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Die Welt · 1907-09-27 · 39 (27.9.1907) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
39 (27.9.1907)
Date
1907-09-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
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lüte der Himmel! Ja, gewiß, wenn es „ehrliche Juden" wären! Wird ja gespendet — Reb Meir Baal Haneslb) — nur keine Neuerungen! Es ist ein Hidur Mitzwah19) ind bekommt man einen Hodor20), so kauft man ihn, vo man ihn kriegt. So will es der Brauch. So war;s seit jeher. In Qarwolin wird es so bleiben! ..." Mendel stand verlegen da. Es ist ihm ganz virbelig im Kopfe geworden, doch blieb er die Antwort licht schuldig: „Verzeihung, Reb Leibele," sagteer, „es vird auch in Qarwolin nicht so bleiben. Euer Standpunkt ist wohl nicht ganz der richtige, denn andere rroße Talmudisten haben bereits den Erez-Isroel-Essogim den Vorrang zuerkannt. Die Korfu-Essrogim ind meistens eingepfropft und sogar zuweilen „nicht der Wurzel und des Saftes teilhaftig", während die Hrez-Isroel-Essrogim, wenn sie auch im Zartwerden Mch nicht so zierlicn gestalten, von reiner Kultur sind. Ihr : eht, Reb Leibele, ich habe meinen Talmud auch noch i n Kopfe. Also seid Ihr auch rituell im Unrecht. Aber tjr mich ist das nicht die Hauptsache. Für mich hat tin Essrog einen Wert nur, sofern er aus Palästina stammt. Der Erdgeruch, das wunderliche Aroma i nseres Bodens, — das ist es, was mich festlich stimmt. Tnd die „Qeula" werden wir anbahnen, denn wahrlich, ls geschehen heute noch Zeichen und Wunder: das I and wird bebaut, und die Frömmsten im Lande sind i icht die Augenverdreher, sondern die wackeren .rbeiter. . Wir werden uns eine neue, sichere, herrliche I xistenz aufbauen, alle zusammen, die Strengreligiösen, t ie Halbreligiösen, die Freisinnigen, die Alten und die . ungen — alle Juden! Wir werden das alte Leid verl essen und die alte Streitaxt dort am Rande des Feldes, las wir alle bebauen werden, begraben!" Seine Stimme bebte und seine Augen leuchteten in 1 idenschaftlichem Feuer. Während Mendel sich ganz warm geredet hat, t atterte Reb Leibele in dem vor ihm liegenden Foliant. ber er hörte nichtsdestoweniger aufmerksam zu. Es 1 itte für ihn ein pikantes Interesse, einen Apikoros, s prechen zu hören — hatte er doch so selten Qelegen- 1> -it dazu, — es bestand für ihn gar kein Zweifel, c; iß so spricht der Jetzer Hora21). Er brachte das Gespräch, etwas gereizt, zum Abs hluß: „Fixe Ideen, junger Mann. . . . Einige haben!• attir2*) gewesen, aber die größten Rabonim und;ute Jüden"2*) kaufen keine Erez-Isroel-Essrogim, s ndern Korfu. Ich habe die meisten Erez-Isroel-Essr« gim gesehen — Kartoffeln! Qrüne Kartoffeln! W7as s.hön ist schön — ein Hodor ist ein Hodor! Rache n hmen an den Griechen, weil man Juden geschlagen h t? Sicherlich war es „vom Himmel"! Sind wir ja ii Golus! Gottes Wille wird unter allen Umständen M schehen. Die Apikorsim finden einfach Gefallen an H ez-Isroel-Früchten! Da gibt's keine Vernunftsgründe. H ist eine Mitzwah, es stecken darin „Geheimnisse der ( heimnisse", — da ist nicht zu klügeln. Hier in |i rwolin kommen Sie auf keinen grünen Zweig, it iger Mann. Sie haben hier mit Ihren Neuerungen n hts zu suchen...." ,8) Der Name eines Wundertäters, der für die Spenden als Patron genannt wird. ,y) Verschönerung der Erfüllung eines Gebots. 