Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 40 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 40 DIE ELT bemerken mit einer gewissen Schadenfreude: das sind die Früchte der Geltendmachung des nationalen Prinzips. Sie begreifen nicht, welch schlaues Meisterstück hier geleistet worden ist. Anstatt einer allgemeinen nationalen Kurie für alle Juden Rußlands hat man die städtische Bevölkerung zerstückelt. Eine allgemeine nationale Kurie würde eine respektable jüdische Vertretung gewährleisten, eine mechanische Zerschneidung der Wahlkreise hingegen macht das passive Wahlrecht der Juden ganz illusorisch. Es bleibt also nur das aktive Wahlrecht, d. h. das Recht, andere zu unterstützen. Allerdings hat auch die Betätigung dieses Rechts eine gewisse Bedeutung, aber es fehlt der wesentlichste Ansporn, das Selbstständigkeitsgefühl, die Sicherheit der eigenmächtigen Entscheidung und dergl. Trotzdem wäre es ein politischer Doktrinarismus, aus Verärgertheit diesem Einflüsse zu entsagen. Das Programm der jüdischen Wähler stellt sich in logischer Notwendigkeit einfach dar. Juden haben die Pflicht und das Interesse, diejenigen Elemente zu unterstützen; die ihre Gleichberechtigung fördern werden und die die meisten Aussichten haben, in dieser Beziehung etwas Praktisches zu erreichen. Wir übersehen dabei nicht den gewaltigen Unterschied zwischen dem assimilatorischen Gleichberechtigungsstandpunkt und dem Standpunkt der Nationaljuden, die um das Volkswesen und um die geistigen Güter der Nation nicht weniger als z. B. um das Wohnrecht in Moskau bekümmert sind. Es war notwendig und richtig, daß letztere bei den früheren Wahlkampagnen ihren Standpunkt, gleichviel, ob mit oder ohne Erfolg, jedenfalls mit tüchtiger Bnergie und Überzeugungstreue verteidigten. Wir sind nicht für die Vertuschung dieses Unterschieds, und wir sind auch sicher, daß dieser Kampf ausgefochten werden wird. Aber Politik ist die Kunst des Möglichen und das Rechnen mit der Zeit und Ortumständen- Durch die Gewalt der Tatsachen ist dieser innere Kampf zurückgedrängt worden, und es gilt jetzt, die noch vorhandene jüdische aktive Wahlkraft so zu benutzen, daß sie der Rettung vor den drohenden Gefahren diene. Mit Abstinenz wäre nicht viel genutzt, nd Überdruß ist ein schlechter Berater. )as russisch-englische Abkommen hat, soweit es sich auf Persien bezieht, eine gewisse indirekte Bedeutung auch für die so trüben und verwickelten beschicke der persischen Juden. Die Rivalität Rußlands und Englands war eine Kraftquelle für die persische Reaktion; an diesen '^eibungsflächen drückten sich die persischen Machthaber herum, und o gelang es ihnen, das alte Regime bis auf die allerneueste „konn'tutionelle" Zeit zu erhalten. Das Verschwinden dieser Differenzen nrd es möglich machen, nicht nur die Interessen beider Großmächte, andern auch die größeren Interessen der Menschheit, den Forthritt, die Kultur, die Freiheit, zu fördern. Natürlich ist in dieser Beziehung von Seiten Englands viel zu erwarten. Sonderbarerweise aren bis jetzt die meisten Pioniere der russischen Einflußnahme if die wirtschaftlichen Interessen Persiens — russische Juden. Sie Juten in Teheran Straßenbahnen und leiteten Bankgeschäfte; sie r undeten eine beträchtliche Reihe von Einrichtungen und wurden; diesem Zwecke direkt oder indirekt von der russischen Regierung; günstigt. Es war die Zeit, als die Poliakows die keimende!■ rsische Industrie ganz beherrschten. Die Krisen und Übergänge der Entwicklung des Landes erschütterten im Lanfe der Zeit 1-!,üse dominierende Position; aber manches wesentliche ist doch -;rückgeblieben. Das Poliakowsche Personal, das zum größten! aus Juden bestand, die sich schon dort ganz heimatlich fühlten 1 die Einfluß und Boden gewonnen hatten, ist nicht bis auf den - utigen Tag geblieben. Die Glanzzeit ist vorüber; doch begegnet! an noch hie und da russischen Juden in Persien, die heimatliche Undelsinteressen mit großem Erfolg vertreten. So mancher, der ielleicht nicht einmal das Recht hätte, in Rußland außerhalb des »nsiedlungsrayons" zu leben, genießt in Persien als