Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 41 (11.10.1907)
- Date
- 1907-10-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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wenig beneidenswerten Rufes erfreute. Er war ein zu allem fähiger Streber schlimmster Sorte und haßte die Juden, die ihm in Wilna als Gouverneur viel zugesetzt hatten. Endlich kann man die Förderung und Inspirierung einer Pogrompolitik in noch höheren Kreisen suchen." Urussow spricht es an anderer Stelle aus, wer diese „höheren" Kreise sind. Es sei unzweifelhaft, daß der Kaiser selbst, wenn nicht im Handein, so doch im Fühlen und Denken ein Feind der Juden sei. Als Urussow in der Audienz, die er beini Kaiser vor Antritt seines Amtes hatte, auf den Pogrom in Kischinew zu sprechen kam, da unterbrach ihn der Kaiser und lenkte sofort auf ein anderes Thema über. Und ebenso schlugen alle Versuche fehl, den Kaiser zu irgend einer Erklärung zu veranlassen, welche die Pogrome verurteilte, oder wenigstens zu einer Kundgebung seines Mitgefühls mit den Opfern durch Hergabe einer Geldunterstützung. Urussow hat seinen Memoiren auch ausführlich den Inhalt der Denkschrift einverleibt, die er für eine der zahllosen Kommissionen, die sich mit der Regelung der Verhältnisse der Juden beschäftigten, verfaßt hat. Die Schilderung der Verhandlung dieser und anderer Kommissionen wäre man übrigens leicht geneigt für eine Persiflage zu halten; weder Gogol noch Tschechow könnten sich rühmen, so eindrucksvoll die unsagbare Borniertheit der Leute gezeichnet zu haben, die über die Geschicke von 150 Millionen Menschen entscheiden. Er wiederholt in ihr die alte Beobachtung, daß erst dann normale Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden eintreten können, wenn die berüchtigten Maigesetze des Jahres 1882, die die Juden an jeder wirtschaftlichen und geistigen Entwickelung verhindern, aufgehoben sein' werden. Besonders bemerkenswert erscheint der Gesichtspunkt, von dem aus Urussow die völlige rechtliche Gleichstellung der Juden verlangt; es. ist dies der Standpunkt der Interessen und der sittlichen Bedürfnisse des russischen Volkes; das mittlere Beamtentum muß vor dem geistigen Prozeß bewahrt werden, durch den es halb unbewußt die Gewohnheit angenommen hat, gegen den rechtlosen..Juden besondere moralische Nonnen anzuwenden. Und Urussow nennt zwei Beispiele für diese Sondermoral, die seiner Argumentation ein furchtbares Gewicht verleihen. Das eine ist schon früher bekannt geworden. Eine junge Jüdin, die in Moskau einen Fortbildungskurs besuchen wollte und von dort immer wieder ausgewiesen wurde, weil sie in der Residenzstadt das Wohnrecht nicht besaß, beschloß in ihrer Not, sich eine Bescheinigung für das Gewerbe geben zu lassen, das junge Jüdinnen überall betreiben dürfen. Aber die ärztliche Untersuchung bewies, daß sie ihrem Gewerbe nicht nachging, und so wurde sie endgültig in ihren Heimatsort zurückgeschickt. Den anderen Fall erzählte Urussow der älteste Rat der Gouvernementsverwaltung von Bessarabien v. R—n, ein Mann von sehr gutmütigem Charakter, wie der Fürst hinzufügte. R—n hatte einmal als Exekutivbeamter der Hinrichtung eines Juden beizuwohnen. Als man den Delinquenten nach der vorgeschriebenen Zahl von fünf Minuten vom Galgen herunternahm, da stellte sich heraus, daß der lange Bart, den er trug, die Strangulation verhindert hatte. Der Doktor erklärte, der Jude werde in einigen Minuten das Bewußtsein wiedererlangen. „Was war da zu tun?" erzählte R—n, „ihn ein zweitesmal aufhängen, ging nicht gut an, und ich mußte doch das Todesurteil vollstrecken. Da habe ich ihn schnell begraben lassen, bevor er wieder zu sich kam." R—n gab zu, er würde einen lebenden Christen niemals eingegraben haben; der Fall mit dem eingescharrten Juden beunruhigte ihn aber gar nicht; er war überzeugt, er habe scharfsinnig und findig gehandelt. Nur