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Die Welt · 1907-09-27 · 39 (27.9.1907) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
39 (27.9.1907)
Date
1907-09-27
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Judenhetzen in Nikolajew Wie wir einem Privatbriefe aus Nikolajew vom 15. September entnehmen, terrorisieren auch dort die Mitglieder des Verbandes des russischen Volkes, genannt die „Schwarzen Hunderte", die Bevölkerung, und täglich werden auf den Straßen in der Nacht und sogar während des Tages einige Juden getötet. Die linken Parteien rächen sich dafür durch Angriffe auf Polizisten, Kosaken und Beamte. In jeder Nacht werden Leute verhaftet, und die Gefängnisse sind überfüllt. Zur Frage der jüdischen Gleichberechtigung in Rußland Petersburg: Am 21. August hat das Zentralkomitee des Oktoberverbandes seine deutsche Gruppe als eine selbständige, dem Verbände gleichberechtigte Partei anerkannt, die, vom Petersburger Zentralkomitee unabhängig, durch Vertretung mit dem Verband in Verbindung tritt, und dessen Direktiven sie soweit befolgt, als sie dem eigenen Programm nicht widersprechen. Das eigene Programm unterscheidet sich von dem des Verbandes hauptsächlich dadurch, daß die deutschen Oktobristen die sofortige Durchführung der jüdischen Gleichberechtigung verlangen,-welche die Oktobristen nicht als eine eilige Reform betrachten. In manchen, einstweilen noch geheim gehaltenen Punkten ist das Programm der Deutschen konservativer als das der russischen Oktobristen. Die Autonomie verwerfend, verlangen die Deutschen doch weite Selbstverwaltungsrechte für die russischen Fremdvölker. Ein geheimes Zirkular des „echtrussischen44 Verbandes Der Verband des russischen Volkes erließ am 18. September unter Nr. 3139 ein geheimes Zirkular an alle Verbandsfilialen, das folgenden Inhalt hat: „Das Zentralkomitee des Verbandes übersendet mbei ein Exemplar des Zirkulars des Ministers des Innern, welches las Wohnrecht der Juden in Rußland erweitert, und fordert Sie auf, zunächst allen Verbandsfilialen Ihres Gouvernements klarzulegen, vie schädlich dieses Zirkular sei. Ferner müssen alle Verbandsilialen an den Kaiser Telegramme richten, in denen Glückwünsche vegen der Errettung bei der Standardkatastrophe ausgesprochen verden sollen und die Bitte, es solle die Ausdehnung des Wohnechts der Juden in Rußland auf Grund des obengenannten Zirkulars erboten werden; es soll der Ansiedlungsra)on wieder hergestellt verden, und es sollen alle Juden ausgewiesen werden, die ungeetzlich sich irgendwo außerhalb desselben angesiedelt haben. )em Zirkular sind beigelegt: 1. Eine Photographie des Präsiienten des Zentralkomitees, Herrn Dubrowin; 2. eine moderne Karte •uropas. Der Erlös aus dem Verkauf dieser Beilagen ist bestimmt ur Vermehrung der Mittel des Verbandsorganes, und wir empfehlen •inen daher, den Verkauf in möglichst größerem Umfange zu orgaisieren." Zum Schluß folgen die Preise der beiden Photographien. i)as Zirkular, das noch nicht versendet ist, ist vom Präsidenten des erbandes, Dubrowin, der also selbst die Verbreitung seiner Bilder mpfiehlt, unterzeichnet. In den nächsten Tagen ist also eine Flut von untertänigsten >epeschen an den Zaren zu erwarten mit dem oben wiedergegebenen ihalt. -- Auf solche Weise wird also der „Volkswille" fabriziert. — Ein Stolypinsches Zirkular, welches das Wohnrecht der Juden 1 rweitern soll, existiert überhaupt nicht. Es ist hier ein Zirkular remeint, welches im August vorigen Jahres erlassen wurde und elches der Ortspolizei vorschrieb, diejenigen Juden, welche in der ' treffenden Gegend, wenn auch ungesetzlich, sich seit vielen Jahren! edergelassen und eine Familie haben, in Ruhe zu lassen, falls sie ';i politischer Hinsicht nicht gefährlich sind. Von der ganzen Presse urde das Zirkular seinerzeit als ein Bereicherungsniittel für die Polizei charakterisiert, als ein neues Erpressungsmittel, das die Polizei die Hände bekommt, denn die Polizei hat die „politische Gesinnung" <i<-*r Bürger festzustellen. Die „moderne Karte Europas", die dem Zirkular beiliegt, stellt einen juden dar, der in Gestalt einer Spinne TMiz Europa mit seinem Netze umspannt. — Die Resultate der ersten Wahlen Aus Petersburg wird uns geschrieben: Alle Zeitungen widmen dem Ausfall der ersten Wahlen längere Artikel. Sie erkennen im allgemeinen an, daß man noch keine bestimmten Schlußfolgerungen ziehen kann. Die Zeitung „Russij" konstatiert nur die Niederlage des Verbandes des russischen Volkes. Von 224 von den Arbeitern des ganzen Moskauer Gouvernements gewählten Wahlmännern ist nur einer Mitglied des Verbandes des russischen Volkes. Man wird sagen: Das sind nur die Arbeiter! Die Arbeiter sind ja die unbedeutendsten Stützen des Verbandes! Die Bauernwahlen werden andere Resultate ergeben. Hier sind aber auch die Resultate der Baueruwahlen! — Von 336 Wahlmännern von allen Dorfgemeinden des ganzen Moskauer Gouvernements sind nur zwei Mitglieder des Verbandes des russischen Volkes. Die Wirklichkeit hat also die Verbändler, welche laut lügend von „Millionen" schrieen, die den Spuren der Charlatane Gringmut, Dubrowin und Purischkewitsch folgen, schnell Lügen gestraft. Diese „Führer" haben Moskau zum Zentrum der Agitatition der schwarzen Hundertschaften gemacht! Und weiche Antwort hat die Bauern- und Arbeiterbevölkerung diesen skrupellosen Volksanführern zuteil werden lassen? Unter 560 Wahlmännern — sind nur drei Mitglieder des Verbandes des russischen Volkes. — „Towarischtsch" stellt die Frage weiter: Die Wahlen haben begonnen, und die „Reaktion", welche die offiziösen und halboffiziösen Zeitungen mit solchem Eifer ausposaunten, hat bis jetzt keinerlei Erfolg erzielt. Die „Gemäßigten", welche jetzt als gewählt in den Berichten der St. Petersburger Telegraphenagentur figurieren, anstatt der Monarchisten bei den vorigen Wahlen, versprechen den „Hofkreisen" nichts Angenehmes. In den gut informierten Organen dieser Kreise ist wenigstens keine Begeisterung zu konstatieren. Von den Wahlen wird in den Leitartikeln gar keine Notiz genommen. Sie tun, als ob nichts im Lande geschehe. Eröffnung des Herzl-Instituts Am 6. Oktober wird in Leeds das infolge einer Stiftung des Herrn Moser errichtete Herzl-Institut eröffnet werden. Die Palästinareise Dr. Nathans Konstantinopel: Um sich über die Lage der Juden im Orient durch den eigenen Augenschein zu orientieren und die vom Hilfsverein deutscher Juden unterstützten Anstalten zu besuchen, traf Sonntag Herr Dr. Paul Nathan, der Generalsekretär des Hilfsvereines deutscher Juden in Berlin, hier ein. Er wird zusammen mit dem Arabisten Dr. Mittwoch im Verlauf seiner Reise Palästina und Syrien berühren, um für eventuelle Veränderungen oder Verbesserungen in den von ihm besuchten Anstalten Sorge tragen zu können. Verband der Deutschen Juden Die Hauptversammlung findet in diesem Jahre, wie schon kurz mitgeteilt, am 13. Oktober 1907 in Frankfurt a. M. statt. Sonnabend den 12. Oktober soll gegen Abend in den Räumen der Frankfurt-Loge eine Vorbesprechung der anwesenden Delegierten stattfinden, der sich in dem großen Saale derselben Loge eine Begrüßungsfeier und Bewirtung anschließen wird. Sonntag den 13. Oktober beginnt frühmorgens die Arbeit mit einer gemeinschaftlichen Sitzung der Korrespondenten des Verbandes, worauf um 11 Uhr die Hauptversammlung selbst in den Räumen des Saalbaues eröffnet wird. Auf der Tagesordnung stehen nunmehr, nachdem Herr Dr. Nathan durch eine Auslandreise am Erscheinen verhindert ist, folgende Vorträge: 1. Geh. Rat Professor Dr. Cohen, Marburg: „Religiöse Postulate." 2. Professor Dr. Philippson, Berlin: „Staatsinteressen und Judenpolitik." Korreferent Rechtsanwalt Dr. Loeb, Mainz. Die Hauptversammlung ist eine öffentliche. > Am Abend der Hauptversammlung werden die Teilnehmer zu einem Festmahl im großen Saal der Frankfurt-Loge nochmals zusammentreten. Die Einladungen werden in den nächsten Tagen verschickt; eine erfreuliche Beteiligung steht zu erwarten.

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