Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 39 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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die sie sich mit rücksichtsloser Hingabe ihrer ganzen Kraft einsetzen konnten. Erst mit dem Aufflackern des Choveve-Ziontums in den achtziger Jahren haben die Haskalahjünger den morschen Plunder von sich geworfen und nicht nur lebendige Stimmungen geweckt, sondern auch greifbare Ideen für sich selbst und die anderen geschaffen. Auch diesmal haben sie ihre Phantasie mit herrlichen, vielleicht zu herrlichen Bildern belebt, aber das Objekt war da — nicht der Measplnml-)-Frühling nach Schiller, oder die allgemeine Aufklärungsromantik der Dämmerseelen, die sich in Abstraktionen auslebte, sondern — eine Nation, ein Land, eine Kolonie! Auch hier machte sich die Phrase breit; man operierte auch hier mit Bibelversen und man baute Wolkenberge von Projekten, aber es war doch ein konkreter Kern darin, mag er auch noch so klein gewesen sein. Mendel war ganz von dieser Idee ergriffen. Er hatte große umfassende Pläne für die Förderung der Arbeit und die Wiederbelebung des Landes. Allerdings stand er damit nicht völlig auf dem spröden, harten Boden, sondern fußte zur Hälfte in den lichtblauen Höhen eines selbstgeschaffenen Traumlandes. So hielt er es für bare Münze, wenn ein enthusiastischer Artikelschreiber in einem hebräischen Blatte ausrechnete, daß man Millionen Rubel jährlich von dem Essrogimverkauf für Palästina einnehmen könnte, denn — „jeder vermögende Jude muß ja einen Essrog kaufen, und da die Zahl der Juden so und so viel Millionen beträgt'* usw. Die ganze Macht der Trägheit und des Vorurteils in der Kehilla richtete sich gegen Mendel. Es war ihm oft genug zumute, als müsse er die Flinte ins Korn werfen. Jeder Tag gab auch seinem festgefügten Idealismus einen harten Schlag nach dem andern, aber zu erschüttern war dieser Idealismus nicht. Im Gegenteil! Mendel setzte seine Bemühungen fort, bis endlich schon einige Essrogim Eingang gefunden hatten. Aber er begnügte sich nicht damit. Er wollte die „mit jüdischem Blut getränkten", aus Korfu stammenden Essrogim, ganz ausrotten. Aber auf dieser verhaßten Frucht lag eine Gloriole: Reb Leibeie Lande! Reb Leibele blieb vom Strome der Zeit unberührt. Ein Korfu-Essrog war für Reb Leibele etwas Unentbehrliches und Selbstverständliches — ganz wie Tiktiner Tephillin, wie ein Dubrownaer Talith, ja noch mehr: wie koscherer Wein zum Kiddusch. Mendel hatte schon einmal ■— bei der Talmud-Thora-Frage — das Feld geräumt. Das war die Haskalahzeit, da konnte man Kompromißler sein, denn da war kein ernstes Wollen. Meinetwegen sollen die Talmud-Thora-Kinder weiter leiern: „Kumetz Aleph U!" Albernheiten! Reb Leibele meint, Engelscharen werden durch den Singsang erschaffen, — es bleibe dabei! Aber um Gotteswillen, Essrogim, palästinensische Frucht, ein Symbol historischer Erinnerung und eine Einnahmequelle für unser Volk, für unser Land, — dieses Gut den griechischen Prassern preiszugeben, das ist zu stark! Es war vor dem vierten Sukkoth der Palästina- Essrogim-Campagne, als sich Mendel entschloß, Reb Leibele zu besuchen, um ihn für die gerechte Sache zu gewinnen. Mit bänglichem Herzklopfen betrat er die Studierstube Reb Leibeies. Es war ihm, als trüge er Blei in den Füßen. Ganz gebückt saß Reb Leibele