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Die Welt · 1907-10-11 · 41 (11.10.1907) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
41 (11.10.1907)
Date
1907-10-11
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Die Rednerin schilderte das Elend der galizischen Judenschaft. Der Vater ist ein Bettler, die Mutter ist elend und ungebildet. Hunger und Verzweiflung treiben die armen Mädchen der Prostitution in die Arme. Allerdings muß auch gesagt werden, daß viele aus Sinneslust und Eitelkeit in Schande verfallen. Die Mädchen sind meist zu bemitleiden, zu verdammen ist aber der Verbrecher, der die armen Opfer zur Schlachtbank führt. Das Hauptverbrechen fällt aber der menschlichen Gesellschaft zur Last, die dem Manne die doppelte Moral erlaubt, die für die Reglementierung eintritt, die ja doch eine Organisation des Lasters zur Folge haben muß. Auf allen Kongressen sind die Sturmglocken geläutet worden, doch wurde nur wenig erreicht. Für den jüdischen Frauenbund gibt es nur eine Frage: Wie kann verhindert werden, daß sich die jüdischen Mädchen verkaufen? Man muß auf die Inserate achten, in denen Mädchen für das Ausland, hauptsächlich für artistische Zwecke gesucht werden. Postlagernde Briefe spielen im Mädchenhandel eine Hauptrolle. Das jüdische Zweigkomitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels hat viel getan, unverständlich ist aber, daß das Hilfskomitee die Arbeit für Galizien dem „Hilfsverein" abgetreten hat. Zur Bekämpfung der galizischen Prostitution sind vor allem Besserung der Wohnungsverhältnisse und bessere Erziehung notwendig. Man soll dem Frauenbund nicht den Vorwurf machen, daß er auch für das Ausland arbeitet. Es gibt nur ein Judentum, für alles jüdische Elend muß Abhilfe geschaffen werden. Die Referentin schlug vor, drei jüdische Damen, und zwar: Frl. Pappenheim, Frl. Werner und Frau May, in das jüdische Zweigkomitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels zu delegieren, ferner: den Beitritt des Frauenbundes zum deutschen Nationalkomitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels, Übernahme der Bahnhofs- und Schiffsaufsichten in den großen Städten und den Grenzstädten, Bearbeitung der galizischen Frauenfrage durch eine besondere Sektion. Die Anträge, die eine rege Diskussion veranlaßten, wurden angenommen, und man beschloß außerdem, den Vortrag im Druck erscheinen zu lassen. * * 4 Am Dienstag abend fand eine öffentliche Versammlung in der Frankfurt-Loge statt, die überfüllt war. Hunderte mußten umkehren. Frau H. Fürth sprach über „Die Berufswahl unserer Töchter". Vor zwei Menschenaltern ist die Berufswahl der Töchter ein Unding gewesen, heute ist sie etwas Selbstverständliches. Früher vollzog sich die Tätigkeit der Frau im Rahmen der Hauswirtschaft, heute ist sie Lohnarbeit geworden. Die größeren Erfordernisse im Haushalt zwingen auch die Töchter zum Mitverdienen. Die Mädchen müssen aber vor allem deshalb einen Beruf ergreifen, weil die Möglichkeit der Eheschließung minder groß ist als früher. Es betrifft dies hauptsächlich mittelständische Kreise. Aus ökonomischen und sittlichen Gründen ist der Beruf für unsere Töchter eine Notwendigkeit geworden. Für eine Reihe von Berufen taugt die Frau aus physischen Gründen nicht, für eine Reihe wird sie nicht zugelassen. So werden den jüdischen Lehrerinnen große Schwierigkeiten bereitet; in Frankfurt werden sie nur unter der Bedingung angestellt, daß sie sich mit den sogenannten technischen Fächern begnügen. Über die Tätigkeit der Frauen im geschäftlichen Beruf gehen die Meinungen auseinander; aber sicher ist, daß viele Mädchen Tüchtiges leisten. Bedauerlich ist es, daß manche Kreise die Mädchen, die sich zur Arbeit entschlossen haben, gesellschaftlich ächten. Für den jungen Kaufmann öffnen sich alle Pforten, für das Mädchen, das kaufmännisch tätig ist, schließen sie sich. Und doch wird gerade die Frau, die im Beruf steht, die beste Gattin werden; sie hat in ihrem Beruf Disziplin gelernt, sie hat sich auch genug Gewandtheit angeeignet, um, wenn sie das für nötig erachtet, sich im Salon zu