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Die Welt · 1907-09-20 · 38 (20.9.1907) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
38 (20.9.1907)
Date
1907-09-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 38 NEBELT von einem, der kleine Wuchergeschäfte machte — „besichtigt den Essrog mit. prüfendem Auge, wie eine; Unterschrift auf einem Wechsel." Auch den alten Dajon Reb Awrum Moische schonte sein Witz nicht: „Er untersucht den Essrog wie einen Pupek *), in dem man eine Nadel gefunden hat" — sagte der Kahal-Satiriker. Nur einer war da, an den sich keine Satire herangewagt hat. Dies war Reb Leibele Lande — das eigentliche Garwolin. Er war einer derjenigen, die als Mittelpunkt derStadt, als Daseinsberechtigung desganzen Ortes gelten. Was ist die Stadt Ciechanow und wozu wurde sie eigentlich geschaffen? Die Antwort lautet: Reb Awrumele Ciechanower! So war Garwolin — Reb Leibele. Er war der Frömmste, der Tiefsinnigste, der Gelehrteste — und nicht Rabbiner. Irgend ein amtlicher Charakter könnte ihn nur herabwürdigen. Er war auch nicht Parneß — er war Reb Leibele Lande. Es genügte, den Namen zu nennen, und schon legte sich ein warmer Glanz auf das Gesicht des Hörers. Daß kein anderer als Reb Leibele den schönsten Essrog in Garwolin haben muß, das war selbstverständlich. Bei den Hakafoth 2) in Schul pflegte zwar Reb Leibele nach dem Rabbiner einherzuschreiten, aber das war nur leere Form. Im Geiste ging er überall voran. Er vertrug kein äußeres Gepränge, er wollte nirgends glänzen, war voll Innerlichkeit, aber bei der „Mitzwah *) von Essrog" half keine Bescheidenheit: den richtigen „Hodor", das schönste Prachtexemplar eines Essrog mußte er tragen. Er mußte ihn auch selbst wählen. Wie er wählte, mit welch großem, feierlichem Ernst er die Essrogim anfaßte, wie respektvoll die Sachverständigen und der Ghetto-Satyr Jukele dastanden, — dieses Bild prägte sich mir mit einer solchen Wucht ein, daß ich es aus meinem Gedächtnis nicht zu bannen weiß. Würde ich es unternehmen, Reb Leibele zu schildern, so müßte ich ihn sehr zart, sozusagen mit den Fingerspitzen, anfassen, wie er einen Essrog anzufassen pflegte. Denn ein solcher Typus will mehr nachempfunden und genossen, als verstandesgemäß aufgefaßt sein. Es läßt sich nicht beschreiben, es ist nichts Greifbares, es sind lauter Ahnungen. Gegen zwei Uhr nachmittags, Reb Leibele erscheint — und man weiß, daß er heute noch nichts im Munde hatte, er ist erst mit den Gebeten „fertig geworden". Er steht sehr früh auf und „lernt", Tag für Tag, Jahr für Jahr, — was ist ihm das Essen, was die Welt ringsumher? Und jetzt ist sein Gemüt voll der Heiterkeit und Lust, — man merkt, wie er sich an der neuen Mitzwah förmlich aufrichtet, wie er sich an sie anklammert. Er saugt den Duft mit einer unbewußten Naturandacht ein, sein Auge glänzt, seine Blicke gleiten über die Anmut der Form, über das Goldgelbe, — die Grazien der Natur blühen in dieser Asketenseele auf wie Lotosblumen in einem morgenländischen Garten. So war es Jahr für Jahr, denn in Garwolin ändert sich sehr wenig. Von den bunten und zahlreichen Bräuchen, die seit Jahrhunderten wie ein Blumenkranz sich idie Feier des Sakkothfestes winden, verändert sich und verblaßt manches in den großen Städten; aber um in Garwolin irgendetwas neues anzuregen, dazu genügten nicht alle Mächte der Welt. Das konnte nur der Zionismus fertig bringen. 1) Geflügelmagen. 2) Prozession mit der Thorarolle. 