Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 38 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 38 DIEMKE LT 13 Der Regierungsbericht über die Ereignisse in Odessa Man schreibt uns aus Petersburg: Amtlich wird über die Ereignisse in Odessa mitgeteilt: „Am 18. August explodierte eine Bombe, wobei Leutnant. Kasarow getötet wurde und einige Schutzleute mit Verwundungen davonkamen. Am selben Tage wurden auf verräterische Weise zwei Schutzleute und ein Gehilfe des Polizeikommissars getötet. Diese. Umstände und die Nachricht von der Ermordung des von allen verehrten ehemaligen Generalgouverneurs von Odessa, Generats Karangosow im Kaukasus, riefen eine große Erregung unter der russischen Bevölkerung von Odessa hervor, die sich in einer großen Anzahl von Gewalttaten äußerte, die hauptsächlich gegen die jüdische Bevölkerung gerichtet waren. Arn selben Tage wurde abends ein Jude getötet und drei verletzt. Am 19. August fanden in verschiedenen Stadtteilen Zusammenstöße statt, wobei neun Juden verwundetwurden, von denen einerstarb. Außerdem trugen 17 Personen leichtere Verletzungen davon. Am 20. August wurden zwei Personen durch Feuer schwer, neun wurden leicht verletzt. Am 21. wurden zwei verletzt. Am 22, wurde bei einem Überfall von bewaffneten Anarchisten auf die Polizei und eine Gruppe von Mitgliedern des „Verbandes des russischen Volkes" eine Person verletzt, eine andere erlitt eine Brandwunde. In diesem Falle wurde der Jude Feigermann und der Russe Baranow angehalten und dem Kriegsgericht übergeben. Am 23. wurden drei Personen leicht verletzt. Am 24. wurde der Schüler Zessarski verhaftet, weil er auf den „Verbändler" Satschessotschni geschossen hatte. Zur Einstellung der beschriebenen Unruhen wurden von den örtlichen Behörden energische Maßregeln (?) getroffen." Der Bericht zählt dann diese famosen Maßregeln auf und erwähnt zuletzt großtuerisch das Verbot von zwei patriotischen Zeitungen, die Artikel aufrührerischen Charakters abgedruckt hatten. „Während der angegebenen Tage", fährt der Bericht fort, „sind 22 Mitglieder des Verbandes des russischen Volkes verhaftet worden. Es sind aber Anhaltspunkte dafür da, daß einige Verhaftete, die sich als „Verbändler" ausgegeben haben, überhaupt nicht zum „Verbände des russischen Volkes" gehören.'* Dieser offizielle Regierungsbericht ist, trotz seiner Oberflächlichkeit und Zweideutigkeit, ein schweres Anklagedokument gegen die Behörden von Odessa. Es wird darin von der natürlichen Erregung der Bevölkerung gesprochen, die durch die Nachrichten von der Ermordung Karangosows entstanden sein soll. Nun erfolgte aber der „Zornausbruch" der Odessaer Bevölkerung alias ies „Verbandes des russischen Volkes", — denn tatsächlich wurden nach dem Regierungsberichte selbst nur „Verbändler" verhaftet — erst eine geraume Zeit, nach der Ermordung des traurigberühmten Generals Karangosow! — Es ist also befremdend, daß *in solch scharfsinniger Psychologe, wie der General Kaulbars, der las Barometer der öffentlichen Stimmung so scharf zu lesen verstand, vorher keine Maßregeln zur Verhütung des „Zornausbruches" des „Verbandes" des russischen Volkes" traf. — Hier gesteht also ler Regierungsbericht, der von Kaulbars wohl selbst verfaßt ist, indirekt zu, daß die örtlichen öffentlichen Behörden es nicht für nötig hielten, dem „Zornausbruch" der „Bevölkerung" vorzubeugen. - Auffallend ist an dem Bericht, daß die Zentralregierung, auf die allein die Verantwortung für diese Veröffentlichung fällt, trotz der handgreiflichen Beweise den „Verband des russischen Volkes" reinzuwaschen bestrebt ist. „Es sind aber Anhaltspunkte dafür da, daß einige Verhaftete, die sich als „Verbändler" ausgegeben haben, überhaupt nicht zum „Verbände des russischen Volkes gehören". Es