bewegen. Wir wollen unsere Töchter erziehen zu freudvoller Arbeit und zu arbeitsvoller Freude. Von einer Diskussion wollte man anfangs Abstand nehmen, aber sie wurde stürmisch verlangt. Frau Fromberg-Frankfurt betonte die Notwendigkeit der wirtschaftlichen Durchbildung der Mädchen. Fräulein Homburg-Karlsruhe teilte mit, daß in Baden für jüdische Lehrerinnen keine Ausnahmebedingungen bestehen. Frau Gutmann-Mannheim sagte, die Frau würde dann erst die Kameradin des Mannes, wenn sie im Beruf helfe. Rabbiner Dr. Jaulus-Aachen erklärte, daß man von heute auf morgen nicht mit dem Vorurteil gegen das „Ladenmädchen" brechen könne. (Ironischer Beifall.) In der Diskussion sprachen noch Frl. Heimbacher, Frl. Wolf, Frl. Pappenheim, Frl. Werner. Es wurde auch die militärische Frage angeschnitten und ein Dienst jähr der Frau empfohlen. In ihrem Schlußwort betonte Frau Fürth, daß die Soldaten gerade genug Geld kosten und daß sich, abgesehen von der Geldfrage, nicht genügend Mädchen für das vorgeschlagene Jahr sozialer Hilfsarbeit finden werden. Für zweckmäßiger hält sie ein neuntes Schuljahr. Mit Dankesworten schloß Frl. Werner den zweiten Delegiertentag des jüdischen Frauenbundes. * * * In der Sitzung am Montag hatte in der Debatte eine Rednerin gesagt: „im alten Israel sei die Ehebrecherin gesteinigt worden, nicht aber der Ehebrecher". In einer, der Frankfurter Zeitung zugegangenen Zuschrift wird die Richtigkeit dieser Behauptung entschieden bestritten. Lev. 20,10 heiße es ausdrücklich: „Der Ehebrecher und die Ehebrecherin, beide sollen getötet werden." Nach Deuteron, 22,22 wurde in bestimmten Fällen der Ehebrecher allein getötet, und nach Deuteron, 22,25 war der Verführer eines Mädchens verpflichtet, dieses zu heiraten ohne die Berechtigung, ihm den Scheidebrief zu geben, d. h. die Ehe in rituell gültiger Weise zu lösen. Pogrom in Odessa Dem Hilfsverein der deutschen Juden wird aus Odessa vom 7. Oktober telegraphiert: Die gestrige Beisetzung des Odessaer Gehilfen des Polizeipristaws Delfinsky nahmen die Verbändler als Anlaß zu einem förmlichen Pogrom, der bis Abend andauerte, Banden von Pöbel und halbwüchsigen Burschen, von Verbändlern geführt, besetzten die Hauptstraßen, überfielen die Passanten mit Messern und Knütteln und warfen alle Fenster jüdischer Häuser ein. In den Straßen, durch welche der Leichenzug sich bewegte, drangen bewaffnete Verbändler in jüdische Häuser ein, plünderten und mißhandelten die Hausbewohner. Eine von der Beisetzung zurückkehrende Menge von Verbändlern marschierte in geschlossenen Kolonnen durch die Gegend des Marktes und beschoß die von Juden bewohnten Häuser, wobei viele Juden verwundet wurden. Die Einwohner flüchteten voll panischen Schreckens und versteckten sich auf Böden und in Kellern. In der Troitzkastraße im Stadtzentrum stürmten die Verbändler ein jüdisches Speisehaus, zertrümmerten das Geschirr und raubten. Zwanzig Besucher des Speisehauses wurden in eine Hofecke getrieben und beschossen. Ein siebzigjähriger Greis und ein Lehrling wurden ermordet. Die Polizei erschien erst, als es am schlimmsten war, auf der Preobraschenskastraße, wo gegen 300 Plünderer die Läden, Restaurants und Konditoreien ausraubten Unterwegs wurden die Zeitungskioske und Bücherkioske umgestürzt, Passanten mißhandelt. Hurrarufend stürmten die Hooligans die Trambahnwagen und bewarfen jüdische Insassen mit Pflastersteinen. Am Privatgymnasium wurden die Fensterscheiben eingeworfen. Vielfach wurden von den Hooligans auch Christen mißhandelt. Abends dehnten sich die Ausschreitungen auf die Noldawankastraße aus, wo viele Fenster des jüdischen Krankenhauses zertrümmert wurden. Im ganzen sind Dutzende ernstlich Verwundete und sehr viele Leichtverwundete da. Montag wiederholten sich die Ausschreitungen gegen die Juden auf der Preobraschenskaja und anderen Straßen. 300 Tumultuantei; zerstörten Läden, Konditoreien, Werkstätten, Buchhand lungen und verwundeten die Passanten. Mit lautem Hurra wurde jede Pferdebahn begrüßt; alle Juden wurden zum Aussteigen

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