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Die Welt · 1907-10-11 · 41 (11.10.1907) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
41 (11.10.1907)
Date
1907-10-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 41 DIE WELT Das Prototyp des Pogroms in den achtziger Jahren (Fortsetzung) III. Hatten die Behörden an den unerhörten Ausschreitungen schuld? Diese Frage taucht auch bei kritisch veranlagten Geistern sofort auf, weil ein jeder unwillkürlich an den Vergleich mit den letzten Pogromen denkt. Nachdem mit solcher Bestimmtheit die unglaublichsten Beschuldigungen gegen die russische Regierung bezw. gegen die Regierungskreise in jüngster Zeit von der Presse und dem ersten russischen Parlament nicht nur erhoben, sondern auch durch eine Reihe unwiderleglicher Tatsachen erwiesen worden sind, mußte der auch früher gehegte und hie und da angedeutete oder gar ausgesprochene Verdacht immer fester werden, daß auch die erste Pogromepoche das Werk der regierenden Faktoren sei. Für die Zeit der Oktoberpogrome und noch mehr für die folgenden Momente steht die Tatsache einer Organisation seitens einer sogenannten Nebenregierung außer Zweifel. Warum sollte es auch nicht damals eine solche gegeben haben? Nun, diese Möglichkeit ist gewiß nicht von der Hand zu weisen, aber es ist nicht eine einzige Tatsache bekannt, welche die Möglichkeit zur Gewißheit machen würde. Daß Plehwe, der mutmaßliche Organisator von Kischinew, damals Chef des Polizeidepartements war, genügt keineswegs, um daraus den Schluß zu ziehen, daß er in weiser Voraussicht der kommenden Dinge schon damals eine Serie von Pogromen arrangiert hätte. Gerade diese neuerdings so oft wiederholte Annahme ist eine jener Kombinationen, die schon deswegen so leicht in nichts zerfallen können, weil mit ebensolcher Bestimmtheit die gleichen Vermutungen mit Bezug auf andere mächtige Persönlichkeiten, z. B. in bezug auf Ignatiew, ausgesprochen werden. Auch war der Emporkömmling Plehwe zu jener Zeit noch nicht ein so angesehener Mann, daß er aus eigener Kraft das Einverständnis der lokalen. Satrapen hätte erlangen können. Denn die Organisation von Pogromen war beim Verhalten Alexanders III., der die Exzesse öffentlich verurteilte, ein gewagterSchritt und für den karrieresüchtigen Plehwe äußerst gefährlich. Wir glauben darum, daß alle Tatsachen gegen dieseAnn ahme sprechen. Die unheilvolle Rolle dieses Mannes dürfte sich damals darauf beschränkt haben, daß er durch ein glänzendes Spion agesvstem und durch brutale Gewalt die revolutionäre Bewegung zu unterdrücken und damit neben vielen andern gleichgesinnten Helden der Entwicklung der Freiheit Rußlands und seiner Völker Fesseln anzulegen half. Seine Betätigung als Judenfeind beginnt erst zu Anfang der neunziger Jahre, da er in der Kommission zur Regelung der Judengesetzgebung gernäß dem Willen Alexanders HI. alle von der Pahlenschen Kommission vorgeschlagenen Reformen ablehnt und zu entgegengesetzten Tendenzen gelangt. Wie er dann bis zur Reaktion der Kischinewzeit gelangt ist, ist ja allbekannt. Auch könnte man an jene Geheimbünde denken, die sich in der Umgebung Alexanders III. bildeten und sich zur Aufgabe stellten, die Selbstherrschaft in Rußland zu wahren; diese im Vorgehen nicht sonderlich wählerischen Kreise waren sicher bereit, auch außergewöhnliche Mittel in Anwendung zu bringen. Indes iber Vermutungen hinaus können wir nicht gehen; soviel steht;edenfalls fest, daß damals nur gezählte Vertreter der Bureaukratie Oewaltmaßregeln gegen die der revolutionären Bewegung fernstehende Masse der Juden gutzuheißen geneigt waren. Noch gab es iiohe Beamte, die von der weniger reaktionären Regierungszeit Alexanders II. verblieben waren, und noch fand der Pogrom selbst in der antisemitischsten Presse kein uneingeschränktes Lob, mochte es auch nur aus reinster Heuchelei geschehen. Die Vorliebe für Pogrome konnte um so weniger zutage treten, da derselbe Monarch, der die überkommenen Rechte des persönlichen