Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 41 (11.10.1907)
- Date
- 1907-10-11
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 41 DIE ELT 19 gezwungen und durchgeprügelt. Jm jüdischen Gymnasium wurden alle Fenster eingeschlagen. Sobald Mangel an Juden eintrat, wurden Christen geprügelt. Die Zahl der schwer verwundeten Juden beträgt dreißig, die der leicht Verwundeten ist sehr zahlreich. * * * Vor Schlu 13 der Redaktion erhielten wir folgendes Telegramm aus Odessa, das klar erkennen läßt, für wie gefahrdrohend dort die Situation angesehen wird. Sonntag fanden hier furchtbare Exzesse und Plünderungen statt. Zahlreiche Juden wurden mißhandelt, viele schwerverletzt. Augenblicklich ist die Lage verhältnismäßig ruhig, indessen wird jeden Tag ein Wiederausbruch der Exzesse befürchtet. Marokko Das Deutsche Bureau der Alliance Israelite Universelle stellt uns die nachfolgenden Spezialberichte aus Marokko zur Verfügung: Casablanca, 23. September 1907. Ich habe die Ehre, Sie zu benachrichtigen, daß ich soeben die Verteilung von Unterstützungen an Lebensmitteln und Geld beendet habe. Ungefähr 300 Familien befanden sich in äußerster Not. An diese habe ich an den Rüsttagen zum Rosch-Haschana-, zum Jom- Kippur- und zum Sukkat-Fest drei große Verteilungen vorgenommen. Den Familien, die nicht zur Abholung zu kommen wagten, habe ich die Spenden persönlich ins Haus gebracht, die anderen kamen in die Schule, um dort die Gaben zu empfangen. Alle Lebensmittel und eine beträchtliche Geldsumme sind verteilt worden. Sobald auch die Kleidungsstücke verteilt sein werden, die wir von Dr. Baron Rothschild erwarten, können wir, glaube ich, das Unterstützungswerk an Ort und Stelle für abgeschlossen erachten, um nicht etwa auf Trägheit eine Belohnung zu setzen. Kommandant Hangin, den ich gestern sprach, hat mir versich&rt, daß alle kräftigen Männer Arbeit finden, und daß die Frauen als Bonnen, Haushälterinnen, Köchinnen, Wäscherinnen, Beschäftigung haben können. Wirkliche Armut bleibt nur bei den wenigen Familien, für die solche Tätigkeit sich nicht eignet, bei Kranken und Waisenkindern. Ich stelle eine Liste dieser Personen auf, die wie in früheren Tagen wöchentliche Unterstützung erhalten werden. Besondere Aufmerksamkeit wende ich jetzt den im Innern des Landes und an der Küste verstreuten Glaubensgenossen zu. Die Verteilung der Spenden hat unendliche Mühe gemacht. Bei der Auflösung aller Autorität fand ich bei niemand Hilfe, wohl aber überall Beschwerden und — Kritik. Ausnahmen bildeten einzig die Herren Bansbu und David Alexander, die mir bei der Aufstellung der Liste der Bedürftigen von großem Nutzen gewesen sind. (Diese Listen, in denen die Namen der Unterstützten und die ihnen gegebenen Beträge verzeichnet sind, bleiben als Unterlagen für den Rechenschaftsbericht einstweilen im Archiv des provisorischen Komitees.) Soeben erhalte ich den beiliegenden Brief, der mir in der Abwesenheit des Herrn von Rothschild ausgehändigt worden ist. Wie ich erfahre, hat die Gemeinde von Mazagan sich die größten Opfer auferlegt, um unsere Glaubensgenossen aus Settat freizukaufen und sie zu ernähren. Doch muß sie eine große Zahl fortschicken, weil sie bereits überlastet ist. Den Absendern des Briefes habe ich alsbald Ermächtigung geschickt, alle Familien auszulösen, die in der Gewalt der Araber sind, und ihnen einstweilen 1500 Frs. zur Verfügung gestellt. Gleichzeitig habe ich Herrn Elnaleh von der Lage unterrichtet, damit er sich nach seiner Rückkehr nach Mazagan mit der Repatriierung dieser Unglücklichen beschäftigen könne. Heute früh kam aus Mazagan ein Zug mit 123 Personen, die von der Gemeinde freigekauft