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Die Welt · 1907-09-27 · 39 (27.9.1907) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
39 (27.9.1907)
Date
1907-09-27
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Ich werde es geschäftsmäßig nüchtern machen. Nur den Kopf oben behalten, mein Freund! Es arrangiert sich alles. Sie kommen nicht früher als am ersten Feiertag zum Gottesdienst. Ihre Hand darauf!" Jukeles Ton war so überzeugend, er machte seinen Vorschlag mit einem so würdevollen und offenherzigen Ernst, daß Mendel sich einverstanden erklärte. Er schätzte schon lange den Satiriker als einen grundehrlichen Kerl. Wie Jukele im Laufe der wenigen Tage vor Sukkoth „geschäftsmäßig" nüchtern handelte, wie er den Angriffsplan überlegte und die Stellung des Feindes vorausberechnete, welchen Ulk er getrieben, — darüber schweigen die Qarwoliner Annalen. Klios Griffel verzeichnet nur das Resultat unter dem denkwürdigen Datum des ersten Tages des Sukkothfestes. Ort und Zeit: Garwoliner Bet-Hamidrasch— nach dem Mussaph- Gottesdienste — während der Hakaphoth. Die warme Spätsommersonne stahl sich in den Bct-Hamidraschraum und ließ die goldgelben Essrogim in den Händen der ehrbaren Baale-Batim21) prächtig aufleuchten. Die Lulawim schimmerten silbern und ragten unternehmend in die Höhe. Sie rauschten um die Häupter und raunten und flüsterten bei den vorschriftsmäßigen Schwingungen während des Hallel28). Eine feierliche Herrlichkeit schwebte über dem Raum und senkte sich lind und verheißungsvoll über die Betenden, als sie sich zum ersten Hakaphagange, dem Glanzpunkte des Gottesdienstes, anschickten. Mendel stand auf seinem Platze, wie einer, der voll Spannung etwas erwartet. Als er gestern Jukele einen frohen Jom-Tow wünschte, sagte ihm Jukele: „Ihnen versichere ich einen toll frohen Sukkoth. Sie werden schon sehen . . . Augen werden Sie machen, Augen ..." Er war also seiner Sache sicher, obwohl er nicht genau wußte, was geschehen wird. Jukele stand lauernd an der Seite. Man sah ihm an, daß er auf große Dinge sich vorbereitete. DenMittelpunkt, die ZentralfigurjderGemeinde, bildete wie immer Reb Leibele. Er betete mit heißer Inbrunst, ein Strom von Andacht ging von ihm aus und es schien als ob sämtliche Lulawim sich gegen seinen über alle andere hinausragenden Lulaw respektvoll neigten. Er tritt in die erste Reihe der Hakapha, und der Essrog in seiner Hand erscheint in all seiner Pracht. Ein magischer Glanz umgibt die Frucht, die geheiligte, die geliebte, die er wonnevoll, mit zärtlicher Liebe trägt, und die Sonne webt leuchtende Streifen über den Hodor, den Korfuer, den er vor Sukkoth, gewohnheitsgemäß, sich selbst ausgewählt hat. Und siehe, plötzlich erlitt die Hakapha eine Unterbrechung. Jukele flog wie ein Wirbelwind von seinem Platze zur Stelle, wo Reb Leibele stand, hemmte den Hakaphagang, indem er ihm denWeg vertrat und Reb Leibele zurief: „Rebbe! Ich darf nicht schweigen! Es ist ein „Sophek broche Twatolo" 29): Ihr habt doch einen Erez- Isroel-Essrog! Eine Kartoffel! Schaut her, Reb Leibele „benscht" eine Kartoffel! Ein Irrtum! Ein Irrtum!" Ja, es war der schönste Erez-Isroel-Essrog, den Jukele in die Truhe der Korfu-Essrogim, wie ein Kuckucksei gelegt und warm gebettet hatte. Reb Leibele fiel einem drolligen Streich zum Opfer! Der „Hauschano" 30) blieb ihm schier in der Kehle stecken. 27) Bürger. 