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Die Welt · 1907-09-20 · 38 (20.9.1907) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
38 (20.9.1907)
Date
1907-09-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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solches Entsetzen zu bemächtigen, daß sie zu einer normalen Tätigkeit zurückzukehren niemals hofften. Erst allmählich trat die Gewöhnung an die Eventualität eines Pogroms ein und machte milderen Stimmungen Platz, regelte die Anomalie .... Dann kamen die Restaurierungsversuche an die Reihe. Die Mildtätigkeit von nah und fern setzte ein und suchte das Schicksal der Betroffenen zu erleichtern. Wie viele mußten da erst eine harte innere Metamorphose durchmachen, ehe sie ihre Hände nach Hilfe ausstreckten, und wie viele scheiterten an dieser Metamorphose, mochte auch die Mildtätigkeit noch so sehr nach Nuancierung ihrer Wirksamkeit streben. Zunächst allerdings gab es die primitivste Form der Hilfeleistungen, ehe die Möglichkeit einer wesentlicheren Subvention geboten war. Denn an jedem größeren Punkte hatte sich gewöhnlich eine solche Menge von Obdachlosen, auf die Straße Geworfenen angesammelt, daß die Herzhaften für die vorläufige Unterbringung von Hunderten resp. Tausenden in einem speziell geschaffenen Obdachhaus sorgen mußten. Wie es in einem solchen Asyl aussah, schilderte in der Kiewer Zeitung „Sarja" ein damals bekannter Rechtsanwalt, Andrejewsky, ein Nichtjude. Wir entnehmen dieser Schilderung folgenden Auszug: „Was ich heute sah und hörte, spottet jeder Beschreibung. Ich bin nicht fähig, mit der Feder den schweren, niederschmetternden Eindruck wiederzugeben, den der Anblick tausender nahrungs- und obdachloser, gedemütigter, beleidigter, beschimpfter und geschlagener Leute auf mich ausgeübt hat . . . und es ist schmerzlich und peinvoll, sich sagen zu müssen, daß alle diese Menschen in einem zivilisierten Lande mit festen Staatseinrichtungen und die gesellschaftliche und persönliche Sicherheit wahrenden Gesetzen in eine solche Lage geraten konnten! . . . Auf abscheulichem Wege erreichte ich hinter dem Lawratore die aus Stein gebaute enorm große Remise, die wohl zur Aufbewahrung von Munition bestimmt war, — und hier bot sich meinen Augen ein wahrhaft herzzerreißendes Bild. Diese ganze finstere Scheune und der Platz ringsherum hatte Ähnlichkeit mit einem Ameisenhaufen; nach der letzten Zählung hatten sich dort schon über 1800 Personen ruinierter Juden mit ihren Frauen, Kindern und Säuglingen zusammengedrängt.1) Diese Zahl nimmt durch die von allen Seiten herbeiströmenden Märtyrer von Minute zu Minute zu. Alle diese Leute sind in Lumpen, die meisten barfüßigi viele mit Spuren von Verstümmelungen auf den Gesichtern, mit verbundenen Köpfen, bleichen und verstörten Mienen. Ich Sing an die Scheune heran; neben der Türe auf der Erde lag ein sterbender zehnjähriger Knabe, den man an die Luft getragen hatte. Seine Augen verdrehten sich schrecklich, der Mund verzerrte sich, das Gesicht war von tödlicher Blässe bedeckt — affenbar hatte er fürchterliche Leiden durchzumachen. Neben ihm saß seine vom Gram erdrückte Mutter, die vom vielen Weinen keine Tränen mehr hatte. Nicht weit davon eine andere ebensolche Gruppe. Ich ging in die Scheune hinein: das war etwas Unfaßliches, etwas wie eine von in Qualen ringenden Sündern erfüllte Hölle. Bin dunkles und langes Gebäude, darin eine wimmelnde Masse von mehr als tausend in einen Haufen zusammengedrängter Menschen — und das alles von einigen Talglichten, die von den ihre Kinder viegenden Mütter gehalten werden, trübe beleuchtet! Ein atem- ^enehmender Geruch, der jeden Gesunden umsinken lassen kann, herzzerreißendes Schreien der Kinder. Irgendwo in den Winkeln Zähneknirschen, Klappern vor Kälte und Hunger und dumpfes Stöhnen . . . Das härteste Herz muß bei diesem Bilde erweicht werden, unwillkürlich tropfen Tränen aus aller Augen. Dort in dieser erschreckten, zusammenlaufenden und sich versteckenden r) Nach dem nachherigen