und von Herrn Zenaty, einem Notablen von Mazagan, hierher geleitet waren. Pisa. Anlage Mazagan, 17. September 1907. Wir beehren uns, an die menschlichen und großherzigen Gefühle zu appellieren, die Ihnen die Bewunderung und die Dankbarkeit der Völker eingetragen haben. Infolge der kritischen Lage in Mazagan haben fast alle bemittelten Israeliten das Land verlassen. Wir aber sind um unserer Geschäfte willen hier geblieben und haben vom ersten Tage an es als unsere Pflicht angesehen, den 200 Brüdern, die sich hier im tiefsten Elend befinden, Hilfe zu leisten. Während unsere Mittel so großer Not gegenüber schon unzureichend waren, kamen die Araber vom Lande, um uns den Freikauf der Unglücklichen anzubieten, die in Casablanca und anderen Ortschaften gefangen worden waren. Es sind bereits 600 solcher Israeliten in Mazagan eingetroffen. Unser guter Wille wird niemals aufhören, aber unsere Mittel gestatten uns eine weitere wirksame Hilfe nicht. Wir vertrauen Ihrer edlen und mächtigen Intervention, auf die wir mit bewundernder Zuversicht rechnen. Genehmigen Sie den Ausdruck unserer Dankbarkeit und Ergebenheit. Aron A. Zuaty. Casablanca, 26. September 1907. Heute früh sind 150 Israeliten, die von der Gemeinde Mazagan freigekauft waren, durch unsere Vermittlung repatriiert worden. Sie kamen in beklagenswertem Zustand an. Wir haben ihnen die nötige Hilfe geleistet. Die von Herrn von Rothschild geschickten 20000 Frs. sind in Händen des Kommandanten Hangin. 6—7 000 Frs. sind für Matratzen, Decken und Kleider ausgegeben worden. Für den Rest schlägt Kommandant Hangin folgende Verwendung vor: Ankauf von Rohstoffen zur Herstellung von Leinewand für Kinder und Frauen. Israelitische Frauen sollen mit dem Weben und Zuschneiden beschäftigt werden und dadurch einige Monate Arbeit haben. — Reinigung und Desinfektion des Mellah. — Organisierung der Arbeiten zur Säuberung des Innern der Häuser, ihrer Abwaschung mit Karbolwasser und zum Weißen der Mauern. — Ankauf einiger Esel für die Straßenaufseher im Mellah usw, — Das provisorische Komitee wird sich über die Vorschläge äußern. Pisa, Casablanca, 1. Oktober 1907. Ich beehre mich, Ihnen die Nachrichten zu übermitteln, die ein von mir nach Uleid-Kriss, Uled-Zyan, Ndakra und bis nach Settat entsandter Kurier gebracht hat: Das Land ist öde und verlassen. Der Kurier begegnete unterwegs nur einigen Familien, die, von den unterworfenen Stämmen freigegelassen, nach Casablanca zurückkehrten. Die Hauptmasse der Flüchtlinge scheint sich nach Settat zurückgezogen zu haben. In dieser Stadt hatten sich jüngst 700—800 Seelen angesammelt, von denen etwa 350 nach Mazagan und Rabat zurückgekehrt sind. Gegen 400 Personen blieben in äußerstem Mangel zurück. Herr David Amar, der in den ersten Tagen sich damit beschäftigt hatte, sie aufzunehmen, zeigt trotz der Hilfsmittel die ich ihm zur Linderung des Elends dieser Unglücklichen zur Verfügung stellte, jetzt nur noch mäßige Teilnahme und Fürsorge. Eine Zurückführung in Massen ist zurzeit untunlich, weil Settat jetzt von dem Stamm der Schaujas besetzt ist und seit gestern das Gerücht sich hartnäckig erhält, daß die Mehilla des Gegensultans Mulay Hafid zu den Schaujas gestoßen sei. Man weiß noch nicht, welche Haltung die beiden Sultane einnehmen werden; es scheint aber, daß die Hauptentwicklung des Dramas sich in dieser Gegend vollziehen wird. Unter solchen Umständen ist es für uns äußerst schwierig, zu entscheiden, ob wir die Flüchtlinge hierher sollen kommen lassen, oder ob wir ihnen Unterstützungen schicken sollen. Ihre Lage zwischen den beiden Sultanen und inmitten einer unentschiedenen Bevölkerung ist überaus besorgniserregend.