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Die Welt · 1907-10-11 · 41 (11.10.1907) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
41 (11.10.1907)
Date
1907-10-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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die^ti ELT No. 41 auf Marx-Rabbenu schwört, hat, trotzdem es nicht in das Marxsche System paßt, unter Verhältnissen zu leiden, die ganz spezifisch goluthischer Natur sind. Und dann kommt die Existenz der Luftmenschen, — das Luftschiff, dessen Lenkung auch bei ruhigem Wetter ein schwereres Problem als das von Zeppelin, bei unruhigem hingegen ein ganz unlösbares Problem darstellt. Es wäre des Leidens und der Qualen auch ohne Pogrome genug. Nun kommt aber der schrecklichste der Schrecken: der Pogrom — in seiner statuarisch gewordenen Gestalt, Odessa-Typus. Ein Polizist wurde in Odessa während eines wütenden Kampfes ermordet. Das Opfer wurde auf der Stelle durch die Hinmetzelung einiger Revolutionäre gerächt. So geschieht es in Odessa, so geschieht es auch in Tassetow und in Penza, in Ufa und Saratow. Nur wird in Odessa noch ein Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung in Szene gesetzt und fünfzig Juden werden ermordet und verwundet. Wenn man die hohe Qunst, deren sich die Echtrussen, die Veranstalter der Pogrome, jetzt erfreuen, in Betracht zieht, so ist man fast versucht, diesen Pogrom einen offiziellen zu nennen. Und nicht um dieses Vorkommnis, sondern um die Methode handelt es sich. Wenn man für jeden ermordeten Polizisten fünfzig — und diese Zahl kann auch steigen — Juden ermorden wird, so sind die russischen Juden zum Tode verurteilt, ohne daß sie auch einen Finger rühren. Denn es kommt gar nicht darauf an, ob der in Betracht kommende Bombenwerfer zufällig ein Jude, oder ein Russe reinsten Wassers war. War es ein Jude, so ist die echtrussische Gesellschaft überglücklich — sie hat denn reichliches Futter für die „Russkoje Znamia" — wo aller denunziatorische Schmutz, wie der Unflat in der cloaca maxima zusammenfließt; war es ein Russe so stempelt man ihn zu einem Juden und die wohlorganisierte Lügen- und Verleumdungskampagne geht ihren Weg. Die Hetztouren der geifernden, schwarzen Demagogen werden durch das unvermessiiche Reich veranstaltet, es lärmt und tobt im reaktionären Blätterwalde, die Schwindelphrase von der „jüdischen" Revolution wuchert und die jüdische Bevölkerung schwebt überall in Gefahr. Ein Pogrom hat stattgefunden, der offizielle Dementierapparat macht seine plumpen Ableugnungsversuche, man beruhigt und beteuert, daß keine Pogrome mehr ausbrechen werden — bis zum nächsten. Die. automatischen Beschwichtigungen haben schier den Beigeschmack einer ironischen Pikanterie. Wo ist die jüdische Gesamtheit mit ihren Entrüstungs- und Protestkundgebungen? Es ist eine Schmach zu sagen, aber eine Sünde zu verhüllen und zu bemänteln, daß die Aufwallungen des jüdischen Bewußtseins nur Sensationslaunen waren. Die Pogrome hatten den prickelnden Reiz des Neuen — jetzt gehören sie zu den abgegriffenen Scheidemünzen der Tagesneuigkeiten! Sie haben aufgehört Weckmittel des jüdischen Gewissens zu sein. Riesige Hekatomben, Neros lebende Feuersäulen vermöchten vielleicht nochmals eine kleine Aufregung zu erzeugen. Aber fünfzig Juden — du lieber Gott, was bedeuten fünzig Juden? Man begreift nicht einmal, daß es sich nicht um das Ereignis handelt, sondern um das Prinzip. Das Prinzip bedeutet die Judenausrottung für die Revolution, also für etwas, das die fünfzig gefolterten und erschlagenen Juden