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Die Welt · 1907-09-20 · 38 (20.9.1907) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
38 (20.9.1907)
Date
1907-09-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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DIE ELT No. 38 RASSENKÄMPFE Vergleiche hinken, hält man sie fest, doch drängen sich manche Vergleiche mit unwiderstehlicher Kraft auf: Odessa und Vancouver, Judenhetze und Japanerverfolgung. Auch von letzterer heißt es: das antiorientalische Empfinden. Die Bevölkerung von British Columbia gibt sich mit der starken japanischen Einwanderung von Honolulu nicht zufrieden — sagte man schon lange. Ob es auf dem Rassenprinzip beruht oder ob es sich dabei um einen Kampf der Besitzlosen und Minderbegüterten gegen die Besitzenden oder der einheimischen Arbeiter gegen die Fremden handelt: Tatsache ist es, daß seit Jahrzehnten ein dumpfes Grollen und seit Jahren eine förmliche Hetze in den Vereinigten Staaten Amerikas gegen die einwandernden Chinesen und Japaner wütet. Es ist eine volkstümliche Strömung, und die nordamerikanische Republik machte schon den Leidenschaften der Massen manche Verbeugungen, indem sie diese oder jene Einschränkung der Immigrationsrechte auf gesetzgeberischem Wege durchgeführt hat. Nun spukt dieses Gespenst in Kanada. Wenn man es auch mit allerlei Verbrämungen zu verdecken sucht, — es ist in Kanada nicht anders als in den Vereinigten Staaten, und in ganz Amerika nicht anders als in Europa. Das echte edle Humanitätsgefühl, das Bewußtsein der Gleichheit aller Menschen und aller Nationalitäten und Volksminderheiten, der Ebenbürtigkeit des „Ger" (Fremdling) und „Ezroch" (Bürger), dieses Grundprinzip unserer Gesittung ist zum alten Eisen geworfen worden. Macht geht vor Recht, augenblicklicher, grober, lokaler Eigennutz vor den großen Interessen der Menschheit. Es ist ganz gleich, ob man den Fremdling nicht über die Schwelle läßt, oder man läßt ihn hinein und sucht ihn niederzuhalten, oder daß der Mob, von Hetzrednern aufgepeitscht, sich über den Fremdling stürzt. Es ist dasselbe Prinzip, das sich zu Stimmungen, zu Gesetzesvorlagenoderzu Ausschreitungen durchringt: der Fremdenhaß. Für uns, die meistwandernde Nation, ist dies eine Drohung, die wie ein Menetekel in die Ohren dringt. Einige Andeutungen wrerden es schon jetzt evident erscheinen lassen, daß die Stimmung gegen die „Fremdlinge", verschärft durch die ererbten Vorurteile gegen die Juden, in Amerika, das von Fremdlingen geschaffen worden ist, auch unsere Einwanderer ernstlich bedroht. Die Removaiaktion geht von dem Standpunkte aus, der Antagonismus sei in den von Juden übervölkerten Orten stärker. Jetzt hört man von anderer Seite entgegengesetzte Ansichten. Ganz wie in Deutschland: je weniger Juden, desto mehr Antisemitismus fz. B. Sachsen), soll es auch in Amerika, freilich in einem viel geringeren Maße und mit harmloseren Erscheinungen, . der Fall sein. Die Regierung und ihre Gesetzgebung wahren noch immer das liberale Prinzip, aber die Volksstimmung ist dort ein viel wirksamerer Machtfaktor, und die Regierung muß volens-nolens nachgeben. Gestern waren es Chinesen, heute — Japaner, wer wird es morgen sein, gegen den sich diese Stimmung wenden wird? Ist einmal die Kugel ins Rollen gekommen, so gibt's kein Halt mehr. Ja, es gibt eine Umkehr zum Recht, zum Ideal. Es wäre weiser, die giftige Saat zu vernichten, als nachher mit den bösen Früchten sich abzufinden. Aber davon kann in der jetzigen Welt kaum die Rede sein, denn die Saat schießt überall in hohe Halme. Ob der Echtrusse auf den Unechtrussen dreinhaut, ob der Chinese die ausländischen Teufel köpfen möchte, ob man sie als „lästig" bezeichnet, oder ob man sie, die Geduldeten, überfällt, — der Geist ist derselbe: der Geist Sodoms. Man deckt diese tausendfältigen Erscheinungen mit einem Formelkram zu — hat ja die moderne Sprache Worte für alles und Feigenblätter ohne Ende. Ein großes Feigenblatt trägt die Masse der arbeitenden Menschheit: Proletarier aller Länder, vereinigt euch! Sie meint es auch ehrlich, wo sie noch von der Morgenröte der Freiheitsbestrebungen beleuchtet ist. Anders in den Ländern, wo sie stark und organisiert dasteht: in England und in Amerika. Das Gefüge des Gesamtproletariats wird locker, die Gemeinsamkeit der Menschheitsinteressen hat nur eine sehr beschränkte Geltungskraft, und der Fremdling bleibt fremd. Man muß das lokale Interesse fördern, man kann nicht für alle sorgen, — ja es'sind zum Teil selbstverständliche und wrohlbegründete Vorbehalte, aber es bleibt doch alles beim alten! In Kanada waren es Arbeiter, die über die japanischen Konkurrenten hergefallen sind — der Konkurrenzneid durch den Rassenhaß verschärft, — da haben wir es ja wieder, ganz wie in der verrotteten bürgerlichen Gesellschaft, die man allmählich zersetzen oder gewaltsam umwälzen soll. Sodom wird dadurch nicht zerstört: Der Rahmen ist nur ein anderer, das Bild bleibt das gleiche. Haben sich die englischen Trades Unions der Fremdenbill mit derselben Energie widersetzt, mit der sie für ihre eigenen Interessen kämpfen, wo es sich auch nur um die geringfügigste wirtschaftliche Frage handelt? Haben die amerikanischen Arbeiter gegen die Verflachung und Degenerierung des Menschheitsideals, die in den gegen Asiaten gerichteten Beschränkungen zum Ausdruck kommen, in gebührender Weise tatkräftig protestiert? Keine Spur von all dem! Wir müssen daraus auch für uns die Schlüsse ziehen. Unsere arbeitenden Klassen finden soziales Verständnis bei den arbeitenden Klassen anderer Nationen, und natürlich tun sie gut, für ihre beruflichen Interessen mit den andern zusammenzuwirken. Es fragt sich nur, ob sie recht daran tun, um dieses einen Berührungspunktes willen auf der ganzen Linie das Phantom einer Einheit aufzustellen. Ist es recht, den großen Ernst des schweren Ringens der Völker und Rassen — die arbeitenden Klassen einbegriffen — mit geflissentlicher tendenziöser Sorgfalt zu ignorieren? Treibt man damit nicht eine kurzsichtige Augenblickspolitik, und läßt man nicht die weltgeschichtliche Entwicklung außer acht? Der theoretische Formelkram hat das Wesentliche im Menschen nicht verändert. Der Neid, die Selbstsucht, der Eigendünkel der Individuen und der Gruppen, — sie schalten und walten wie früher. In unserem uralten Hebräisch nennen wir einen bösen Menschen „Roscho" — heutzutage heißt er Herrenmensch mit einer Herrenmoral. Siebenmal schärft die Thora das Gebot der „Liebe zum Fremdling" ein — wie wunderbar, wie göttlich ist diese Kenntnis der Menschennatur! Der Durchschnittsmensch, der Philister, fühlt sich in der Regel berechtigt, das Unrecht zu tun, und dem andern legt er die Verpflichtung auf, das Unrecht zu leiden. Er ist der

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