russischer Monier die huldvolle Gunst des russischen Vertreters. Dieses Gebiet wurde bis jetzt durch das beklemmende Dilemma der russischenglischen Konkurrenz eingeengt. Nun aber, vorausgesetzt, daß der Vertrag nicht, wie viele andere Verträge, Makulatur bleibt, wenn er wirklich lebendige Kraft erhält, werden die Kulturträger aus Moskau und die aus London E. C. in brüderlicher Eintracht die Segnungen der Neuzeit den Untertanen des Königs der Könige spenden. Ja, wenn es nicht nur ausschließlich auf das Geschäft ankäme .... Merkwürdigerweise verriet der gegenwärtige diplomatische Vertreter Rußlands in Persien konstitutionelle Sympathien, wodurch er die Wut der Schwarzen gegen sich heraufbeschworen hat. Dieser Angelegenheit wird jetzt die vorderste Stelle und der breiteste Raum in der „Nowoje Wremja" gewidmet. Die Todsünde des Botschafters besteht darin, daß er an das neue persische Parlament ein Schreiben richtete, in dem er gegen die Regierung Beschwerden erhob. Die N. W. erblickt in diesem Schritte eine Anerkennung des konstitutionellen Prinzips. Dieses Inbeziehungtreten des Botschafters zum persischen Parlament wird die letzte Leistung des liberalen Botschafters sein... Was uns aber besonders interessiert ist nicht das internationale, sondern das jüdische Problem. Wird die Konstitution wirklich ins Leben treten, so werden die schmählichen Judenbeschränkungen wenigstens de jure aufgehoben werden. Siegt aber das alte morsche Regime, so bleibt auch die Judenlage beim alten. Deshalb ist der Charakter des Einflusses, den die neue Entente auf die inneren persischen Angelegenheiten ausüben wird, von hervorragender Wichtigkeit für die Judenfrage in Persien. Als Jüdisch-Nationale in Rußland und Österreich das Proportionalwahlsystem und den Schutz der Minoritäten befürworteten, da tobte und lärmte es im Blätterwalde: unmögliche Forderungen, Utopien. Sogar die Kadetten in Rußland standen dieser Frage kalt und abweisend gegenüber. Nicht zu viel verlangen — rieten die gemäßigten Juden. Bei einem parlamentarischem System ist einmal die Majorität ausschlaggebend — hieß es von allen Seiten. Sehen wir nun, wie es anderswo aussieht. Als die österreichische Regierung die Wahlordnung verfaßte, da erinnerte sie sich bei der Einrichtung der Wahl für den Großgrundbesitz, daß es in Mähren einen in der Minorität befindlichen Großgrundbesitz gebe, welcher bis dahin seit vielen Jahren nur auf dem Wege des Kompromisses eine Vertretung im Abgeordnetenhause besessen hatte. Weil es sich eben um einige Dutzend hochkonservativer Aristokraten handelte, entdeckte die österreichische Regierung, daß es ein Proportionalwahlsystem gebe, durch welches es möglich sei, dem konservativen Großgrundbesitz eine bestimmte Anzahl von Mandaten im Abgeordnetenhause zu sichern. Ganz so geschah es auch als es sich bei der Walilreform darum handelte, den Polen auch in Ostgalizien, wo sich die Ruthenen in der entschiedenen Majorität befinden, Mandate zu verschaffen. Da wendete man auf die ostgalizischen Landgemeindebezirke das Prinzip der Minoritätswählen an. Wenn Juden die Geltendmachung desselben Prinzips beanspruchen — „ja, Bauer, das ist etwas anderes!" Schutz der Minoritäten Rumänien interessiert sich auch lebhaft für die Justizreform in Macedonien. Bei den Besprechungen, die König Carol von Rumänien in Wien pflegte, sind die Fragen erörtert worden, die den Gegenstand der Konferenzen der beiden Minister des Äußeren (Aehrenthal und Iswolski) bilden. Es ist — heißt es — für die Stellung, die Rumänien auf dem Balkan einnimmt, charakteristisch daß das Wort König Carols bei diesen Beratungen gehört wird, die der Durchführung eines der wichtigsten Punkte des Mürzsteger Programms, der Justizreform in Macedonien, gewidmet sind. König Carol und sein Land — heißt es weiter — haben in der Balkanpolitik stets eine rühmliche Rolle gespielt und die Bemühungen der Mächte, durch Einführung von Reformen eine Pazifizierung Macedoniens herbeizuführen, sind von Rumänien immer in der loyalsten Weise unterstützt worden. Unwillkürlich drängt sich der Gedanke auf, an Rumänien den 2