Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 41 (11.10.1907)
- Date
- 1907-10-11
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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20 DIE3äIELT Nq. 41 Mit Freude teile ich Ihnen mit, daß eine der Friedensbedingungen, die General Drude, Admiral Philibert und Herr MaU pertuy den Stämmen auferlegt haben, die Freigabe aller von ihnen während der jüngsten Ereignisse gemachten Gefangenen ist. Aus den Zeitungen wissen Sie, daß fast alle Stämme in der Umgebung von Casablanca ihre Unterwerfung angemeldet haben. Es sind demgemäß auch alle Israeliten, die sich bei ihnen befanden, in die Stadt zurückgekehrt. Pisa. Auswanderungskonferenz der russischen Regierung Am 21. September a. St. fand eine Konferenz der Kommission zur Regelung der Auswanderungsfrage statt, an der die Vertreter verschiedener Ministerien sich beteiligten. Die Kommission zur Regelung der Auswanderung hatte voriges Jahr ein Projekt bearbeitet, gegen das das Ministerium des Inneren Protest erhoben hatte. Das Ministerium ging von dem Standpunkte aus, daß die Auswanderung eine anormale Erscheinung sei und gelangte zu dem Schlüsse, daß diese Frage hauptsächlich durch neue Beschränkungen auf dem Gebiete des Paßwesens zu erledigen sei. Die in Rede stehende Konferenz hatte einen ganz speziellen Zweck. Es handelte sich um die Regelung der Oberfahrt, der Auswanderer aus den russischen Hafenstädten unter Wahrung der Paßvorschriften. Der Vorsitzende der Konferenz, der Präsident der Abteilung für Handelsschiffahrt, Herr Alexejew, teilte mit, daß das Handel- und Industrie-Ministerium einen neuen Entwurf ausgearbeitet habe, aus dem die Fragen, die das Aufgeben der russischen Untertanenschaft und die Rückkehr zu denselben betreffen, dem Wunsche des Ministeriums des Inneren gemäß vollständig ausgeschieden werden. Die Redaktion des Paragraphen 1, der folgendermaßen lautet: Das Gesetz bezieht sich auf russische Untertanen, die sich nach den überseeischen Ländern aus den Hafenstädten Russlands begeben. Diese Personen werden offiziell Emigranten genannt" hat einen lebhaften Meinungsaustausch hervorgerufen. Der Ausdruck „Überseeische Länder" schien vielen unstatthaft. Es wurde darauf hingewiesen, daß möglicherweise jeder Russe, der aus seiner Vaterstadt reist, als Emigrant betrachtet werden kann. Zum Schlüsse wurde die von Herrn M. W. Posen er vorgeschlagene Fassung angenommen. Anstatt der früheren Ausdrücke „die nach überseeischen Ländern reisen" heißt es jetzt „die ins Ausland reisen" um sich dort anzusiedeln". Während der dritten Sitzung dieser Kommission drehte sich die Diskussion um die Frage des Ausdrucks „Emigration". Die Vertreter der Regierung machten geltend, daß eine Emigration nach dem russischen Gesetze überhaupt nicht statthaft sei. Gegen diese Bemerkungen protestierte der Vertreter der Ica, Herr G. B. Sliosberg, indem er den Nachweis erbrachte, daß die Emigration im russischen Leben eine zwar negative, aber nichtsdestoweniger beständige Erscheinung, wenigstens sofern es sich um Juden handelt, sei. Die Aufgabe der Konferenz bestehe nach den Ausführungen des Redners nicht darin, ein existierendes Übel zu beschönigen, sondern es nach Möglichkeit zu verringern. Es handele sich hauptsächlich darum, die Auswanderer vor den Ausbeutungen seitens der Agenten und Vermittler zu schützen. Die Mehrheit der Konferenzmitglieder beschloß den Ausdruck „Emigration" beizubehalten. Es wurde eine ganze Reihe von Erleichterungen für das Erlangen eines ausländischen Passes für Auswanderer angenommen. Studiumsbeschränkungen Wir nahmen in der vorigen Nummer Notiz