wenige Kapitel der Memoiren sind Erlebnissen gewidmet, die sich nicht auf die Judenfragen beziehen. Mit viel Humor wird eine Reise nach Jassy geschildert, wobei Urussow in offizieller Eigenschaft zu einem Empfang des rumänischen Königspaars entsandt wurde; auch von dem Adel Bessarabiens und seinem barbarischen Luxus entwirft der geplagte Gouverneur, der sich unmöglich an die obligaten 14 Gänge des „kleinen Diners" gewöhnen konnte, ein ergötzliches Bild. Dann klingt aber das Buch recht ernst aus. Urussow erzählte von der Audienz, die er beim Zaren hatte, als er unmittelbar nach dem Ausbruch des russisch-japanischen Krieges von Kischinew nach Twer versetzt wurde. Der Kaiser hatte einem anderen Würdenträger gegenüber erklärt, er betrachte den Angriff der Japaner „wie einen Plohstich". Auch Urussow erwähnte die japanische Kriegserklärung. Darauf sagte der Kaiser wörtlich: „Ich bin über den Ausgang des Krieges vollkommen ruhig, und Sie werden es jetzt auch bedeutend leichter haben." „Ich verstand nicht gleich," bemerkt Urussow, „die Gedanken des Zaren, aber er erklärte, der Krieg würde eine Hebung des patriotischen Geistes hervorrufen, dadurch würde die regierungsfeindliche Agitation nachlassen, und folglich würden die lokalen Behörden es leichterhaben, Ordnung und Ruhe aufrechtzuerhalten." „Ich kann Ihnen eine angenehme Nachricht aus Kischinew mitteilen," fügte der Kaiser hinzu. „Es haben dort Demonstrationen stattgefunden mit Gottesdienst und dem Zarenbilde, ich habe gestern ein patriotisches Telegramm erhalten." Urussow kehrte nach kurzer Zeit nach Kischinew zurück und hatte dort Gelegenheit, einen solchen patriotischen Umzug mitzumachen. „Dreißig halbwüchsige Menschen, größtenteils Juden, mit einer Fahne und dem Zarenbildnis kamen auf meinen Hof gelaufen; hinterher jagten fünf Polizisten, die am Toreingang Halt machten. Ich trat auf die Treppe, nahm mit einer Hand das Zarenbild, in die andere die Fahne, stellte sie in mein Empfangszimmer, kehrte zu den Demonstranten zurück, drückte ihnen meine Zufriedenheit aus und riet ihnen, nach Hause zu gehen. Damit hatte die Geschichte ein Ende." (Frankfurter Zeitung.) c oooj) o o o o o o s£ AUS DER BEWEGUNG f o o o o o o o 3>! |0OO0O0 0| An den Feierlichkeiten anläßlich der Beisetzung des Qroßherzogs von Baden nahm als offizielle Vertretung der zionistischen Organisation eine Deputation, bestehend aus den Herren David' Wolffsöhn, als Präsident des Aktions-Komitees, Dr. N. Katzenelsohn, als Vorsitzender der Jüdischen Kolonialbank, und N. S ok o 1 o w, als Generalsekretär des zionistischen Zentralbureaus, teil. Der Deputation wurde vom Hofmarschallamt ein. ehrenvoller Platz unter den Vertretungen derResidenzKarlsruhe und des badischen Landes zugewiesen. Die Abordnung traf am Montag in Karlsruhe ein und beteiligte sich an dem Leichenzug und den darauf folgenden Feierlichkeiten. Vor ihrer Abreise sandte die Deputation folgendes Telegramm an die verwittwete Qroßherzogin: Ihrer Königlichen Hoheit Qroßherzogin Louise von Baden, Karlsruhe. Die zionistische Deputation, die hier an den Beisetzungsfeierlichkeiten teilgenommen hat, kann sich nicht versagen, Karlsruhe zu verlassen, ohne Ew Königlichen Hoheit das Gefühl ihres tiefsten Beileid: anläßlich des Heimgangs hochderen hochseliger Gemahls zum Ausdruck zu bringen. David Wolffsohn, Köln Präsident des zionistischen Aktionskomitee Dr. N. Katzenelsohn Vorsitzender des Jewish Colonial Trus N. Sokolow Generalsekretär des zionistischen Zentralbuream. Darauf lief folgende telegraphische Antwort eir: Herrn David Wolffsohn, Präsident des Zionistischen Aktionskomitees, Köln. Ihre Königliche Hoheit, die Großherzogin Louise lassen der zionistischen Deputation, welche an de i Beisetzungsfeierlichkeiten teilgenommen hat, für den warmen Ausdruck des Beileids bei der Abreiße höchstihren herzlichen Dank übermitteln. Geheimrat von Chelius.