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Die Welt · 1907-10-04 · 40 (4.10.1907) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
40 (4.10.1907)
Date
1907-10-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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4 DIE^El^ No. 40 so* nüchtern betrachten, und möge er jetzt noch so wenig Gunstbezeigungen anstreben, die Entwicklungsstadien müssen aus ihrer Zeit heraus.begriffen werden. Die politischen Zusammenhänge, das Inbeziehungtreten zu den maßgebenden Kreisen, die ersten Versuche, das zionistische Problem so darzustellen, daß es die Aufmerksamkeit der großen Welt fesselt — das war keine Großtuerei, keine Sucht, zu renommieren, kein Scheinenwollen. Es war notwendige Arbeit, um den Zionismus zu einer Weltfrage zu machen. Und in jener Zeit, als Herzl wie mit Adlerflügeln unsere Idee emportrug, war Friedrich I. von Baden einer der ersten Bahnbrecher. Es wäre kleinlich, mit dem Alltagsmaßstab die Resultate zu messen, die praktisch nichts Greifbares ergeben haben. Es sind politische Imponderabilien, die in einer langen Verkettung von Einflüssen und Ereignissen zur Geltung kommen. Es bleibt eine Tatsache von sittlicher Bedeutung, daß unsere Idee in ihrem Zuge durch eine zum größten Teil gleichgültige oder grollende Welt hie und da große Seelen ergriffen, begeistert und durchwärmt hat. Es ist keine besondere Leistung, wenn mächtige Bewegungen Sympathien gewinnen, und kein besonderes Verdienst, den Starken zu folgen. Aber die Begeisterung für ein beispiellos schweres Unternehmen, für einen leuchtenden Zukunftsgedanken ist nicht den Dutzendmenschen eigen. Es ist bezeichnend, daß der Mitstreiter und Mitarbeiter an der Einigung seines Volkes, derjenige, der in seiner Jugend mit den „Brauseköpfen/*, den „Stürmern und Drängern" seinen nationalen Einheitstraum spann, auch für das zionistische Ideal ein so tieffühlendes Herz und einen so regen Sinn hatte. In ihren tiefsten Grundlagen berühren sich die nationalen Ideale. Großherzog Friedrich von Baden behält einen denkwürdigen ehrenvollen Platz in der Geschichte des Zionismus. □□ REVUE DER WOCHE 0 □ Die bisherigen Ergebnisse der Die Wahlsituation in Rußland Wah,en jn Ru|;,and haben zwei bedeutungsvolle Merkmale der Wahlbewegung an den Tag gefördert. Einerseits siegt trotz allem die Opposition, anderseits zeigt sich eine starke Neigung zur Wahlenthaltung. Es sind anscheinend zwei sich gegenseitig widersprechende Erscheinungen, denn Opposition bedeutet ja eine Intensivität der politischen Kräfte, ein verstärktes Selbstbewußtsein des Volkes; die Wahlenthaltung hingegen legt den Gedanken nahe, daß eine allgemeine Apathie um sich gegriffen hat, daß die Mehrheit, verärgert, den Glauben an die Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit des Wahlaktes überhaupt verloren hat. Wie sind diese Widersprüche zu harmonisieren? Nun, es sind eigentlich keine Widersprüche, wenn man in das Wesen der Ereignisse und der Entwicklungen der mächtigen Krise, die Rußland durchlebt, tief hineindringt und die Triebkräfte dieser Veränderungen entdeckt Die Apathie, das Umsichgreifen einer müden Verärgertheit, ist die unvermeidliche Folge der erfahrenen Enttäuschungen - aber trotz allem neigt die Volksstimmung von selbst, sozusagen instinktiv, nach jener Richtung, nach der sie während der früheren Wahlkampagnen bewußt und überzeugt neigte. Daraus läßt sich schließen, daß die inneren Veränderungen wohl das Vertrauen der Allgemeinheit in die konstitutionelle Zukunft geschwächt, aber die