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Die Welt · 1907-09-20 · 38 (20.9.1907) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
38 (20.9.1907)
Date
1907-09-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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6 — __- DIE 3 In der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts wohnten nur einige jüdische Familien in Belgien, und an den Freiheitskämpfen 1830, denen das jetzige Belgien eigentlich seine Existenz verdankt, hat nur ein einziger Jude namens Simons teilgenommen, der mit seinen Eltern nach Belgien eingewandert war. Bis weit in die zweite Hälfte des XIX. Jahrhunderts blieb die Zahl der Juden in Belgien klein; hier und da wanderte eine jüdische Familie aus Holland, Deutschland oder Frankreich ein. Da der Prozentsatz der Juden sehr niedrig war und das reiche Land die Eingewanderten ernähren konnte, ohne die Einheimischen zu verkürzen, bestand in sozialer Hinsicht kein Hindernis gegen die Assimilation der Juden, besonders da die Gesetzgebung sie in keiner Weise beschränkte. Im letzten Viertel des XIX. Jahrhunderts wruchs die Immigration der Juden nach Belgien aus allen Ländern und wurde besonders stark in den letzten Jahren, so daß jetzt schon die Juden in den beiden größten Zentren Belgiens ziemlich zahlreich (Brüssel ca. l°'o, Antwerpen ca. 2—3°/o) und auch in weiteren 5—6 größeren Städten vertreten sind. (In Lüttich werden wohl mit den Studenten zusammen ca. 1000 Juden wohnen.) Jedenfalls ist das Verhältnis der Juden zur Gesamtbevölkerung Belgiens nicht höher als 3—4°/co. Man kann also heute die Zahl der Juden in Belgien auf 25 Tausend schätzen. Unter den Erwachsenen werden wohl keine 3000 in Belgien geboren sein, einige Tausend sind naturalisiert — der Rest (ca. 20000) sind fremde Untertanen. Dadurch ist es erklärlich, warum die belgischen Juden so heterogen sind. Sie kommen aus aller Herren Länder und haben aus ihrer früheren Wohnstätte Sprache, Sitten und Lebensanschauungen mitgebracht, die sie zwar teilweise dem neuen Milieu angepaßt haben, die ihnen aber zum großen Teile auch geblieben sind. Die belgischen Juden genießen alle Bürgerrechte, keine Karriere ist ihnen verschlossen, und wenn nur wenige in der Armee, in den Staatsämtern und im Unterrichtswesen tätig sind, so liegt der Grund darin, daß sie nicht zahlreich genug sind und daß im Lande Handel und Industrie die Hauptrolle spielen. In Belgien herrscht kein eigentlicher Antisemitismus; gewisse Feindseligkeiten sind eher der Ausdruck des Fremdenhasses, der im belgischen Volkscharakter begründet liegt. £E LT - No. 38 Es ist erklärlich, daß der Zionismus in Belgien nur oder fast nur unter den Eingewanderten Fuß gefaßt hat. Die Propaganda ist sehr schwierig, weil die belgischen Juden verschiedene Sprachen sprechen und untereinander stark differenzieren. Seit etwa 8 Jahren bestehen zionistische Vereine in Antwerpen, seit 4 Jahren in Lüttich unter den Studenten (meist russischen Juden) und seit kaum 6 Monaten in Brüssel. Die Zahl der Vereine beträgt 7 (5 in Antwerpen). Es gibt aber auch eine ziemlich große Anzahl Zionisten, die keinem Vereine angeschlossen sind. Die Vereine bilden eine Federation mit einem Landes- Komitee an der Spitze, dessen Sitz in Antwerpen ist. Die Zahl der Schekelzahler wächst in regelmäßiger Steigerung und ist im letzten Jahre von 544 auf über 800 gestiegen. Die belgischen Zionisten unterstützen alle zionistischen Institutionen und Bestrebungen. Es wurden einige Hundert Aktien der Kolonial-Bank verkauft, die Spenden für den National-Fond, die im ersten Jahre 450 Frcs. betrugen, sind im vorigen Jahre auf 3600 Frcs. angewachsen. Es wurden allein in Antwerpen für das neugegründete Industrie-Syndikat 5 Anteile ä 1000 Mk. gezeichnet, für den Bazalel, den Pflanzungsverein usw. wird gespendet. Die Antwerpener Vereine haben im letzten Jahre wöchentliche Versammlungen, abgehalten, in denen wissenschaftliche Vorträge über jüdische Fragen gehalten wurden. Letztens wurde ein zionistisches Heim (Beth Zion) gegründet. Der jüngste Antwerpener Verein hat sich zum speziellen Zwecke gestellt, die hebräische Sprache zu pflegen; in seinen allwöchentlichen, sehr besuchten Versammlungen wird nur hebräisch debattiert. Die Zionisten in Belgien haben ihren Einfluß auf das ganze jüdische Leben ausgedehnt und sind in die Leitung fast aller Vereine eingedrungen, sie sind auch im Kultusvorstande in Antwerpen stark vertreten. Aus zionistischer Initiative entstand in Antwerpen der Verein „Ezra" zum Schutze der Emigranten. Dieser Verein zählt unter den Mitgliedern sehr viele Zionisten und auch' im Vorstande sitzen die Zionisten in sehr großer Zahl. Nach der festen Organisierung der Zionisten in Brüssel wird auch in der Hauptstadt Belgiens der Einfluss des Zionismus auf das jüdische Leben wachsen. Das Prototyp des Pogroms in den achtziger Jahren (Fortsetzung) Zu Beginn der achtziger Jahre war die Erscheinung einer Stadt nach einem Pogrom noch so neu und erregte viele Gemüter dermaßen, daß die gesamte russische Presse sich in der Schilderung der Trümmerhaufen nicht genug tun konnte. Nicht nur die großen Städte, sondern auch kleinere Ortschaften wurden mit allen Details immer wieder beschrieben: es war für alle, sowohl die mitfühlenden als die im Innern sich freuenden und nur aus Heuchelei ihr Bedauern lallenden Gesellschaftsschichten eine beschämende oder erquickende Sensation. Eigentlich war das Bild, wie das Ergebnis der Sensation zumeist, das nämliche. Die Armen, die doch die Mehrheit der Betroffenen ausmachten, wurden noch ärmer, im buchstäblichen Wortsinn bettelarm, ja obdachlos, aber auch gar viele, die noch tags zuvor ^reich oder wohlhabend gewesen waren, sanken tief herab zur Armut, die ihnen noch unendlich bitterer wrar. Für die ersten Opfer der Pogrome war die Situation noch um so tragischer, als sie doch gar nicht ahnen konnten, daß ihnen von außen irgendwelche nennenswerte Hilfe zuteil werden würde. Bei einem großen Teil der Beraubten war auch tatsächlich die Möglichkeit einer Rückversetzung in die frühere Lage ausgeschlossen. Nach Berechnungen des Kiewer Komitees konnten damals den Hilfesuchenden im Durschnitt nur ca. 5 °/o ihres erlittenen Schadens ersetzt werden. Wie viele aber mochten erst gar nicht zu diesem Mittel gegriffen haben, wie viele sahen gleich ein, daß sie rettungslos zugrunde gehen müßten! Anfangs pflegte sich an jedem Pogromorte der meisten ein

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