Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 41 (11.10.1907)
- Date
- 1907-10-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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8 D!E3^L:LT No. 41 Zentrale, die von den maßgebenden herrschenden Faktoren ausgegangen wäre, werden dadurch hervorgerufen, daß sowohl die obersten Spitzen als ein großer Teil der eine leitende Stelle einnehmenden Beamten, namentlich auch einer Reihe lokaler Satrapen den Pogrom zu jener Zeit öffentlich und wiederholentlich verdammt haben. Nicht als ob wir den russischen Bureaukratiegewaltigen einen solchen Grad von Heuchelei und Doppelzüngigkeit nicht zutrauen könnten! Wer kennt nicht die Unzahl heuchlerischer Akte und doppelzüngiger Kundgebungen dieser Machtbeflissenen? Allein die öffentliche Verdammung von Judenexzessen und gleichzeitige Inszenierung solcher sind ein Kunstwerk, das nur bei völliger Einheitlichkeit in der Gesinnung der Machtfaktoren zu bewerkstelligen ist. Diese Einheitlichkeit bestand aber damals noch keineswegs, konnte auch nicht bestehen. Ein solches Institut wie die „Nebenregierung" der neuesten Phase, wenigstens ein so allumfassendes und alles terrorisierendes, war noch nicht geschaffen; trotz aller Geheimzirkel zur Wahrung des Despotismus war eine so weithin sich verzweigende Phalanx von Gewaltmenschen mit Banditenprinzipien noch nicht ausgebildet. Und in Rußland, wo man seit jeher an sinnlose Putsche und Wirren gewöhnt war, konnte die in Pogromdingen ungeübte Bureaukratie zu jener Zeit auch dessen nicht sicher sein, worauf schließlich Pogrome hinauslaufen, ob die Flammen des Aufruhrs, in den Massen erst entfacht, nicht auf ganz andere Ziele hinübergreifen würden. In Petersburg war ein Mann wie Ignatiew gewiß kein Feind von Pogromen; er wußte wohl auch genau und rechtzeitig, welches Ungewitter über die russische Judenheit heraufziehe, hatte vielleicht sogar als waghalsiger panslawistischer Streber die Hände im Spiel, — schon seine konsequente Passivität und Nachsicht gegenüber den Beamten, die Exzesse zugelassen hatten, stempelt ihn jedenfalls zum Mitschuldigen, — aber der Zar selbst stand hinter diesen Männern nicht, und verschiedene Gouverneure bewiesen durch ihre Taten, daß sie die Pogromausbrüche nicht fördern wollen. Wie ganz anders klang doch die Sprache der lokalen Herrscher in der jüngsten Epoche, auch wenn sie quasi den Verdacht der Pogromanstiftung von sich abwälzen wollten! Auf Grund zahlreicher Tatsachen muß man zugestehen, daß zur Zeit der ersten Pogrome jedenfalls ein auffallend großer Teil der russischen Bureaukratie die Winke aus Petersburg, wenn solche bezüglich der Pogrome wirklich erteilt wurden, nicht verstanden hat, oder richtiger nicht hat verstehen wollen. Sonst wäre es ja seitens dieser Gouverneure außerordentlich töricht gewesen, durch schroffe Aufrufe und energisches Eintreten die Exzedententruppen, die für Progrotne doch erforderlich sind, stutzig zu machen. (Schluß folgt) Die Memoiren eines russischen Gouverneurs Von Dr. GEORG HALPERN (Frankfurt). Fürst S. D. Urussow, der seit November 1902 Vizegouverneur vom Tambow war, erhielt Ende Mai ganz unerwartet ein Telegramm aus dem Ministerium des Innern, das ihm seine Ernennung zum Gouverneur von Bessarabien mitteilte. Von Bessarabien wußte er zu diesem Zeitpunkt, nach seinen eigenen Worten, ebensoviel wie von Neuseeland, oder noch weniger; und von der Hauptstadt Kischinew war ihm nur nach Zeitungsberichten bekannt, daß dort in den Tagen vom 7. bis 9. April ein Judenpogrom stattgefunden hatte. „Für die Juden interessiere ich mich nicht, von ihrer Lage und den sie betreffenden Landesgesetzen wußte ich nichts, und die Behauptung, die Regierung sei an der Organisation des Pogroms beteiligt, hielt ich für eine törichte oder böswillige Erfindung." Ein Jahr nur blieb Urussow auf diesem Gouverneurposten, um ihn dann mit dem von Twer und nach zwei weiteren Jahren mit dem Amt des Gehilfen des Ministers des Innern zu vertauschen. Was er in diesem Jahre erlebt, gewirkt und gelernt hat, erzählt er in einem Bruchstück seiner Memoiren, das er schon jetzt veröffentlicht hat,*) um seine Erfahrungen für die so aktuelle Frage der Erteilung der Bürgerrechte an die Juden verwertbar zu machen. Für eine spätere Zeit kündigt Urussow das Erscheinen seiner übrigen Aufzeichnungen an, die sich auf die Jahre 1872 bis 1906 erstrecken und in ihren letzten Kapiteln seine Tätigkeit im Ministerium Witte und in der ersten Duma behandeln werden. Urussows Memoiren werden viele Leser finden. Nicht nur weil er vorzüglich und recht amüsant