Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 41 (11.10.1907)
- Date
- 1907-10-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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tto. 41 IS DIE %\XELT jene Benennung unseres Wesens gleichgültig — vollzieht einen Selbstverleugnungsakt schlimmster Art, wenn, es nicht mit aller Gewalt einer Ausrottungskampagne, wie den Pogromen, entgegentritt. Wo immer uir ein jüdisches Herz pocht, wo immer nur Juden zusammentreten, um über jüdische Angelegenheiten, zu sprechen, fürwahr, ein grimmiger Hohn wäre das gegen Jie Lebenswahrheit, würde man nicht diese Frage von Sein oder Nichtsein in den Mittelpunkt alles Tuns und Fenkens stellen. N. S. Die nationale Erziehung in der Diaspora Referat, gehalten auf dem VIII. Kongreß, von Großrabbiner Dr. Ehrenpreis, Sofia (Schluß) Wir müssen demgemäß vorläufig außerhalb ind neben den bestehenden offiziellen Erziehungsinrichtungen Organe schaffen, um die heute übliche üdische Erziehung im nationalen Sinne zu ergänzen. Tnd es sind auch schon mancherlei, wenn auch geringe Vnsätze dazu vorhanden. Dank dein noch nicht gelügend gewürdigten erziehlichen Einfluß der hebräischen 'ublizistik und dem Einfluß, den die wiederholte :ormulierüng dieser Postulate auf unserem Kongresse ü manchen zionistischen Kreisen, besonders unter einem eile der Jugend ausübte, konnte man in den letzten ahren hier und dort Regungen des guten Willens eben, für die nationale Kultur etwas zu tun. Hierher ■ehört die fortgesetzte Bildung privater hebräischer Sprachkurse — zunächst allerdings noch unsystematisch 11 cl planlos — die zuletzt besonders in Qalizien nennenswerte Resultate zutage förderte. Die hebräischen ehrbücherverlage — man könnte hier beinahe von inem „Zuviel des Outen" sprechen — haben bei allem langel an Einheitlichkeit doch für den jüdisch-nationalen nterricht eine Reihe wertvoller Behelfe geschaffen nd die Bahn für eine weitere Entwicklung geebnet. 1 manchen Ländern (Palästina, Rußland, Qalizien, Bulgarien) sind Ansätze zur Bildung jüdischer Lehrerrganisationen und zur Vereinheitlichung des hebräischen ehrplanes zu verzeichnen. Und hier im Haag, während ir hier tagen, sind die Fundamente für zwei nationale onderorganisationen gelegt worden, die, gleichsam unsere ongreßorganisation ergänzend, sich die Pflege speziell er 'weige der nationalen Kultur zur Aufgabe stellen, ich leine die Organisationen „Sinai", für die Pflege der ebräischen Literatur — welche Gründung zunächst er Opferfreudigkeit eines einzelnen ihr Entstehen erdankt — und „Ibriah" für die Wiederbelebung er hebräischen Sprache. Wir begrüßen das Entstehen eser Organisationen mit aufrichtiger Freude und ■mischen ihnen Erfolg und Gedeihen. In diesem Zunnmenhange muß ich auch den gestern hier eilige- 1 achten Antrag Sokolow erwähnen, der nicht, wie! umehe meinen, eine bloße Demonstration ist, sondern elmehr ein ernster Schritt zur Nationalisierung unseres i mgresses. Dieser Antrag erscheint mir so einleuchtend ' id, ich möchte sagen so selbstverständlich, daß er ^entlieh keiner weiteren Begründung bedarf. Hat i an je gehört, daß die Nationalversammlung irgend -nes Volkes in einer fremden Sprache berät und i'^cht in der eigenen Volkssprache? Haben je Männer die Geschicke eines Volkes leiten wollen, ohne die Sprache und die Geistesschätze dieses Volkes zu kennen? Und wenn wir so viel davon reden, daß wir die Kultusgemeinden und die großen jüdischen Organisationen nationalisiren wollen, müßten wir nicht vorerst bei uns selbst anfangen, in dem wir den Kongreß und unsere eigene Organitation nationalisieren, d. h. hebräisiren? Es gilt nun, hoher Kongreß, alle diese Ansätze, die ich hier nur flüchtig skizieren konnte, zu zentralisieren, zu vereinheitlichen und planmäßig weiter auszubauen. Dazu muß ein eigenes ausführendes Organ — ich nenne es Erziehungsamt — aber auf den Namen kommt es nicht an — geschaffen werden, das mit den nötigen materiellen Mitteln auszustatten wäre. Dieses ausführende Organ wird seine Aufmerksamkeit zunächst einer fundamentalen Frage zuwenden müssen, die ich hier nachdrücklichst betonen muß: der Lehrerfrage. Ich meine, dies ist im gegebenen Augenblick die Frage der Fragen. Die Frage der nationalen Erziehung ist heute vor allem eine Lehrerfrage. Wir haben in der ganzen Diaspora keine fachlich geschulten hebräischen Lehrer, welche pädagogische mit judaistischer Schulung vereinigen würden: die Ausnahmen, die unleugbar vorhanden sind, bestätigen nur diese Tatsache. Und wir können auch keine haben, denn es besteht heute in der ganzen Diaspora kein einziges Lehrerseminar, das nach seinem Programm und seinem Gesamtgeiste geeignet wäre, die Lehrer für die Aufgaben der nationalen Erziehung vorzubereiten. Die zahlreichen Seminare und Präparandien für jüdische Lehrer sind mehr oder weniger für die Zwecke des oben skizzierten Religionsunterrichtes zugeschnitten und können darum für uns nicht in Betracht kommen. Dort wird nicht lebendiges Judentum gelehrt, ebensowenig wie man dort lebendiges Hebräisch lehrt — unser heutiges Hebräisch und unser Geistesleben von heute sind überhaupt vom Lehrplan all dieser Rabbiner- und Lehrerseminare ausgeschlossen. Die einzige Lehrerbildungsanstalt, die sich bemüht, den Anforderungen der nationalen Erziehung gerecht zu werden, ist meines Wissens die vom Hilfsverein begründete Lehrerpräparandie in Jerusalem. Allein auch diese Anstalt ist bei ihrer heutigen lokalen Begrenzung — sie ist zunächst lediglich für Palästina eingerichtet — nicht geeignet, der zentral gedachten Aufgabe der Lehrererziehung für die Diaspora, also dem Lehrerexport, in befriedigender Weise gerecht zu werden. Eine solche zentrale Lehrerbildungsanstalt in Palästina ins Leben zu rufen, sei es im Anschluß an die bereits bestehende Präparandie des Hilfsvereins oder unabhängig von derselben, wäre die erste Aufgabe des zu schaffenden Erziehungsressorts. Damit im Zusammenhange stünde die Schaffung einer wissenschaftlichen Lehrbücherkomniission, die dem gegenwärtigen chaotischen Zustande auf diesem Gebiete ein Ende machen würde und die regelmäßige Veranstaltung zentraler Ferialkurse für Lehrer, - wie ich dies in meinen Ihnen vorliegenden Thesen genau formuliert habe. Solange wir in dieser Richtung nicht etwas Bleibendes geschaffen, werden alle unsere Bemühungen fruchtlos bleiben. Wenn wir Zionisten heute durch ein Wunder das Verfügungsrecht über sämtliche jüdische Schulen des Erdballes erlangen würden, könnten wir von demselben keinerlei Gebrauch machen, weil wir kein geeignetes Lehrerpersona! und keine zuverlässigen 2