Überzeugungen nicht verändert haben. Es ist bezeichnend, daß der .,Bund der Echtrussen" und die Rechte überhaupt nirgends gesiegt und daß die Zentrumselemente, d. h. die konstitutionelle Opposition die Oberhand behalten hat. Diese Schlußfolgerungen ergeben sich selbstverständlich erst aus den Anfangsstadien der Wahlen. Das Resultat der in der Adelskurie vorzunehmenden Wahlen mag ein ganz anderes sein. Es ist unmöglich, das endgültige Ergebnis vorauszusehen, um so mehr, da die Behörden unbeschränkte Machtbefugnisse haben, wodurch sie imstande sind, die Wahlen umzumodeln und deren Resultaten ihren Stempel aufzudrücken. Aber all das, was bis jetzt als unverfälschtes Symptom der öffentlichen Meinung aus den Tatsachen hervorgeleuchtet hat, läßt darüber keinen Zweifel walten, daß die Mehrheit auf Seiten der demokratischen Elemente steht. Es ist einfach erstaunlich, wie miserabel schwach die Kräfte der Konservativen sind, trotzdem sie über unbeschränkte Agitationsmittel verfügen und trotzdem sie alles aufgeboten haben, um die öffentliche Meinung einzuschüchtern. Es ist klar, daß nicht nur die Echtrussen, sondern auch die Oktobristen und die Konservativen überhaupt gar keinen Boden unter den Füßen haben. Auch diese Tatsache, die den in russische Zustände Uneingeweihten etwas sonderbar erscheinen mag, ist ganz natürlich. Die Echtrussen und Konservativen anderer Schattierungen sind in den Augen desjenigen Teiles des Volkes, der am alten Regime hängt, überflüssig. Dafür ist ja die Regierung da! Aber trotz allem ist die Wahlenthaltung eine beunruhigende Erscheinung. Man darf sich über dieses Symtom der Apathie, wie gesagt, nicht wundern; es ist die naturgemäße Seelenstiminuiig, die sich aus dem Überdruß, der Müdigkeit und der Niedergeschlagenheit weiter Volkskreise ergibt. Man muß also damit rechnen, daß, sollte auch die Mehrheit oppositionell sein, sie doch nicht die Wucht und den Einfluß besitzen wird, den nur ein Wahlenthusiasmns ausströmen kann. Übrigens sind die Schicksale der dritten Duma in Dunkel gehüllt. Nicht der Volkswille, sondern die bureaukratischen Behörden entscheiden vorläufig über die Existenz und die Arbeitsrichtung der Duma. Es ist möglich, daß das Schicksal der dritten Duma dem der zwei früheren gleichen wird. Das scheint uns sogar wahrscheinlich, solange die Kraft der konstitutionellen Richtung die Einflüsse, die die reale Macht besitzen-, nicht überwunden hat. Es ist ein langer und schwerer Kampf. Daß die Juden dieser Sachlage gegenüber sich reserviert verhalten, ist selbstverständlich. Sie stehen ideell auf Seiten des Fortschritts, keine einzige jüdische nennenswerte Gruppe steht weiter nach rechts als die Kadetten, aber das passive Wahlrecht haben sie infolge der Schöpfung „nationaler Kurien" fast gänzlich eingebüßt. In Polen hatten sie schon früher keine Aussichten. Unter den 40 Abgeordneten war kein einziger Jude. Die Reduzierung der Zahl polnischer Abgeordneten auf 14, die alleinherrschaftliche Tendenz polnischer Nationalisten usw. haben die Chancen der Juden gänzlich vernichtet. In Litauen, Wolhynien und Podolien hatten die Juden einen bedeutenden, zuweilen auch einen ausschlaggebenden Einfluß, aber jetzt sind sie in heimtückischer Weise vollständig lahmgelegt worden. Wir sagen: in heimtückischer Weise, weil es eine Begriffsverwirrung ist, wenn man von „nationalen Kurien" , spricht. Die judenfeindlichen Machthaber haben quasi das nationale Prinzip zur Geltung gebracht, und die jüdischen Assimilanten

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