zu erzählen weiß, sondern weil hier ein Mann spricht, der Gelegenheit hatte, Rußlands Bureaukratie aller Rangstufen so kennen zu lernen, wie es eben nur jemandem möglich ist, der selbst dazu gehört; und ein Mann der gewillt ist, alles, was er gesehen Hat, so objektiv, als er dazu nur irgend im Stande ist, wiederzugeben. Vieles von dem, was er in dem vorliegenden Bande erzählt, ist nicht ganz unbekannt; er selbst und andere haben es in der ersten Duma von der Tribüne herabgesagt; manches hat die russische und namentlich die ausländische Presse vor und nach dem Pogrom von Kischinew mitteilen können. Aber vieles, was bisher nur als Vermutung galt und von der russischen Regierung nach Belieben dementiert werden konnte, darf jetzt als authentisch gelten und wird den Zeitgenossen und dem späteren Historiker helfen, sich im Chaos der ersten Revolutionsjahre Rußlands zurechtzufinden. Die Aufgabe, die Urussow gestellt wurde, war, die, Ruhe, die in Bessarabien durch den Pogrom in Kischinew eine so furchtbare Unterbrechung erfahren hatte, wiederherzustellen; er sollte weitere Ausschreitungen gegen die Juden verhüten, die Ursache des Pogroms zu ergründen suchen und Vorschläge zu einer Abänderung der Gesetzgebung über die Juden unterbreiten. Im übrigen verzichtete Plehwe darauf, ihm irgend welche Direktiven mitzuteilen; nur eines sagte er ihm zum Abschied: „Bitte, etwas weniger Reden und sentimentale Judenfreundschaft." Die Mahnung hat wenig gefruchtet. Urussow hat in Kischinew viel und oft gesprochen und durch sein taktvolles Eingreifen jederlei Ausschreitungen während seiner Tätigkeit als Gouverneur glücklich hintangehalten; und er hat nicht nur, wo es nötig war, zu Juden gesprochen, er hat ihnen auch zugehört und sie vor dem Schlimmsten geschützt. Von ihm gilt, was er vom Staatsanwalt W. N. Goremykin sagt; „Er war eigentlich gar kein Judenfreund, sondern einfach ein verständiger und gebildeter Mann, dem das Gefühl des Hasses und der Unduldsamkeit gegen alle nichtrussischen Nationalitäten abging. Bekanntlich bringen aber gerade diese Eigenschaften bei uns in den Ruf eines Judenfreundes." Dafür nannten ihn denn auch die Organe der echt russischen Leute nie anders als „Judenknecht" und „Schabbesgoj". Sein Vorgänger, General Raaben, faßte, wie so viele Gouverneure, seine Stellung als Sinekure auf; er empfing am Vormittag einige Referenten und Bittsteller und hatte es sich zum unerschütterlichen Prinzip gemacht, am Nachmittag nie zu arbeiten; dieser und der Abend gehörten den Karten, der Gesellschaft und einer „gelben Dame4', die in der Gesellschaft eine halboffizielle Stellung einnahm und beim Polizeimeister, „einem ungewöhnlich dummen und faulen Kosaken-Stabsoffizier" wohnte. Urussow erklärt auf das allerbestimmteste, daß Raaben an der Inszenierung des Pogroms keinerlei Anteil hatte, und erklärte auch den Brief, durch den Plehwe den Gouverneur zur Duldung des Masakers aufgefordert haben soll, für apokryph. Diesem musterhaften Gouverneur, der lebhaft an den Fürsten Schtscherbatow erinnert, von dem Plehwe selbst erzählte, daß er in seiner dreijährigen Tätigkeit als Gouverneur sämtliche Pakete aus dem Ministerium mit der Aufschrift „Geheim, eigenhändig!1' uneröffnet ließ, stand eine würdige Beamtenschar zur Seite. Der Vizegouverneur Ustrugow betrieb die Verfolgung von Juden „geradezu künstlerisch". Für die unteren Beamten war natürlich dieser Vizegouverneur ein wahrer Schatz. Denn er steigerte die Möglichkeit der Schröpfung der jüdischen Bevölkerung ins Maßlose. Urussow erklärt mit trüber Resignation, daß er keine Mittel gefunden habe — auch nach der Entlassung dieses Vizegoverneurs — die Korruption einzudämmen; nach seiner Schätzung bezog die Polizei in Bessarabien jährlich eine Million Rubel an „Sportein". Aber er darf mit Recht diese Summe bescheiden nennen, denn das Ministerium des Innern hat ermittelt, daß die Polizeibeamten in St. Petersburg alie Jahre nicht weniger als sechs Millionen Rubel einnehmen, nur dafür, daß sie den gesetzlichen Wünschen der Bevölkerung nachkommen; was ihnen aber für die Überschreitung der Gesetze zufließt, hat sich nicht eruieren lassen. Und auch Urussow pflichtet der oft geäußerten Anschauung bei, daß einer der wesentlichen Gründe, aus denen sich ein großer Teil der Tschinowniks der Aufhebung der Judengesetze widersetzt, die Angst ist, eine solch reiche Einnahmequelle zu verlieren. Die wenigen anständigen Beamten sind diesem *) Fürst S. 1). Urussow: »Memoiren eines russischen Gouverneurs. Kischinew 1903 bis 1904. »Deutsche Vcrlags-Anstalt, Stuttgart und Leipzig).