Berichte des Kiewer Hilfskomitees hatten in dieser Kcmise 3io Personen 13 Tage kampiert. Menge hatten, wie mir gesagt wurde, fürchterliche Szenen stattgefunden: Mütter fanden ihre Kinder nicht, die Menschen drängten sich vor, erdrückten einander, um sich nur ein irgendwie erträgliches Plätzchen zu erobern. Bei schönem Wetter hätten sie wohl unter freiem Himmel gelegen, aber der tiefe Schmutz und der Regen trieb alle in die Scheune, wo sie in so entsetzlicher Lage die ganze Nacht zubrachten. Daselbst gebar auf nackter Erde vor den Augen einer zweitausendköpfigen Menge eine Märtyrerin ihr Kind, und noch einige Frauen haben dasselbe zu gewärtigen . . . Alle diese unglücklichen Märtyrerinnen murrten und grollten aber nicht ... sie konnten nur trauern, weinen, schluchzen und diejenigen segnen, die darauf gekommen waren, ihnen irgendein Asyl, irgendwelchen Schutz vor dem sichern Tode auf dem Felde und im Walde zu bieten. Viele erzählten mir von ihrem Elend und den Schrecken des über sie hereingebrochenen Ruins . . . „Ich hatte 20000 Rubel bares Geld in der Truhe und eine ganze Wirtschaft auf der Demijewka (Vorort), und jetzt habe ich nichts weiter, als was ich heute auf dem Leibe trage, und weiß nichts über das Schicksal meiner zwei Söhne." — „Zwei Brüder von mir sind heute nacht getötet worden, ihre Leichen hat man schon gefunden." — „Meine Mutter wollte man in der Scheune aufhängen, mit dem Strick um den Hals ist sie entkommen." — „Alles, alles bis auf den letzten Fetzen hat man uns fortgenommen, wir sind splitternackt." . . . Solcher Art waren die Begebenheiten, die mir diese Ärmsten erzählten; gleichzeitig baten sie mich, dem Ökonom der Lawra, der ihnen am ersten Tage eine Fuhre Brot geschickt hatte, durch die Zeitung ihren Dank auszusprechen. Es muß bemerkt werden, daß diese ganze Masse die ersten Tage fast ausschließlich von Luft lebte, da nirgends so viel Nahrung gleich aufzutreiben war." — Das Kiewer Bild des Elends ist nur eins von den vielen gleichartigen. In Jelissawetgrad, in Balta sah es nicht weniger schlimm, wenn nicht noch schlimmer aus. Überall, wo ein Pogrom ausgebrochen war, stockte das Leben und mußte künstlich ins alte Gleis zurückversetzt werden. Aber auch nicht jede Stadt, an der der Wermutsbecher vorbeiging, war gerettet. Denn die erste Pogromepoche hatte eine Nebenerscheinung, die für die russischen Juden nicht weniger ruinös war. Gerade in den Sommern 1881 und 1882, namentlich im letzteren, gab es auffälligerweise eine Unzahl von Kolossalbränden im Ansiedlungsrayon, die oft ganze Städte oder Hunderte von Häusern in Schutt und Asche verwandelten. Slonim (1881), Beltzy, Smorgon, Kowno, Tschaschniki, Schlobin, Disna, Smjela, Wassilischki, Indury, Radziwilow und viele andere Orte waren ganz oder zum großen Teil ein Raub der Flammen geworden.1) Nun ist zwar der „rote Hahn" im jüdischen Ansiedlungsgebiet zu jeder Zeit ein häufiger Gast, aber niemals waren die Feuersbrünste in derartiger Menge zutage getreten; sodann sprachen in vielen Fällen bestimmte Anzeichen dafür, daß diese Erscheinung nicht zufälliger Natur war; fand man doch häufig Brandstifter, die an ihren Leistungen kein persönliches Interesse haben konnten. Auch hatten sich die Brandstifter namentlich solche Orte ausgesucht, in denen die Behörden den Hetzern und Pogromstiftern auf den Fersen waren. An manchen Punkten waren übrigens die Feuersbrünste schon vorher angekündigt. Der Ersatz des Pogroms sollte den Bedrohten gewissermaßen schärfer zu Gemüte geführt werden. Allein es war ein Irrtum: noch immer waren die russischen Juden mit Freuden bereit, den leichtesten Pogrom gegen die schwerste Feuersbrunst einzutauschen. (Fortsetzung folgt) l) Nach einer Angabe von Rülf, der bekanntlich dem Hilfswerk sehr nahe und mit den rassischen Juden in engster Beziehung stand, soll die Zahl der wahrend dieser Periode verheerten Städte siebzig bis achtzig betragen haben. S. RüVf, Die russischen Juden, S. 29.

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