Regiments so energisch zu vertreten sich anschickte, weit davon entfernt war, das Raub- und Mordsystem bezüglich der Juden zu empfehlen. Vor einiger Zeit ist ein Brief veröffentlicht worden, der der Feder Tolstois aus dem Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahres entstammen soll und die russische Bureaukratie unumwunden bezichtigt, die damaligen Ausschreitungen angezettelt zu haben. Hier werden die auch von anderer Seite in vager Form erhobenen Beschuldigungen in krassester Weise formuliert und klingen fast wie eine Melodie aus jüngster Zeit, stellenweise wie eine Prophetie.1) „So gings — heißt es darin unter anderem —in Balta, in Kiew, in andern Städten zu, und gerade dieses Sachverständnis, diese Planmäßigkeit, bei der das Johlen, Pfeifen und 'absichtliche Sichbetrinken aus zerschlagenen Fässern und zertrümmerten Bouteillen eine notwendige Begleiterscheinung war, gerade diese kaltblütige und verstockte Verbrecherart der Organisatoren, die ihr Vorhaben ruhig und ohne Hast vollführen, ist der beste Beweis, daß diese Niederträchtigkeit die Herren der Ordnung selber veranstalten: entweder verkleidete Polizisten in eigener Person oder mit ihrem Segen versehene Menschen. Vor kurzem unterhielt ich mich mit dem Gouverneur eines der von Pogromen heimgesuchten Gouvernements. Es wird keinen Pogrom mehr geben, sagte er, und dies mit einer Sicherheit, die ihn gründlichst verriet. Ist nicht diese Sicherheit einzig und allein dadurch zu erklären, daß die ganze Angelegenheit sich in ihren Händen befindet? Wollen sie, und ein Pogrom wird heraufbeschworen, wollen sie nicht, so wird es auch so gehen. So augenscheinlich ist dies, daß sich in der Beamtenwelt für ähnliche Fälle bereits eine Formel herausgebildet hat. Der Gouverneur, der in einer der ihm unterstellten Städte keinen Pogrom wünscht sagt dem Polizeimeister der betreffenden Stadt: Die Ordnung in der Stadt bleibt auf Ihrer Verantwortung. Der Polizeichef versteht ihn, und es wird in dieser Stadt kein Pogrom stattfinden. In derselben Weise spricht der Minister mit dem Gouverneur. Man muß nur die offizielle Sprache verstehen können. Die Grausamkeit dieser heuchlerischen Sprache tritt besonders kraß in der Formel auf, in der ein Pogrom bestellt wird. Da wird nur telegraphiert: Stört nicht den Ausdruck der Nationalgefühle .. ." Diese Analyse der Pogromvorgänge nähert sich namentlich im Schlußpassus ganz und gar den neuzeitlichen Erfahrungen. Und doch glauben wir aus den Tatsachen schließen zu müssen, daß die ersten Judenexzesse bei vielfacher Übereinstimmung mit den Oktoberpogromen doch unter wesentlich abweichenden Bedingungen stattgefunden haben. So steht es nicht einmal fest, ob es auch damals schon eine von den Regierungskreisen, dem Polizeidepartement oder der Gendarmerie geleitete Organisationszentrale gegeben hat, da direkte Spuren einer solchen bis auf den heutigen Tag nicht gefunden worden sind. Daß auch schon damals pogrornorganisatorische Vorbereitungen den Ereignissen vorangegangen waren, unterliegt keinem Zweifel und wird auch aus unseren späteren Erörterungen hervorgehen; doch läßt sich die Initiative des teuflischen Beginnens ebensogut auf andere Quellen zurückführen. Unsere Zweifel bezüglich einer etwaigen *) Der betreffende Brief ist zwar nur inhaltlich nach dem Gedächtnis im Woschod reproduziert worden, kann aber, da er unwidersprochen geblieben ist, nicht als apokryph gelten. Was darin über das Schicksal Rußlands gesagt wird, der Hinweis auf die Strafe, die den demoralisierten russischen Staat von außen treffen werde, ist fast wie eine Weissagung im russisch-japanischen Krieg in Erfüllung gegangen. Allein zu solcher Vorausschau haben sich auch andere Kenner des russischen Regiments und der dadurch hervorgerufenen Fäulnis emporgeschwungen und die erlittenen Niederlagen in ihrer vollen Größe vorausgesagt, wenn sie auch ein solches Resulat weniger vom Osten als vom Westen erwarteten. 2*

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