von der offiziellen Nachricht, daß der russische Handelsminister die Zulassung der Juden zum Hochschulstudium in einer den nominalen Satz übersteigenden Zahl genehmigt habe. Wie derartige Kundgebungen zu bewerten sind, läßt nachfolgendes Telegramm erkennen, daß aus Petersburg gemeldet wird: Der Direktor und die Dekane des polytechnischen Institutes von Kiew haben ihre Abschiedsgesuche eingereicht. Der Grund ist darin zu suchen, daß durch eine Regierungsmaßregel die Bestimmung des Institut-Statutes wieder in Kraft gesetzt worden war, derzufolge die Zahl der jüdischen Studenten nicht mehr als 15 Prozent der Zuhörerschaft betragen darf. Diese Bestimmung war in der letzten Zeit nicht beobachtet worden. Der Sultan und der Großrabbiner von Konstantinopel Von einem bemerkenswerten neuen Beweis der bekannten Judenfreundlichkeit des Sultans wird uns berichtet. Am Geburtstage des Sultans ist es üblich, daß ebenso wie die Gesandten der in Konstantinopel vertretenen Staaten und die höchsten türkischen Würdenträger die Häupter der verschiedenen Religionsgemeinschaften dem Sultan ihre Glückwünsche darbringen. Beim diesmaligen Empfang fehlte der Großrabbiner von Konstantitiopel, Moise Levy, der erkrankt war und an seiner Statt einen anderen Rabbi und 'den Dolmetsch des Großrabbiners entsandt hatte. Als der Sultan sich nach dem Verbleib des Großrabbi erkundigte und die Ursache seines Fernbleibens erfuhr, entsandte er sofort einen höheren Beamten zum Großrabbi, mit dem Auftrage, sich nach dem Befinden des Kranken zu erkundigen und ihm die besten Wünsche des Sultans für seine Genesung zu übermitteln. Dies wiederholte er am selben Abend und überwies dem Großrabbi außerdem, als einen besonderen Beweis seiner freundlichen Gesinnung, eine hohe Summe Geldes aus seiner Privatschatulle. Die Reise Dr. Nathans Konstantinopel: Dr. Paul Nathan ist, von dem Arabisten Dr. Eugen Mittwoch begleitet, nach zwölftägigem Aufenthalt von hier nach Sangrea abgereist. Der hiesige Aufenthalt Dr. Nathans war für die jüdische Bevölkerung Konstantinopels ein Ereignis. Aschkenazim wie Sephardim wetteiferten in dem Bestreben, dem Abgesandten des Hilfsvereins der Deutschen Juden die vornehme Aufgabe, die ihn nach dem Orient geführt, zu erleichtern, so daß sich Dr. Nathan alsbald von dem der Tätigkeit des Hilfsvereins hier entgegengebrachten Interesse überzeugen konnte. Auch hat der Großrabbiner der Türkei, Seine Eminenz Mo sehe Halevy, die Gelegenheit wahrgenommen, Dr. Nathan und der von ihm vertretenen Sache seine Sympathie zu bezeugen. Ein auf Anregung Dr. Nathans im Werden begriffenes Lokalkomitee wird die Aufgabe haben, die seitens des Hilfsverein > der Deutschen Juden subventionierten Institutionen zu reorganisieren und zu erweitern und weitere der geistigen und materiellen Hebung der armen jüdischen Bevölkerung Konstantinopels dienende Einrichtungen zu schaffen. NOTIZEN .17^- Die jüdische Auswanderung nach Galveston. Infolge der erhöhten Bedeutung, die die jüdische Emigration nach dem Hafen Galveston gewonnen und des voraussichtlichen weiteren Anwachsens dieser Emigration in der nächsten Zukunft, begaben sich der Präsident der Ito, Herr Israel Zangwill, und der Ehrensekretär Herr Clement I. Salamann, nach Bremen und hatten dort, zusammen mit den Vertretern des Hilfsvereins der Deutschen Juden, Herrn Dr. Rosenak, Bremen, und Generalsekretär Herrn Dr. Bernhard Kahn, Berlin, eine eingehende Besprechung mit Herrn Generaldirektor Dr. Wiegand vom Norddeutschen Lloyd über die Möglichkeit, die infolge der vermehrten Auswanderung notv\ endigen Einrichtungen in den Bremer Logierhäusern und auf den Schiffen