ebensowenig zu verhindern im Stande sind, wie einen Vulkanausbruch, wie ein Erdbeben, wie eine Hungersnot, oder irgend eine andere Kalamität. ManfaseltvonderZivilisation,vonderHumanität, von dem Geiste der Neuzeit; für das jüdische Volk liegen die Dinge ganz so, wie im tiefsten Mittelalter. Damals hieß es: die Kreuzzüge, die schwarze Pest; heutzutage heißt es: Revolution, Umsturz, jüdische Urheberschaft. Nur kleinlicher Formalismus und engherzige Pedanterie, die an der Nomenklatur der Erscheinungen kleben, können hier einen Unterschied wahrnehmen. Der Unterschied ist ganz oberflächlicher, äußerlicher, nichtssagender Natur, Etikettenabwechslung- Phrasengeflunker. In der grundsätzlichen Auffassung, in den Tiefen der Motive und der treibenden Kräfte ist alles beim alten geblieben. Auch der stumpfe Knechtsinn und das Geschehenlassen sind in unserer Mitte, sind dieselben geblieben. Um Himmelswillen raffen wir uns doch wenigstens zur Erkenntnis der Lage auf! Verfallen wir nicht dem holden Wahne, daß es mit einigen momentanen Aufwallungen abgetan ist! Indifferenz auf diesem Gebiete ist ein Symptom schwerer Erkrankung, die für unseren Volksorganismus, für unseren Gemütswert und für unseren idealen Gehalt schädlicher sind, als die härtesten Schläge von außen. Wir als Zionisten haben uns an ein Problem herangewagt, das ein vollständig neues, nie vorher versuchtes ist, und nicht darüber sollte man sich wundern, daß seine Lösung so langsam vorrückt, sondern darüber dal/ es überhaupt vorrückt — streben wir doch, eine vollständige Lösung der Judenfrage anzubahnen. Man sagt uns: ihr seid Romantiker, Enthusiasten, wir — die Wirklichkeitsmenschen, die alles, was sie unternehmen, streng in die waltende Ordnung einfügen. Gut — wir können uns auf den Standpunkt der höchsten Wertschätzung einer großen Hilfsarbeit, auch einer großen Palliative stellen. Wo ist diese Palliative? Was geschieht? Eine Schablone wird gepredigt: die Judenfrage muß an On und Stelle gelöst werden. Löst doch die Judenfrag^ „an Ort und Stelle", z.B. in Rußland, oder in Rumänien: Seid doch die Geburtshelfer einer Emanzipation! Ode1 wenigstens mahnt unermüdlich, drängt und fordert: Und zum allerwenigsten: unternehmt doch irgend etwa gegen die Vernichtung unseres Volkes, rüstet eine moralische Selbstwehr, protestiert uuaufhörlich! Gefallet euc) doch nicht so gerne in der Rolle praktischer Gegen wartsmenschen, während ihr wie weltfremde Sclrwärme abgedroschene Phrasen leiert! Es ist eine Regel de einfachsten Logik, daß die Mittel zur Bekämpfung eine Übels ebenso groß und ebenso langanhaltend, wie da Obel, gegen das sie gerichtet sind, sein müssen. Warder Pogrom etwas Vereinzeltes, Zufälliges, so könnt die Bekämpfung desselben auch vereinzelt und zufällu sein. Aber der Pogrom ist eine beständige Erscheinung geworden, man möchte fast sagen: eine Institution So muß auch der jüdische Verteidigungskampf eine unerschöpfliche Energie und eine unbeugsame Kral' haben. Das jüdische Kapital und die jüdische Intelligen müssen in den Dienst dieses Verteidigungskampfes treten oder — sie stellen sich außerhalb des jüdischen umdes allgemein-menschlichen Rahmens. Es ist kein ideelle: Kampf, und wir brauchen hier nicht unsern zionistische! Standpunkt zur Geltung zu bringen; es ist auch kein politischer Kampf und wir brauchendabei nicht ein politische Anschauung zu vertreten. Es ist das elementarste Gebot des Selbsterhaltungstriebes. Ein Volk eine Menschengruppe — für diese Frage ist diese oder

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