Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-10-11 · 41 (11.10.1907) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
41 (11.10.1907)
Date
1907-10-11
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316284--49833-3344763
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

No. 41 DIE ELT 17 es eine besondere jüdische Sittlichkeit gebe. Die Rec[nerin behandelte eingehend als die drei Hauptfragen der Sittlichkeit: die Wohn-, * Lohn- und Erziehungsfrnge. Das gezwungene Nebeneinander in den beschränkten Wohnräumen stumpfe das Schamgefühl ab. Es sei also allgemeine Abhilfe erforderlich. Spezielle Eigenschaften des jüdischen Volkes machten in dieser Frage besondere Maßregeln nötig. Ghettoerinnerungen scheinen es zu sein, die in vielen Gegenden die Juden zum engsten Beieinanderwohnen veranlassen. Da müsse denn Zwang angewandt, nötigenfalls die Unterstützung entzogen werden. Allerdings sei jeder Fall individuell zu behandeln. Im Zusammenhang damit kam die Rednerin auf die Wöchnerinnenheime zu sprechen. Die uneheliche Mutter dürfe nicht bei Hebammen Unterschlupf suchen, sie komme da leicht „unter die Räder". Wöchnerin nenheime seien speziell für unverheiratete Frauen zu gründen. Man habe sich mit Fraueuverbindungen anderer Länder zur Erledigung dieser Frage in Verbindung gesetzt. In der Lohnfrage befürwortete die Rednerin. die Forderungen der fortgeschrittenen Frauenvereine. „Wir aber", so betonte sie, „müssen auch dafür sorgen, daß arme jüdische Mädchen den Antisemitismus nicht verbreiten; wir müssen verhindern, daß durch den Broterwerb vermürbte Mädchen den Bordellwirten in die Hände fallen." Manche iü iischen Arbeitgeber beschäftigen lieber christliche als jüdische Arbeiterinnen. Das sei höchstes Unrecht. Denn: Arbeit geben sei besser als Almosen geben. Man müsse auch den Arbeiterinnen entgegenkommen, die ihren Sabbat feiern wollen. Rechtskürzling and Rechtsbeugung des Frauenrechts verschulden in vielen Fällen die Prostitution. Die Rednerin erkannte die Verdienste der fortschrittlichen Frauenvereine an; .aber sie sprach von „Frauen mit weitem Blick und kurzem Gedächtnis, die gleich den Automobilisten mit rücksichtsloser Zuversicht und zuversichtlicher Rücksichtslosigkeit vorwärts rasen"; sie hätten vergessen, daß sie viel den altern, ruhig arbeitenden Frauen entnommen hätten. Wie sei es nun mit der Sittlichkeit im Judentum? Die Zahl der jüdischen Prostituierten sei gestiegen. Das Familienleben lasse in vielen Fällen zu wünschen ibrig. Die Rednerin forderte unter lebhaftem Beifall eine Reform ler Stellung der Frau in der jüdischen Gemeinde, wo sie nicht .'innial das Recht eines 13jährigen Knaben habe und nur als Gechlechtswesen, nicht als Individuum gelte. Scharfe Worte fielen ^egen jene jüdischen Mütter, die ihre Töchter nur zur Heirat erziehen. Daß in Galizien viele Jüdinnen der Prostitution verfallen, iege in dem Umstand, daß die Mädchen dort gaiu besonders nur ds Geschlechtswesen geschätzt werden. Das „Rifkele Schipkowitsch" ei typisch. Von den jüdischen Frauen sei zu fordern: Einkehr nid Ehrlichkeit gegen sich selbst und Bewußtsein ihrer sozialen Pflichten. Das durchzuführen, sei das Ziel des jüdischen Frauenbundes. .(Lebhafter Beifall.) Es wurde beschlossen, den Vortrag, .in Druck erscheinen zu lassen. Frl. Deutsch erklärte in der Diskussion, sie stehe als Lehrerin auf dem Standpunkt, daß vor dlem der gesunde Menschenverstand zur Geltung komme. Das löchste sei der Wille. Die Schule müsse den Mut haben, die \inder auf gewisse natürliche Vorgänge aufmerksam zu machen. :rl. Baneth-Berlin bestritt, daß die Frauen bei den Juden weniger '.fechte haben als die Männer, sie hätten nur andere Rechte. Das einzige Parlament, wo die Juden Stimmrecht hätten, ei das jüdische Parlament, der zionistische Kongreß. VI. Pappenheim erwidert, die Frau sei im Judentum nur als erheiratete Frau und nur als Mutter von Kindern geschätzt worden. Vau H. Fürth meinte, im alten Israel sei die Ehebrecherin gesteinigt worden, aber nicht der Ehebrecher; die jüdischen Frauen Witten fast keine Rechte. Der „neuen Ethik" danke man, daß andere Anschauungen über die uneheliche Mutter Platz gegriffen hätten. In der Nachmittagssitzung wurde über Stellenvermittlung