Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 37 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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12 J lE^KE LT No. 37 sehr bald Armeen von Plünderern einstellen, trat damals nicht weniger, sondern in noch weit größerem Maße zutage. In kleineren Ortschaften nimmt oft die gesamte Einwohnerschaft am köstlichen Spaß der Judenhatz teil, aber die Freude an der Vernichtung des Judenguts weicht gar schnell der Freude am Gut selber. In einer Beziehung unterschied sich der damalige Pogrom wesentlich von einem modernen: er war nicht durch eine vorangehende „patriotische Manifestation" geheiligt, da diese Heuchelei erst seit dem Kriege mit Japan zu Ehren gekommen ist. Damals mußte irgendein Vorwand gesucht werden, weil es zu jener Zeit nach den Begriffen der verschämten Pogromler nicht angängig schien, so ohne weiteres einen Exzeß vom Zaune zu brechen. Allein für den nötigen Vorwand zu Händeln mit irgendeiner Krämersfrau oder einem jüdischen Handwerker war gewöhnlich im voraus gesorgt; auch damals gab es finstere Mächte, die im Hintergrunde für die normale Abwicklung des Prozesses gründlich vorzuarbeiten pflegten. War aber erst der Pogrom geschickt eingeleitet, dann ging er auch wie nach dem Schnürchen methodisch weiter. Stundenlang, ja tagelang dauert die Hetzjagd an, die Luft mit dem wilden Hallo der aktiven Exzedenten, dem Jubeln und Johlen der raubenden festlichen Masse, dem Geschrei der Geängstigten und Gestöhn der Mißhandelten, Verhöhnten, Vergewaltigten erfüllend. Die Straße wird immer mehr mit Kram und Bruchstücken bedeckt, ungeschickte Hände, die nichts Besseres finden, greifen auch aJiier zu, überlegte, solidere Menschen stehen mit Fuhren und erraffen schon das Nötige. Drinnen aber, in irgendeinem Keller, auf einem Boden oder in einem anderen Ver steck sitzen die Inhaber dessen, was zertrümmert oder öffentlich geraubt wird, harren und harren des Momentes, da ihre Habe schon vernichtet sein und ihre Lebensgefahr möglicherweise ein Ende haben wird. Ihre Spannung, die in ihrer stärksten Zuspitzung nur tagelang währt, geht über die Zeitläufte hinweg und verlängert die Wirklichkeit um Jahrhunderte nach rückwärts, um Jahrhunderte nach vorwärts. Und in ihrem Zittern fühlt auch die anspruchsloseste Seele die Erniedrigung. Die drohende Gefahr multipliziert die Schrecken, von denen man hört, durch die Gespenster der Furchtsamen und schafft eine Atmosphäre von unend liehen Qualen. Denn die Sehnsucht nach Leben ist stärker ah alle Gefühle und wird zur größten Pein. Glücklich, fieberhaft glücklich sind diejenigen, die bei einem Christen ein Asyl ge funden, manchmal auch nur erbettelt haben. Für die Empfind licheren welch ein peinliches Gefühl! Sie können dann von sicheren Versteck aus besser, genau beobachten, wie es ihrer Leidensgenossen ringsherum geht, wie der Mensch gegen der Menschen wütet. Doch auch ein Judenpogrom nimmt einmal ein Ende, sei es, weil der Bedarf gedeckt ist, sei es, weil die sogenannt Staatsordnung sich hineingemischt hat. Dann steigen die Verfolgte; aus ihren Löchern hervor, und im Gefühl völliger Ohnmacht werde; sie nunmehr erst des ganzen Jammers ansichtig, den Menschenhänd für sie geschaffen haben. (Fortsetzung folgt.) o o o o o o o o o o o o o o J) AUS DER BEWEGUNG o o O O O O O il lk o o o o o o o IV. KONFERENZ DER RUSSISCH-ZIONISTISCHEN LANDSMANNSCHAFT IM HAAG (Schluß) Nachdem Ussischkin als Referent für die Palästinafragen in einem Schlußwort auf die in der Debatte erhobenen Einwände geantwortet hatte, wurde zur Beschlußfassung über die von ihm einerseits, Dr. Tschlenow anderseits* vorgelegten Thesen geschritten. Es entspann sich jedoch über diese Thesen abermals eine längere