3) Gebot. Ja, der Zionismus in der Gestalt eines Erez-Jsroel- Essrog. Hebräische Zeitungen haben es versucht — aber ohne Erfolg. Während der Dreifußiade war ein Abonnent und die ganze Stadt Leser; auch Reb Leibele ließ sich manches zwischen Mincha und Maariw erzählen. Der eine Abonnent ist geblieben: es ist dies der hebraisierende, von der Kultur beleckte junge Mendel Schapiro, der Schwiegersohn des Stadt öwifs Kaplan. Mendel Schapiro stammte aus Warschau, hatte dort mit einigen Maskilim verkehrt und versuchte den Weg für neue Ideen in Garwolin anzubahnen. Er war ein eifriger Chowew-Zion, schwärmte für Smolenskin, für Karmelwein, hatte sogar ein hebräisches Gedicht über Zion an eine Redaktion gesandt und eine Briefkastenantwort erhalten, versuchte es, eineKaara4) am Erew- Jom-Kippur für die Kolonisation Palästinas in die Reihe der Kaaroth einzubringen, — es gelang ihm aber nicht. Garwolin war zu apathisch und Mendel Schapiro war kein richtiger Gewaltsmensch. Er war ein schöngeistiger, dilettantenfester Maskil, ein „seidener junger Mann". Niemand ahnte, daß in Mendel Schapiros Herzen Energien schlummern, die bei einer entsprechenden Gelegenheit zum Ausdruck kommen können. Dies geschah anläßlich der Aufrollung der Essrogimfrage in der hebräischen Presse. In Korfu waren Gewalttätigkeiten an Juden verübt worden, und Korfu war der klassische Boden der Essrogim. Die Korfioten sollen boykottiert werden; es ist eine Schmach, daß wir mit unserem Oelde die „Jewonim" bereichern; kaufen wir doch lieber Palästina- Essrogim! Die Pai*ole wurde von den hebräischen Redaktionen ausgegeben. In Garwolin war Mendel der einzige Mensch, der überhaupt von einer Judenverfolgung in Korfu und von der Notwendigkeit einer Revanche etwas wußte. Die Essrogim-Sachverständigen haben vielleicht schon einmal gehört, daß es in Palästina Essrogim gäbe, der Witzbold Jossele mochte ein Feuerwerk kaustischer Scherze über Korfu und Parga abgebrannt haben, --'er bezweifelte überhaupt die Existenz dieser beiden Orte — und Reb Leibele Lande hatte sich zu diesen profanen Fragen nicht geäußert. Als Mendel vor 12 bis 13 Jahren — es war nach den Exzessen in Korfu — die Frage vor dem Eintritt des Sukkothfestes anregte, fand er taube Ohren. Er wußte, daß man hie und da ganz echte Essrogim aus Palästina bezogen hat, er korrespondierte mit den hebräischen Redaktionen, schrieb nach Jaffa, setzte sich mitRebNaftaliMaskilejsson- Minsk in Verbindung, es ist aber nichts dabei herausgekommen. Erst fürs nächste Jahr erwartete er spannungsvoll die drei Essrogim, — für sich, für seinen Schwiegervater und für Kahal (Kehille). Es war ein Freudentag für Mendel, als er das Kistchen mit den Essrogim nach all den Formalitäten der Revision, des Zollamtes und der Post, erhalten hat. Er war wie berauscht vor Entzücken — Essrogim direkt aus Palästina! Grüße von der Heimat! Und welche Pracht und welcher Duft! Der Wirklichkeit entrückt, in süße Träume versunken, glaubte er ein Stück jüdischer Vergangenheit und Zukunft vor sich zu sehen. Er lief nach der Kahalstube und zeigte den Sachverständigen die Erez-Isroel-Essrogäm. Die Sachverständigen schüttelten ihre Köpfe. Die Essrogim, meinten sie, wären ganz anders, als die traditionellen „Korfuer", die seit jeher in hohen Ehren stehen, sie hätten keine „Pitma", sie seien zu grün usw. Für den Erdgeruch der Heimat hatten die Sachverständigen 4) Spendenteller.

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