2i,j Prachtexemplar. 2i) Der böse Trieb. 2?) Rituell gestatten, "j Wunderrabbis. Mendel verabschiedete sich und ging. Reb Leibele begleitete ihn mit mißtrauischen gehässigen Blicken. Mendel hatte den Eindruck eines Inquisitionsgerichts. Er wurde durch die letzten Worte Reb Leibeies aufs Peinlichste berührt. Es war ihm, als würden Gedanken, die er sich selbst noch nicht zu gestehen wagte, die im Dunkel seines Innern schliefen, von unerbittlicher Hand ans Tageslicht gezerrt. Empfand er ja das Jüdische; durch die Zionsbestrebungen gewannen für ihn auch die Symbole eine wahre Unmittelbarkeit; sie wurden in einen handfesten Rahmen gespannt, sie wurden — Leben. Und hier, welche Verstocktheit und Versteinerung! Eine Mystik, die alles Lebendigvolkstümliche ins Traumhafte und Unwirkliche verflüchtigt und auflöst, — ganz wie bei den Assimilationspredigern, nur in einer anderen Form. Wie unsäglich traurig war das! Wo waren nun all die schönen Hoffnungen, die er gehegt hatte? Wo all die Zuversicht und die schönen Zukunftsträume? Etwas entsetzlich Ödes und Schreckliches tauchte vor ihm auf: „Keine Neuerungen!" Er ging nach der Kahalstube und betrachtete wehmütig seine diesjährige Palästina-Essrogim-Ausstellung. Kartoffeln, — dachte er sich, — das ist ja geradezu eine Frechheit. Es sind wunderbare Exemplare darunter — ohne Knoten und Spitzen, zart, und welche Nuancierungen! Smaragdgrün mit einem kanäriengelblichen Unterton, manchmal tieflila, mit azurblauen Fleckchen. Es ist sogar ein Exemplar mit einer förmlichen Pitmah, — eine energische Entwickelung der Spitze. Daß man diese Essrogim, weil sie aus Patästina kommen, niedriger einschätzt, ist ja der beste Beweis, daß die Leute gar nicht wissen, was sie tun und denken. Wie die Heiden ihre Gebetsmühlen drehen, leiern sie ihre angewohnten Formeln. Dieser Gedanke verletzte sein Pietätsgefühl, und er korrigierte sich selbst im Geiste. Das Volk versteht doch die Sache besser, werden ja schon Palästina-Essrogim gekauft, es hat einen Kampf gekostet, aber es geht doch vorwärts. Die Leute kaufen schon und werden immer mehr und mehr kaufen, und das Geld wird in Strömen nach Palästina zufließen, und die Kolonien werden aufblühen. Ja, wenn nur die Zeloten nicht da wären. Die Reb Leibeies verderben das Volk! Der alte Maskil schrie in ihm: Ami, measchrejcho mathim 24). Er bemerkte nicht, daß der liebe Schalk , Jukele4 neben ihm stand und pfiffig-mitleidig lächelte. Jukele trällerte halblaut irgend eine Rosch-Haschanoh- oder Jom-Kippur-Melodie. Er kniff die Augen zusammen und sagte: „Schöne Ssojre" 2V), aber ein unbeholfener Ssojcher26)! „Seien Sie so gut, Jukele, und lassen Sie die faulen Witze," — unterbrach ihn Mendel. „Ichbinjetzt", — sagte er ernst, — „zum Witzeln gar nicht aufgelegt." Er schilderte ihm seinen soeben ausgefochtenenZwiekampf mit Reb Leibele und das klägliche Resultat. Jukele erwiderte: „Eine Bitte habe ich an Sie — für die Sache, die mich nicht weniger als Sie angeht, obwohl ich sie in meiner Weise vertrete. Sie ziehen sich sofort von diesem Essrogim-Handel zurück. Schreiben Sie und reden Sie für die palästinensischen Kolonien, soviel Sie wollen; hier, für diese paar Tage vor Sukkoth überlassen Sie mir den Essrogimverkauf! 24) Mein Volk, deine Führer verleiten dich. 25) Ware. 26) Kaufmann.

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