Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 41 (11.10.1907)
- Date
- 1907-10-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE ELT KÖLN AM RHEW,pBIEfiRlttG 23 W ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG xi. jAwm. KÖLN, 11. Oktober 1907 ]Tmb "} No. 41. DIE NEUEN POGROME In Odessa wurde ein Polizist während eines gefährlichen Eindringens in ein T-evaMi'cmures'Nest getötet. Der grauenvolle Schauplatz wurde von Menschenbtat gerötet, und die Opfer auf sehen der Revolutionäre überstiegen bei weitem die der Polizei. Es ist in Rußland eine Alltagsgeschichte geworden, — das Schneckenhafte Schleichen eines inneren Umwandltmgsprozesses in einem monstrüös großen und monstruös verschiedenartigen Riesenreiche. Die Blutszenen, 'die 'Gewalttätigkeiten, die Racheakte ergeben sich mit zwingender Notwendigkeit aus der brutalen Verbohitheit, aas der grimmigen Verbissenheit, Verrohung und Entwertung afer Lobenswerte. Eine wirklich humane Regierung könnte diesem feefainmernswerten Zustande ein Ende madien. Mdht 'durch"Notausg'leiche, durch Kompromisse usw., Harmonisierung des Äutokratentums mit einem Scheinfconstitufionalfemus, sondern storch ein Aufgeben des unhaltbar gewordenen autükratischen "Prinzips. Das ist nicht geschehen. Kriegszustand und außerordentliche Schutzmaßregeln, die einer verrohten Bureaukratie für die unbeschrankte Betätigung ihrer Willkür Tür und Tor'öffnen, sollen das System, das innerlich in die Brache gegangen ist, retten. Der Versuch wird gemacht, eine neue Duma herbeizuschaffen, eine krrieende, molluskenweiche, — die im Staube "kriechen und ihre Ketten iiinter sich schleppen soll. Vielleicht gelingt es, — in uns regen sidh Zweifel. Anderseits;greiit eine ganz extreme Richtung schäumend über die Grenzen des Möglichen. Ein keckes Drauflasgehen, eine Kraftstrotzigkeit, wenig bekümmert um gegebene Regeln and gezogene Schrariken, kämpft "mit einer Todesverachtung, mit einem abenteuerlich raffinierten Talent, das sich nur unter .einem solchen Druck so vertiefen md verfeinern konnte, um die Verwirkfichung der ferndegenden Ideale, an die die Sehnsucht der zivilisierten Völker sich kaum in Zukunftsträtimen heranwagt. Vielleicht gelingt es, — wir können uns der Skepsis nicht erwehren. ' Möchte doch irgend ein Philosoph »der ein Staatsmann den Schleier der Ztikimft zu lüften suchen'! Die Schatten verdidhten sich zu einem Nebel, der den nächsten Tag, fast die nächste Stunde, nichft voraussehen läßt. Die Lage ist düster, unverständlich und voll böser Vorzeichen. Von allen Hypothesen hat diejenige Maxim Gorkls, der dem Schreiber dieser Zeilen gegenüber sich dahin äußerte, der Kampf werde zehn Jahre dauern, die größte Wahrscheinlichkeit. Die burschikose Großsprecherei, die über die Schwierigkeiten leichtfüßig hinwegtanzen zu können glaufete, findet jetzt nur wenige Ohren. Und da muß man auch mit den aufregenden, tieftraurigen Begleiterscheinungen der heillosen Gärung: Attentate, Gewaltakte u. dergl., fürlieb nehmen. Die regierenden Kreise 'behaupten, brutal sern zu müssen, weil Brutalität auf der anderen Seite waltet; nun ist aber letztere oftmals ein Produkt der ersteren. So bildet sich ein circulus vitiosus, -ein gordischer Knoten, ein Geflecht von Phantasien, ]bei 'denen die Ursache zur Wirkung und die Wirkung zu einer neuen Ursache wird. Im Wirbel und Strudel dieser fürchterlichen Reibungen und Schwierigkeiten steht die Hälfte des Jüdischen Volkes. Sie 'hat auch passiv die Kämpfe mit ihren Knochen nnd ihrem Beutel zu bezahlen. Sie leidet am schwersten, als locus mlnoris resistentiae, als ein' zum größten Teil armes, auf den Tagesverdienst angewiesenes, handel- und handwerktreibendes Bevölkerungselement, 'das in 'den Städten zusammengehäuft, mobil, »mehr als alle anderen zum Vorschein kommt. Sie wird eo ipso brutaler behandelt, -der Knuterihleb fällt schwerer, die Bestrafung ist strenger, •die Verfolgung rücksichtsloser, die Gesinnungsschnüffelei mißtrauischer. Es ist wie die Krankheit bei einem alten Manne —, sie ist doppelt, weil das hohe Alter an sich auch eine Krankheit bedeutet. Jude sein, d. h. der Verfolgung in latenter Form ausgesetzt sein. Kommt noch eine besondere Ursache hinzu, — irgendeine allgemeine Krise, eine allgemeine Verfolgung, so trifft sie infolge der obwaltenden Verhältnisse die Juden am schwersten. Ist es ein Kriegszustand, so ist es Kriegszustand plus Goluth; sogar die Krallen der Terrors von unten, der sogenannten Expropriationen, greifen in die 'weiche jüdische Masse tiefer. Der jüdische Krämer in der Gasse, der jüdische Handwerker werden in dem Ringen der Despotie und des ausgearteten Terrors zerfetzt und zerrieben. Der jüdische Arbeiter, auch derjenige, der 1* f «>