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Die Welt · 1907-09-27 · 39 (27.9.1907) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
39 (27.9.1907)
Date
1907-09-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 39 ELT 11 OH□□□□□□ o o V- -o FEUILLETON £H£j) § EIN BOTE DER FREUDE Von N. SOKOLOW (Schluß) In seiner Haskalahl)-Periode war Mendel ein Halbwisser, ein seichler Aufkläricht mit einem unfruchtbaren Pathos und einer überschwenglichen Begeisterung für jede wohlklingende Melitza2)-Phrase. Es war ein Girren und weichliches Schwelgen in biblischen Redewendungen und in einerliberalen Chakirah8). Frühlingsliedchen wurden gesungen, der Mondschein angeschwärmt und sanfte Hirten im stillen Tal durch hebräische Verse verherrlicht. Ks war eine kindliche Ewigkeitsträumerei, heilig und keusch, eine gewisse Sehnsucht nach Schönheit, nach Frische, nach Natur; eine Sehnsucht, voll Güte und Reinheit und Uneigennützigkeit, aber verschwommen und zwecklos. Die Wenigen, die sich aus der hohlen Pathetik herausgerungen haben, haben aufgehört, sentimentale Maskilim zu sein. Das waren die stärkeren Naturen, von außergewöhnlicher Begabung, die als Autodidakten sich zu einer wissenschaftlichen oder literarischen Karriere durchgearbeitet hatten. Die meisten ermatteten rasch und versanken müde in ein heimliches, naives Spinnen unklarer und unerreichbarer Gedanken. Besonders wrar dies der Fall bei denjenigen, die das Geschick nach den gottvergessenen Schlupfwinkeln der kleinstädtischen Ghettos verweht hat. Manche haben die Haskalah als Jugendtorheit aufgegeben, kümmerten sich blutwenig um den Untergang ihrer ehemals geliebten Märchenwelt und wurden trockene Geschäftsmenschen. Sie hatten keinen Gedanken für etwas anderes übrig als praktisches Leben und soziale Stellung in der Kehilla. Andere sind unter dem Drucke elender Verhältnisse Baale-Teschuwa4) geworden, sagten sich von den ketzerischen Bestrebungen los und ereiferten sich nicht nur, gesetzgetreu zu leben, wie die Schrift befiehlt, sondern auch ihre früheren Gesinnungen mit großer Emphase öffentlich zu brandmarken. Es waren aber auch einzelne, die einen lebendigen Verkehr mit denHaskalah- Zentren pflegten und die, wenn sich die Gelegenheit ergab, oder wenn es der Augenblick erforderte, keinen Kampf gegen veraltete und rückständige Anschauungen scheuten. Es waren aber mehr Stimmungen als Ideen, die diese Kämpfer belebten. So hatten z. B. die vorsintflutlichen Ordnungen der Talmud-Thora5) Mendel zu Protesten und zur Ausarbeitung von Verbesserungsplänen angeregt. Erfühltesichum so mehr dazu berechtigt, da sein Schwiegervater die Hälfte der Kosten freigebig beigesteuert hatte und er, als „gwirischer5) Eidam", in das Gabaim-Komitee gewählt worden war. Er hatte auch wohlgegründeten Anspruch darauf, alsTalmudistzugelten, und wenigstens waren seine talmudischen Kenntnisse hinreichend, um eine eigene Meinung über die Unterrichtsmethode in der Talmud-Thora zu haben. Nach einer längeren Beobachtung gelangte Mendel zu der Überzeugung, daß beim Unterricht im Hebräischen zehnmal so viel Zeit vergeudet wird, als nötig wäre. Er meinte, man wiederhole ganz überflüssigerweise den Buchstaben und die Benennung des Vokalzeichens, wie z. B. „Kumetz Aleph U'\ während man einfach den Buchstaben mit dem Zeichen so aussprechen könnte, wie er ausgesprochen wird, ohne dabei den Namen des Vokalzeichens zu leiern. Ein scharf durchdringender Blick des alten Obergabbai traf den Neuerer, als er seiner Auflehnung gegen die Autorität des Minhag6) Ausdruck gab. „Unsere Awoss awossenu7) haben so gelernt, und so wollen auch wir lernen", — donnerte es über ihn wie ein Krupp'sches Geschütz her. Er sah den alten non-possumus-Mann mit weitgeöffneten Augen an. „Wo steht es denn," fragte er erstaunt und scharf, — „daß man „Kumetz Aleph U" leiern muß?" Der Obergabbai war mehr fromm als gelehrt und konnte die Quelle nicht angeben. Er stammelte: „Ja, est ist einmal so, ■— es geht halt nicht anders." Mendel ließ sich nicht davon abschrecken, auch die anderen Gabbaim wegen der Abschaffung des Mißstandes zu bearbeiten. Er hatte es sogar schon bei seinem Schwiegervater durchgesetzt, die weitere Unterstützung der Talmud-Thora von der Abänderung der veralteten Leseunterrichtsmethode abhängig zu machen, und dies gab den Leuten viel nachzudenken, denn ohne diese Unterstützung konnte die Talmud-Thora nicht existieren. Aber da warReb Leibele Lande der Retter in der Not. Reb Leibele sagte: „Das Aussprechen von „Kumetz Aleph U" darf nicht aufhören. Es hat eine ganz besondere Bedeutung: es ist der Ssod von „Hawal p rem schel hynokoth schel beth abon8) — Engel werden in dieser Weise erschaffen." Er sagte es im ["lüstertone einem der Getreuen, der alte Kaplan wurde eingeschüchtert, und Mendel mochte kein Engelmörder sein. Der Kehilla- Satyr, Jukele, hatte damals seiner überschäumend tollen Laune Luft gemacht. „Kaplan gibt das Geld, und sein Eidam wollte Garwolin um seine Malochim9) bringen. Es wäre doch wirklich ein Loch im Himmel entstanden!" So endete der erste weltverbessernde Adlerflug Mendels. Es mußte so kommen, weil der schwärmerische Maskil noch selbst nicht genau wußte, was er verlangen sollte. Die damaligen Begriffe ließen noch in keiner Weise ahnen, daß man binnen kurzem einen „Cheder Methukon"10) und „Iwrith Beiwrith"11) einführen könnte. Und so war es auch bei allen Zeit- und Streitfragen. Die Halbgebildeten haschten nach einem Phantom, aber sie hatten keine bestimmten Forderungen, für ') Aufklärung. *) Musivstil. 8) Philosophierende Scholastik. 4) Büßer. ö) Reicher Mann. ö) Brauch. 7) Unsere Eltern und Großeltern. 8) Der Hauch aus dem Munde der Schulkinder. 9) Engel. 10) Reformiertes Cheder. 11) Hebräisch als Vortragssprache.

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