28) Ein Gebet. *9) Das unerlaubte (überflüssige) Aussprechen einer Segensformel. •°) Ein Gebet. Er stand — ein Bild des Schuldbewußtseins, ratlos um sich blickend. Mendel war von einen wilden Freudentaumel erfaßt; er hätte laut aufjauchzen mögen vor Entzücken. Als Triumphator schritt er einher — Palästina hatte gesiegt. Reb Leibele stammelte: „Ja, es ist doch ein Hodor". Die Andacht konnte die allgemeine Heiterkeit nicht bewältigen. Das ganze Sukkothfest konnte sich aus dem Banne des Humors nicht befreien. In allen Laubhütten während der Mahlzeiten, wo ganze Gruppen zusammensitzen, am Ssymchas Beth Haschoewa (Freude des Wasserschöpfens), wenn die lustig-frommen Baale-Batim und insbesondere die Chassidim dem Bacchus frönen, dem jüdischen sittsamen Nebbich-Bacchus, der mit einigen Tropfen Wein, Met oder Kirschensaft großen Umsatz macht und einen Humor auslöst, den andere mit Strömen von Champagner kaum erreichen, auch während der Unterhaltungsstunden im Bet-Hamidrasch, das nicht nur eine strenge, geweihte Kultusstätte, sondern auch ein Klub, Toynbee-Hall, Fremdenhotel, Konferenzsaal usw. war, — bildete der SiegderErez-Israel-Essrogimdas einzige Gesprächsthema. Reb Leibele war geschlagen. Nicht wegen des Irrtums, der sein Kennerauge bei der Wahl des Essrogs täuschte, sondern um seine ganze Stellung handelte es sich. Seine Autorität hatte einen Schlag erlitten. Er versuchte zwar durch irgendein Talmudzitat die Sache zu verdecken. Indes, die Tatsache stand fest, und alle Zitate konnten nichts daran ändern. Reb Leibele zeigte sich dem Publikum ungern. Er stand auf seinem Misrach-Platz im Bet-Hamidrasch, das Gesicht der Mauer zugewandt, und fühlte im Rücken die schadenfrohen Blicke der anderen. All das war die Vorbereitung für das Massengericht über die „jewonischen" Essrogim an Hoschanah- Rabbah. Hoschanah Rabbah! Ein Abglanz des Jörn- Kippur's, aber verblaßt und vulgarisiert. Ein Gemisch von Feierlichkeit und Genuß, Jörn Kippur-Kerzen brennen in der Schul und auf den Tischen in den Häusern schichten sich die geflochtenen runden Kolatschs, wie am Erew- Jom-Kippur. Die Stimmung — gehoben, aber nich! dem Alltagsleben entrückt, weihevoll aber mit einen; dekadenten Anflug. Man wacht die Nacht zuvor, mar JernL\ man sagt die Gebete aus dem nach Taschen lexikonart zusammengestellten „Tykkum Lei Schow uoth", man flicht die Hoschaanoth, — der Volksglaube will auch den Himmel sich spalten sehen und den Augenblick aufpassen, in dem alle Wünsche, die man sich in diesem ersehnten Augenblick wünscht, in Er füllung gehen. Der Mond blickt bleich aus dünne Nebelhülle, — etwas Ahnungsvolles, Dämmerndes im Gemischtes. Und für das Junge, Frische, Aufknospend im Ghetto ist ein Leben und Treiben! Die Hoschanah geben dem leichtlebigen, jungen Volke willkommen Gelegenheit, allerhand Schabernack zu treiben. Der alt Schamesch zürnt, ruft zur Ordnung, zupft an de Ohren, — es hilft nicht, es ruft nur Scherze und Gelächter hervor. In der ausgelassenen Stimmung, in der sie sieii befanden, faßte einer von ihnen einen komischen Plan, dessen Ausführung sie alle miteinander in Angriif nahmen. Sie hatten eine solche Freude dran, daß sie vor Vergnügen und vor lauter Beschäftigung mit den Vorarbeiten zur Verwirklichung dieses Planes das Flechten der Weidenbündel arg vernachläßigten. Aber

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