Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 41 (11.10.1907)
- Date
- 1907-10-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Lehrerbehelfe haben. Wenn heute etwa die Alliance,/ deren unnationale Erziehungsarbeit im Oriente wir seit«" Jahren bemängeln, ihre erziehliche Tätigkeit einstellen, würde, wären wir — aus denselben Gründen — nicht in der Lage, diese durch unsere Erziehungsarbeit zu ersetzen und entbehrlich zu machen. Geehrte Kongreßdelegierte! Auf all diesen Erwägungen, die ich hier nur im allgemeinen und flüchtig vorbringen konnte, beruhen die von mir formulierten Thesen, die Ihnen vorliegen. An Ihnen, an unserer Leitung ist es, diesen Forderungen zu ihrer baldigen Verwirklichung zu verhelfen. Es ist hohe Zeit. Vor Jahren tat Nordaii den Ausspruch: „Das Judentum wird zionistisch sein oder es wird nicht sein." Ich glaube nach all dem Gesagten heute mit nicht geringerer Berechtigung diesen Ausspruch umkehren zu dürfen, indem ich sage: „Der Zionismus wird jüdisch, wird national sein, oder er wird nicht sein." Friedrich v. Baden Von der stillen, rosenbewachsenen Mainau ist Großherzog Friedrich zum letzten Male heimgereist. Ein stiller Zug durch die herbstlichen Berge des Schwarzwalds, den er so liebte und dessen schlichte Bauern in ehrlicher Trauer die Wege umsäumten. Es wird viel um Fürsten geklagt, aber oft. reden die Lippen Dinge, von denen die Herzen schweigen. Hier war es anders. Das ganze Land, arm und reich, trauerte an der Bahre des freundlichen Greises, der nicht nur in Worten seinem Volke ein Vater gewesen war. Wer nicht am Neckar, am Rhein, am Bodensee gelebt hat, kann kaum verstehen, wie eng das Band war, das hier Fürsten und Volk verband. Großherzog Friedrich ist durch eine harte Schule des Schicksals gegangen. Baden war in der Napoleonischen Zeit aus Staaten und Städten, Abteien und reichsunmittelbaren Dörfern zusammengeflickt worden, und kein historisches Gefühl verband die einzelnen Landesteile, das Volk und die Dynastie. Die Stürme der französischen Revolution von 1848 erregten das Volk im tiefsten Innern, die großherzogliche Familie mußte flüchten, Hecker und seine Scharen blieben die Herren, bis preußische Waffen die Aufständischen niederwarfen. Und 18 Jahre später war der Großherzog, umringt von österreichischen Herren und deren Verbündeten, die selbst seine Festung Rastatt besetzt hielten, gezwungen, gegen seinen Willen an Preußen den Krieg zu erklären, obwohl er in der norddeutschen Vormacht die Einigerin des Reiches sah. Und wieder 4 Jahre später wies er alle Versuchungen zurück, um sich unentwegt an die Seite Preußens im Kriege gegen Frankreich zu stellen. Gewiß kein leichter Entschluß für den Sohn einer Napoleonischen Prinzessin, dessen Land dem feindlichen Angriff zuerst ausgesetzt erschien. Das nationale Empfinden war eben in ihm so erstarkt, daß er bereit war, ihm Gut und Blut zum Opfer zu bringen, Träume von Macht und Landerwerb. Wir deutschen Juden gewöhnten uns mit der Zeit daran, mit einer Art von stillem Neid nach Süden zu sehen, wo auch für uns das „Musterländle" lag. Dort war Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit. Und als die Hochflut des Antisemitismus mit der Berliner Bewegung. neu begann, wurde es drunten nicht anders. Der Großherzog nahm keinen Anstand, seiner Verurteilung der Judenhetze energischen Ausdruck zu geben. Jedermann wußte, wie er dachte und sollte es wissen. Und dann kam der Zionismus, und Herzl ging nach Karlsruhe, nach Mainau. Es gab damals Leute, die von seinem Auftreten eine Förderung des Antisemitismus in Deutschland befürchteten. Vielleicht hat eine solche Gefahr kurze Zeit bestanden. Aber der deutscheste der deutschen Fürsten wehrte sie ab. Wenn Großherzog Friedrich den Mann empfing, wenn er ihm den Weg zum deutschen Kaiser ebnete, ihm hülfreich in einer Weise zur Hand ging, wie man es heute noch in der Öffentlichkeit nicht ahnt, dann konnte die von ihm vertretene Sache nicht schlecht sein, konnte der Zionismus mit den staatsbürgerlichen Pflichten nicht kollidieren. Und der Großherzog ging noch weiter. Sein eigenes Regierungsjubiläum nahm er zum Anlaß, um seiner Billigung unseres Ringens und Strebens Ausdruck zu verleihen. Im Schloß zu Karlsruhe empfing er eine Deputation deutscher Zionisten in einstündiger Audienz, und der Inhalt der Unterhaltung wird den Teilnehmern unvergeßlich bleiben. In welchen Worten hat er da unseres Herzl gedacht, sich über weitgehendste Einzelheiten der Bewegung, den Stand der Bank, des Nationalfonds informiert, sein Mitgefühl mit dem Leid der jüdischen Massen ausgedrückt! Das war nicht die Höflichkeit eines hohen Herrn, der dem Besucher ein liebenswürdiges Wort sagt, der ein freundliches Interesse heuchelt, — es war das warme innere Mitfühlen eines guten und großempfindenden Menschen an einer großer. Idee. Wer diesen schlichten und doch so vornehmer Greis vor sich sah, das Leuchten seiner Augen, wenn er von einer besseren Zukunft unserer armen und ge plagten Brüder sprach, der mußte tiefe Achtung vor einer Persönlichkeit empfinden, die so wahrhaft menschlich empfand und in der Einsamkeit ihrer Höhe so feines Verständnis für ein * doch so fremdes Milieu zeigen konnte. Man hat gesagt, Großherzog Friedrich sei vo allem als frommer Protestant für unsere Bewegung eingetreten, weil er in der Wiedergewinnung Palästina: durch die Juden die Vorbedingung einer Erfüllung de messianischen Verheißungen der neu testamentliche Schriften sah. Wer will, die inneren Beweggrund, unseres Handelns ergründen! Sicherlich waren solch- Erwägungen für den sehr frommen Herrn mit maß gebend, aber sie gingen Hand in Hand mit starken* humanitärem Empfinden und waren sicherlich voi irgendwie geartetem Egoismus frei. Um unseret-, nich. um seinetwillen hat er gehandelt. Er war durchdrungen von dem Gefühl einer höheren Mission, sich für da jüdische Volk einzusetzen und behielt dies bis zu seinen] Ende. Friedrich von Baden hat das biblische Alter über schritten. Er ist den Tod der Frommen gestorben, unu sein Volk trauert um ihn. Auch wir trauern tief um diesen guten und sorgenden Fürsten, um einen der wenigen tätigen Freunde der Mühseligsten und Beladensten unter den Völkern. Unsere Dankbarkeit für ihn wird nicht erlöschen. Fr.