über dicken Folianten,denen man die trockene Gelehrsamkeit schon von außen ansah, — große, starke Bände her- 12) Titel der ersten neuhebräischen Sammelschrift. kömmhxher Weisheit. Er hatte an sich etwas Unnahbares, die starre Ruhe eines Menschen, der in einer andern Welt lebt. Sein Gesicht war bleicher als gewöhnlich — die Kasteiungen und Askesen des Elulmonats und der ersten zehn Tage -des Tyschri hatten seine Züge verfeinert und seine Augen noch mehr vertieft. Vor ihm lag ein altes Buch mit zerknitterten Rändern. Es war die Massecheth Sukkah13). Er war im Studium des Abschnittes „Lulaw Hagozul" 4) ganz vesunken. Bescheiden und vielfach stockend brachte Mendel zunächst sein Anliegen wegen der Annahme eines Erez- Isroel-Essrog, dener ihm anbot, vor, indem er dabei auf eine Stelle in dem offenliegenden Talmudtraktat anspielte. Aber Reb Leibele ließ ihn gar nicht erst zu Ende kommen. „Sie sind der junge Mann .... Kaplans Eidam . . . Sie mischen sich in Angelegenheiten, um die Sie sich nicht zu kümmern haben .... Man hat mir so etwas erzählt . . . Talmud-Thora . . . Zeitungen . . . neue Essrogim . . . Nein, junger Mann! — Lassen Sie mich in Ruhe!" In seiner Stimme zitterte der verhaltene Zorn. Mendel erwiderte ruhig: „Reb Leibele, laßt Euch keine Geschichten vorsagen. Ich dränge mich nicht vor. Im Gegenteile, — ich komme, um Euch ins Gewissen zu reden, damit Ihr die Essrogimangelegenheit übernehmet. Es handelt sich um Erez Isroel. Wir tun unseren Brüdern in Erez Isroel ein ebenso bitteres Unrecht wie uns selbst, indem wir unseren Feinden das Geld, mit dem man so viel Gutes stiften könnte, hinwerfen. Unsere Brüder in Erez Isroel legen sich die härtesten Entbehrungen ajjf, um sich im Lande zu erhalten, manche junge Leute haben sich aus, Karriere und Wohlleben in Armut und Not freiwillig versetzt, um den geweihten Boden zu bebauen. Sie arbeiten dort mit dem Pflug, der die Wege der Zukunft bahnen soll, — und wir bevorzugen die judenfeindlichen Ausbeuter, wo es sich um die Erfüllung eines Gebots handelt! Das ist ein Chilul-Haschem1*), — und, „wo ein Chilul-Haschem zu befürchten ist, soll man auch auf den Raw keine Rücksicht nehmen." Deshalb bin. ich zu Euch gekommen, um Euch die Sache zu erklären. Ich bin sicher, daß es nur ein Mißverständnis sein kann. Ich kann nun mal nicht über die Empfindung hinwegkommen, daß ein Jude wie Ihr ein Chowew-Zion sein muß" . . . Reb Leibele umklammerte die Armlehnen seines Sessels mit zitternden Händen und sah Mendel prüfend von der Seite an. Ob der es wohl ernst meinte? Er selbst hatte bis jetzt noch keinen Gedanken auf diese „Weltsachen" verschwendet. Er fuhr mit der Hand über die Stirrr, um störende Vermutungen zu verscheuchen. Erez-Isroel, das von Sagen und Wundern übersponnene, zehnmal heilige Land — sein Erez-Isroel — es machte auf ihn fast den Eindruck einer Entweihung, daß dieser junge Mann ihm Moral predigte wegen Erez-Isroel. Ein schmerzlicher Zug legte sich um seinen Mund. — „Ja, ich erinnere mich, etwas davon gehört zu haben. Die Apikorsim, die Neuerer — sie wollen mekarew1*) sein, die Geula17). Blödsinnige Idee! Ketzerei! Daß die sich dort breit machen, — das ver- ,3) Talmudtraktat, das Laubhüttenfest behandelnd. 14) Abschnitt wegen der Vorschriften, die den Lulaw betreffen. lö) Entweihung des göttlichen Namens. lü) Beschleunigen. 17) Die Erlösung.