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Die Welt · 1907-09-20 · 38 (20.9.1907) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
38 (20.9.1907)
Date
1907-09-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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DIE3$K ELT No. 38 Literarische Gesellschaft „Sinai" Am 19. August hat im Haag die konstituierende Versammlung der Literarischen Gesellschaft „Sinai" zur Förderung des hebräischen Schrifttums stattgefunden, die sehr zahlreich besucht war. Das Zentralkomitee des „Sinai" konnte mit Genugtuung darauf hinweisen, daß dieses gemeinnützige Institut viele Freunde und Gönner gefunden hat. Neben einer namhaften Spende in Höhe von Mk. 10000.—, die Herr S. Hurwitz, Mitglied des Zentralkomitees in Berlin, dem eisernen Fonds zugewiesen hat, sind noch andere ansehnliche Beiträge eingelaufen, durch welche die Gesellschaft in den Stand gesetzt worden ist, schon jetzt ein bedeutendes Werk ins Leben zu rufen. Mit dem 1. Oktober beginnt das Erscheinen der hebräischen Quartalschrift „Heatid", dessen erstes Heft (15 Bogen in Großoktav stark) jetzt im Druck vorbereitet wird. Diese ernste Zeitschrift will sich der wissenschaftlichen und ernst-publizistischen Behandlung aller Probleme des Judentums und des jüdischen Volkes widmen. Die bedeutendsten jüdischen Gelehrten und Schriftsteller, alle, welche über Juden und Judentum in gediegener Form etwas zu sagen haben, werden als Mitarbeiter des „Heatid" herangezogen werden. Die jüdischen Denker und Forscher, welche nicht hebräisch schreiben, werden Gelegenheit erhalten, ihre Geistesprodukte durch gute Übersetzungen zu veröffentlichen. Die Zeitschrift „Heatid", die in Berlin erscheint, wird das Organ der Gesellschaft „Sinai" sein, die ebenfalls ihren Sitz in der deutschen Hauptstadt hat. Von da aus sollen alle Kräfte im jüdischen Volke zur Pflege der hebräischen Sprache und Literatur organisiert werden. Nach den ersten vorbereitenden Arbeiten zur zweckmäßigen Einrichtung dieser Organisation gedenkt die Leitung der Gesellschaft mit Hilfe der hervorragend geistig Schaffenden des jüdischen Volkes ein umfassendes Programm zu entwerfen. Es wird beabsichtigt, das bereits Vorhandene, was in der hebräischen Literatur von bleibendem Werte ist, volkstümlich zu machen, und dasjenige, was nicht mehr mit dem Bewußtsein unserer Zeit zu vereinbaren ist, dadurch vom Untergang zu retten, daß sein sprachlicher und kultureller Inhalt in einer geeigneten Form aufbewahrt werde. Außerdem sollen gediegene Schriften zeitgenössischer Gelehrter und Forscher auf dem Gebiete der Bibelforschung, der Religionsgeschichte, der Religionsphilosophie, der jüdischen Geschichte, des geistigen Lebens des jüdischen Volkes überhaupt mit Hilfe der Gesellschaft publiziert werden. Die Leitung geht von dem Standpunkte aus, daß die Lage unseres Volkes, seine weitgehende Zerstreuung in allen Weltteilen wohl die Schaffung einer jüdischen Literatur in verschiedenen Sprachen zur Notwendigkeit macht. Diese Literatur bringt gewiß großen Nutzen und wirkt ersprießlich. Aber anderseits liegt die Gefahr vor, daß die Judenheit dadurch kulturell immer mehr zersplittert wird. Ehedem pflegten jüdische Gelehrte und Schriftsteller hebräisch zu schreiben, wodurch die Juden in allen Ländern eine gemeinsame Volkstribüne und eine, wenigstens der Behandlung des Judentums, einheitliche Bildungsstätte