bleibt also die Frage offen, weichen Grund hatten denn die Verhafteten, sich als „Verbändler" auszugeben, wenn sie nicht von dem Vater des „Verbandes des russischen Volkes", General Kaulbars, mildernde Umstände erwartet hätten? General Kaulbars hat sich durch seinen eigenen Bericht schwer belastet. Er hat nichts getan' um die Unruhen zu verhindern. Der Wert solcher Regierungsberichte ist gleich Null. Sie widersprechen sich meist selbst und haben nur den einen Zweck, die schuldigen Behörden reinzuwaschen. Diesen aber geben sie klar zu erkennen, daß sie ungestraft in ihrem Treiben fortfahren können. Amnestie für die Pogrommörder Wie die „Retsch" meldet, sind sämtliche wegen der Pogrome im Oktober 1905 verurteilten Personen auf eine Eingabe des „Verbandes der EehtrusseiV hin durch Erlaß des Zaren von der über sie verhängten Strafe befreit worden. Judenhetze in Masagan Bei der Panik die Freitag voriger Woche in der Hafenstadt Masagan in Marokko infolge der Schießübungen des französischen Panzers Conde entstand, haben die Juden natürlich wieder einmal die Zeche bezahlen müssen. Der „Matin" berichtet, daß während des Tumultes eine mit Gewehren und Totschlägern bewaffnete Bande unter lauten Todesdrohungen in die Stadt eindrang. Zwar gelang es die Stadttore bald zu schließen und die Plünderer zu vertreiben, sämtliche jüdischen Warenmagazine waren aber schon geplündert worden. Das Ritualmordmärchen auf dem deutschen Naturforscherkongreß Auf dem zurzeit in Dresden tagenden „Kongreß der deutschen Naturforscher und Ärzte" erstattete Prof. Dr. Henyeres ein ausführliches Referat über das Thema: „Anschuldigung gegen Ritualmordk\ Wir werden auf den hochinteressanten Vortrag, in dem die verschiedenen pseudowissenschaftlichen Beweise für die angebliche Existenz des jüdischen Ritualmordes ad absurdum geführt werden, in nächster Nummer eingehend zurückkommen. ' Tätigkeitsbericht des „Hilfsvereins" Am 4. September fand unter dem Vorsitz des Herrn James Simon eine Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses des Hilfsvereins der Deutschen Juden statt. Mit lebhaftem Beifall nahm der Ausschuß die Mitteilung des Geschäftsführers im Ehrenamt, des Herrn Dr. Paul Nathan, entgegen, daß die Mitgliederzahl des Hilfsvereins von 13 000 am Ende des Jahres 1906 zur Zeit, also bis September 1907, auf 17000 gestiegen ist. Die Ausbreitung des Hilfsvereins und die sich immer steigernden vielfältigen Aufgaben, die an ihn herantreten, lassen die Mitarbeit möglichst zahlreicher hervorragender und opferwilliger Persönlichkeiten aus allen Teilen Deutschlands als unumgänglich -notwendig erscheinen. Demzufolge wurden für das Zentralkomitee 40 neue Mitglieder und für den geschäftsführenden Ausschuß drei Mitglieder in Vorschlag gebracht; diese einstimmig angenommenen Vorschläge werden dem Zentralkomitee unmittelbar zur Bestätigung vorgelegt werden. Herr Dr. Nathan gab einen Bericht über den Stand des Hilfswerks für die Opfer der Judenverfolgungen in Rumänien und Marokko. Weitere Mittel für diese Zwecke wurden für event. Erfordernisse bereitgestellt. Die Hilfsaktion für die russischen Juden erfordert nach wie vor dauernd erhebliche Aufwendungen. In dieser Sitzung wurde die Subvention für die Auswandererherberge in Königsberg i. Pr., die unter Verwaltung des dortigen Schutzkomitees des Hilfsvereins steht, erhöht; die Subventionen für das Hilfskomitee für jüdische Auswanderer in Basel und für den jüdischen Volksverein in Berlin, die sich beide die Fürsorge für Auswanderer angelegen sein lassen, wurden erneuert; dem jüdischen Volksverein wurde außerdem ein einmaliger Beitrag von Mk. 200 gewährt. Die jüdische Studentenkasse Esrath Achim in Zürich, die besonders infolge der noch immer tieftraurigen wirtschaftlichen Lage