Debatte, die das Ergebnis hatte, daß die Vorschläge Ussischkins und Tschlenows, soweit sie von der Versammlung akzeptiert wurden, den in Helsingfors angenommenen Palästina-Resolutionen angefügt wurden. Obwohl die schließlich angenommenen Resolutionen durch die zwischenweiligen Beschlüsse des achten Kongresses teilweise ratifiziert oder modifiziert wurden, halten wir es doch für wichtig, sie in vollem Wortlaut folgen zu lassen. Resolutionen, betreffend die Palästinaarbeit Die Konferenz hält den prinzipiellen Teil der Helsingforser Resolution, betreffend die reale Arbeit in Palästina, aufrecht, welcher folgendermaßen lautet: „In der Erkenntnis, daß eine allseitige Entwicklung unserer Positionen in Palästina ebenso wie die systematische Vorbereitung des Landes selbst für den Zweck einer öffentlich-rechtlichen Heimstätte für das jüdische Volk einen organischen und wesentlichen Teil der Konzeption des politischen Zionismus ausmacht, entsprechend dem Punkt 1 des Baseler Programms; in weiterer Erkenntnis, daß eine abwartende Haltung in dieser Hinsicht der Festigkeit und der Fruchtbarkeit unserer Bewegung schaden kann, daß unser Kampf für Palästina ohne die Erreichung wesentlicher Resultate in dieser Richtung auf dem politisch-diplomatischen Boden nicht das entsprechende Gewicht und die nötige Kraft haben wird, verlangt die Konferenz von unseren Exekutivorganen eine unbeugsame, energische und planmäßige Arbeit in Palästina parallel der politischen Tätigkeit und im Einklang mit dem politischen Charakter unserer Bewegung. „In Anbetracht dessen, daß eine Kolonisation, welche die Etablierung einer autonomen Gesellschaft zum Zweck hat, in den ersten Stadien einen planmäßigen Charakter tragen muß, — denn nur auf diesem Wege kann der Boden für eine zukünftige Massenimmigration geschaffen werden, — erkennt die Konferenz, daß das Ziel der realen Arbeit in Palästina einerseits die Schaffung ein■ s Komplexes von Bedingungen für eine natürlich anwachsende Einwanderung jüdischer Massen, anderseits die Sicherung des jüdisch:;] Einflusses im kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Leben in Palästina sein muß." Diese Resolution als eine Interpretation des Punktes 1 des Baseler Programms dem Kongresse empfehlend, akzeptiert die IV. Russische Konferenz folgende konkrete Vorschläge zur Vorlage an den Palästina-Ausschuß des Kongresses: 1. Die Konferenz anerkennt die prinzipielle Wichtigkeit und unbedingte Notwendigkeit der Errichtung einer Agrarbank oder einer analogen Institution für langfristigen Kredit in Palästina u;!d macht unseren Exekutivorganen zur Pflicht, zum nächsten Kongreß einen durchgearbeiteten Plan einer solchen Institution vorzulegen. 2. Die allseitige Erforschung des Landes sowie die Leiting unserer unmittelbaren Palästinaarbeit muß in einer speziellen Errichtung in Palästina selbst konzentriert werden unter Kontrolle unserer Zentralorgane. 3. Bei der Entwicklung des Informationsdienstes muß uru-er Palästinaressort sich bemühen, diesen Dienst in seinen Händen -u konzentrieren und es sich angelegen sein lassen, nicht nur eii-n Nachrichtendienst zu pflegen, sondern auch der Initiative von Personen und Gruppen, welche ihre Arbeitskraft oder ihre Kapitalen in Palästina anlegen wollen, entgegenzukommen, wobei für diesen Zweck ein hinreichendes Budget geschaffen werden muß. 4. Der Kongreß verweist das Aktionskomitee darauf, daß Heranziehung der autochthonen Elemente zum Landankauf und znr landwirtschaftlichen Arbeit eine ebenso wichtige wie spruchreife Aufgabe ist. 5. Die Exekutivorgane müssen der Verbesserung und der zweckmäßigen Einrichtung der Schulen in Palästina eine besondere Aufmerksamkeit schenken. Zu diesem Zweck soll ein Schulfonds erschaffen werden.