleben organisch zu-