Deriert. Zuerst sprach Frau B. Leiser-Köln. Sie forderte i Hindling von Stellen vermittlungsbureaus durch die Frauen vereine. "e öffentlichen Arbeitsnachweise seien nicht ausreichend, so daß die privaten Stellenvermittlungen, die trotz polizeilicher Vorschriften und trotz Kontrolle viele Mißstände aufzuweisen hätten, noch sehr in Anspruch genommen würden. Die Rednerin verlangte Abschaffung der nicht mehr zeitgemäßen Gesindeordnung. Spezialarbeit hätte der jüdische Frauenbund zu leisten, da er die Vermittlung der am Sabbat feiernden Mädchen übernehmen müsse und Sorge zu tragen habe, daß die M lidchen aus dem Osten im Westen geeignete Stellungen finden, Frau Berta Uhlfeld er-Frankfurt besprach die Organisation des allgemeinen Vereins für Hausbeamtimien und dessen Bestrebungen. Dienstmädchen vermittelt der Verein nicht. Der Zweigvereiii Frankfurt hat Kurse für Französisch und Englisch und einen Schneiderkursus eingerichtet, die stark besucht sind. Der Verein beabsichtigt die Errichtung von Altersheimen für arbeitsunfähige Hausbearntinnen; für ältere hat der Verein einen neuen Erwerbszweig, die zeitweise Vertretung im Haushalt, gefunden. Die Referentin regte die Gründung eines jüdischen Hausbeamtinnen- Vereins an. Frau S. Dann-Frankfurt berichtete über die Tätigkeit des Vereins für weibliche Fürsorge. Ah den Verein haben sich im Vorjahr 339 Arbeitgeber und 390 Arbeitsuchende, zum Teil aus weiter Ferne, gewandt. In der Diskussion sprach Frl. Berliner- Hannover ihr Bedauern aus, daß sich die jüdischen Mädchen immer mehr den kaufmännischen Berufen zuwenden. Sie fand das aber entschuldbar, da der Hausinädchenstand viele Mißstände aufzuweisen habe. Von anderer Seite wurde der Dienstmädchennot die Hausfrauennot gegenübergestellt und von den großen Ansprüchen der immer seltener werdenden Dienstmädchen gesprochen. Einig war man sich in der Erkenntnis der Notwendigkeit der Organisation der Stellenvermittlung und im Anschluß daran der Organisation der Dienstmädchen, der Beseitigung der Gesindeordnung uiid der Einführung eines gesetzlich geregelten Arbeitsverhältnisses. Abends fand in der Frankfurt-Loge eine öffentliche Versammlung statt, die sehr stark besucht war. Frau Henriette May-Berlin sprach über „Jüdische Verein so rganisatio neu" und behandelte eingehend die Bestrebungen und Erfolge der hervorragendsten Organisationen, der Alliance lsraelite Universelle, der Jewish Colonisation Association, des Deutsch-israelitischen Gemeindebuiides, des Hilfsvereins der deutschen Juden und des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Ganz besonders hob sie die Verdienste des Hilfsvereins hervor, dem die Einführung der Industrie in Galizien zu danken sei, der nach den russischen Pogroms die russische Hilfsaktion geleitet, das Unterstützungswesen organisiert und 119 russischen Waisenkindern in Deutschland eine neue Heimat geschaffen habe. Der Hilfsverein wisse auch, im Gegensatz zu anderen Vereinen, die Mitarbeit der Frauen zu schätzen. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund habe sich besonders um das Erziehungswesen verdient gemacht und zwei Erziehungshäuser erstellt. In Neu-Isenburg habe der Jüdische Frauenbund ein Frauenheini für arme kranke Witwen und Waisen errichtet, das demnächst eröffnet werde In der Diskussion sprach als Vertreter der Alliance lsraelite Charles Hallgarten. Er erwartet, daß diese Vereinigung den Frauen bald Sitz und Stimme im Vorstand einräume und daß die Mitarbeit der Frauen es der Alliance ermögliche, neue und noch größere Erfolge zu erzielen. Dienstag vormittag sprach Frl. Sidonie Werner-Hamburg über „Mädchenhandel". Man hat lokalen, nationalen und internationalen Mädchenhandel. Aus dem Detailwurde Engros- und schließlich Exporthandel. Rußland, Galizien, Deutschland und die Schweiz sind die Länder, aus denen der Export vor sich geht. Mit Mitleid und Trauer muß konstatiert werden, daß es meist jüdische Mädchen sind, die verhandelt werden. Eine Schmach und Schande ist es, wie in Rußland die Jüdinnen behandelt werden; in Moskau und Petersburg dürfen sie sich nicht niederlassen, aber sofort sind sie zugelassen, wenn sie sich der Prostitution zuwenden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.