hatten. Im 19. Jahrhundert kam für die Wissenschaft des Judentums und für die jüdische Literatur neben der hebräischen auch die deutsche Sprache auf, welch letztere damals fast von allen Juden des Abendlandes verstanden wurde. Seitdem haben sich die Verhältnisse stark geändert. Die deutsche Sprache wird nur noch von einem kleinen Bruchteil der Judenheit verstanden. Wir haben nunmehr eine jüdische Literatur auch in englischer, französischer, italienischer, holländischer» ungarischer und russischer Sprache. Es ist dahin gekommen, daß wir einander nicht mehr verstehen und, was noch schlimmer ist, daß wir Juden unsere Gedankenarbeit zehnmal verrichten und uns darin bis zur Ermüdung wiederholen. Wir müssen zur hebräischen Sprache zurückkehren, sie zum Organ unserer geistigen Einheit, zur Form unseres gemeinsamen Kulturlebens machen. Die hebräische Sprache hat sich im ganzen Verlauf unserer Geschichte als Sprache unseres geistigen Schaffens bewährt. Alle Versuche, das Judentum in einem fremden Gewände zu stabilisieren, haben nur den Charakter des Provisoriums; die fremden jüdischen Literaturen haben nur eine zeitliche und örtliche Wirkung aufzuweisen. Was ist im Laufe der Jahrhunderte aus der inhaltvolien jüdisch-griechischen und jüdisch-arabischen Literatur geworden? Was nicht rechtzeitig ins Hebräische übertragen wurde, ging entweder ganz verloren oder fristet nur ein ephemeres Dasein. Die Gesellschaft „Sinai" gedenkt schon in der nächsten Zeit ihr Programm zu veröffentlichen und hofft auf die tätige Mitwirkung aller Freunde der hebräischen Sprache und aller, die an die Zukunft des Judentums glauben. Sie gehört keiner Partei an, sondern will dem ganzen jüdischen Volke angehören, allen Juden des Morgen- und des Abendlandes. Sie steht allen religiösen und politischen Kämpfen fern und will nicht trennen, sondern vereinigen. Um jedem Juden die Möglichkeit zur Anteilnahme an der Gesellschaft zu geben, wurde ein Jahresbeitrag von Mk. 10.— festgesetzt, wofür sämtliche Publikationen der Gesellschaft mit einer Ermäßigung von 25 0 o geliefert werden. Beitrittserklärungen, Geldzuwendungen und Anfragen sind zu richten an das Zentralkomitee des „Sinai": Herrn S. Hurwitz, in Berlin W., Kurfürstendamm 51. OK□□□□□□ o o v> FEUILLETON □ □□□□□ -4 EIN BOTE DER FREUDE. Von N. SOKOLOW Laubhüttenfest und Essrogim-Saison in Garwolin. Die über ihren Folianten brütend des Lebens und seiner Freuden vergessen haben, werden plötzlich, wie von des Frühlings Odem berührt, wieder Menschen. Die Bücherseelen tun sich auf und eine wunderschöne Natur glänzt und strahlt und duftet vor ihnen mit Kindersinn und heller Heiterkeit. Neben dem Bet-hamidrasch in der Kahalstube sind die Essrogim' ausgestellt. Im Bet-hamidrasch selber bietet der alte Tanchum Weidenzweige feil. In den Pulten werden IVlyrten aufbewahrt. Der Duft dringt bis in den Schulhof, bis in die Qasse. Eine sprossende Kraft ist in das Ghetto eingetreten: wo kein Baum und kein Grashalm je aufkommen kann, prangen plötzlich Palmenzweige. Die Kenner stehen an den Tischen der Kahalstube entlang und besichtigen die Essrogim. Bald nicken sie mit heimlichem Entzücken, bald schütteln sie skeptisch die Köpfe. Jukele, der über eine gewisse zarte Bosheit verfügte, pflegte sich über die Gespreiztheit der Sachverständigen lustig zu machen. „Jossei" — bemerkte er

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