Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 37 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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- Konotop 1× ep/2454000
- Lubny 1× ep/2033847
- Odesa 1× ep/1000834
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No. 37 DIE ELT 11 1891, in Jusowka 1892, in Spola 1897, in Nikolajew 1899, und andere kleine Scharmützel ausgefüllt, die völlig ausreichen, um die Juden in Rußland niemals zu absoluter Ruhe gelangen zu lassen. Dieser Seelenzustand der Millionen Juden wird noch dadurch bis zur Unerträglichkeit verschärft, daß die gleiche Zeit zur Schaffung einer Unzahl von gesetzlichen Beschränkungen dient, die zur Untergrabung ihrer materiellen Existenz, zu ihrer völligen Einflußlosigkeit im öffentlichen Leben und zu ihrer Herabwürdigung in den -Augen ihrer Mitbürger führen. Denn die allgemeine Bevölkerung hat sich allmählich daran gewöhnt, daß das Gesetz nicht dazu vorhanden ist, die Juden zu schützen, sondern bezüglich der Juden einzig und allein den Zweck verfolgt, sie in ihrer Schaffenskraft zu hemmen und sie auf die Stufe einer niedrigeren, mders einzuschätzenden Klasse herabzudrücken. Jahraus, jahrein lat die russische Masse beobachten können, wie die Juden durch drakonische Gesetze vom Felde und aus dem Dorfe herausgedrängt, vie ihnen hintereinander und meist unvermittelt ganze Erwerbs- :weige entzogen, wie sie trotz ihres hohen Kulturniveaus der Bildungsmöglichkeit und der Anteilnahme an liberalen Berufen md der Stadtverwaltung immer mehr beraubt uiid mit einer zahllosen Folge von Ausnahmegesetzen umzäunt werden. Doch über Heses Leidenskapitel der russischen Juden muß und soll ausführlicher gesprochen werden. Denn wer kann bestimmen, welche Pogrome iir die Juden verhängnisvoller sind, ob die gewalttätigen Überfälle;aßerfüllter, bezw. aufgehetzter Volksmassen und interessierter Uireaukraten und Polizeispitzel oder der permanente Pogrom in;:orm raffiniert ausgeklügelter Ausnahmegesetze. Wer allerdings einen handgreiflichen Pogrom erster Sorte erlebt i at, wird diese Frage nicht anerkennen. Denn nicht die materiellen nd realen Ergebnisse des Pogroms sind die größte Pein, sondern as Erlebnis selber, die Zusammendrängung aller 'Gefühle der Entürdigung und Angst. Dies haben die Juden gleich vielleicht arn )tensivsten im Jahre 1881 empfunden, als über sie der Hagel von ) ogromen hereinbrach. II. Das Territorium, das die Pogromepidemie der achtziger Jahre v faßt hat, deckt sich, soweit der jüdische Ansiedlungsrayon in I etracht kommt, im wesentlichen mit dem Gebiete der Oktober-! awalle. Abgesehen von Polen, das ob seiner differierenden itionalen Verhältnisse und politischen Kombinationen einer benderen Betrachtung unterzogen wird1), waren es damals wie i uerdings innerhalb des eigenartigen russischen Ghettos die - genannten südwestlichen, kleinrussischen und neurussischen v ouvernements — Kiew, Podolien, Wolhynien, Tschernigow, Polt wa, Cherson, Jekaterinoslaw und Taurien —, in denen größere ' 'er kleinere Kämpfe (in Wolhynien und Taurien ganz schwache) i: ter dem Zeichen der Rassenverschiedenheit ausgefochten wurden. / i realen Ergebnissen, den jetzigen Pogromen auch nicht » nähernd gleichkommend, waren indes auch die damaligen Exzesse i :ht, wie vielfach versichert wird, so harmloser Natur, waren für d ' Generation, die sie erlebt hat, wahrhaftig kein Kinderspiel. I ar gab es, Balta ausgenommen, nur vereinzelte Mordtaten (so i! Smjela, in Kiew nebst der Vorstadt Demiewka, in Odessa einen i U u. a. m.), aber die zahlreichen Mißhandlungen, Verwundungen ii'-J Vergewaltigungen vermochten auch damals schon einen heillosen 'irecken einzujagen, während die furchtbaren Demolierungen und ' inderungen im wirtschaftlichen Leben der russischen Judenheit t' e lange anhaltende, noch bis dahin nicht dagewesene Perturbation 1 vorriefen. Vier von den Städten, die in der jüngsten Pogromt ')che nach wahrhaften Schlachten in temporäre Trümmerhaufen v wandelt wurden, Jelissawetgrad, Kiew, Balta und Jekaterinoslaw, d auch in den Jahren 1881 bis 1883 einem ähnlichen Schicksal v fallen. Dazwischen gab es noch eine lange Reihe anderer Städte 1; 1 Ortschaften, in denen die Pogromexzesse zwar nicht immer so ') Siehe den Aufsatz: Die Pogrome in Polen. gewaltige Verwüstungen angerichtet, aber doch mehr oder minder tiefe Spuren hinterlassen haben. Es seien nur genannt: Golta, das völlig ausgeplünderte Beriosowka, Smjela mit seinen rohen Mißhandlungen, Orechow, Alexandrowsk, Ananjew, Konotop, Odessa, Obuchow, Perejaslawl, Borispol, Nieschin, Lubny, Borsna, Itschna, Nowaja-Praga, Snamenka, Alexandria, Letitschen, Jekaterinoslaw; den Pogromen in den Städten folgten massenhafte Ausschreitungen in den Dörfern, deren Aufzählung schon deswegen nicht gut möglich wäre, weil über die meisten dieser Pogrömchen überhaupt keine Mitteilungen in die Öffentlichkeit gedrungen sind. Daß diese Pogrome, wie gesagt, nichts weniger als harmlos gewesen sind, beweisen einige Daten aus den Berichten verschiedener Komitees. Das Kiewer Hilfskomitee, das vor allem der Stadt Kiew nebst Umgegend zu Hülfe kam und in der Zeit von Mai bis zum 1. Oktober 1881 die stattliche Summe von 218 500 Rubeln (135 000 aus dem Ausland und 83 500 aus Rußland) zusammenbrachte, hatte schon in den genannten fünf Sommermonaten Gelegenheit, 16 Städten und Flecken sowie 53 Dörfern seine Hilfstätigkeit angedeihen zu lassen. Abgesehen von dem zum Bereich des Kiewer Hilfskomitees gehörigen Smjela und Nieschin, die in den Bericht noch nicht einbezogen waren, verteilten sich die gewährten Subsidien auf 4787 Familien, die 24 160 Seelen zählten. Der Schaden dieser Betroffenen betrug ungefähr 2 475 000 Rubell), wozu noch das schwer heimgesuchte Smjela und Nieschin, das allein um ca. 30 000 Rubel geschädigt war,* hinzukamen, so daß der direkte Gesamtverlust in dem Gebiet, mit dem es das Kiewer Komitee zu tun hatte, weit über 3 Millionen hinausging, wobei der sehr beträchtliche Schaden jener zahlreichen Familien, die überhaupt keine Hülfe bezw. nur Darlehen beansprucht haben, gar nicht berücksichtigt ward. Über ein anderes Gebiet, das Gouvernement Cherson, erfahren wir aus den Berechnungen der vom Chersoner Gouverneur eingesetzten Schadeneinschätzungskommission, daß in dem einen neu russischen Gouvernement im Sommer 1881 3 Städte, 2 Flecken, 42 Dörfer und 1 Eisenbahnstation Verluste im Betrage von 2 534 300 Rubeln, darunter Jelissawetgrad allein den horrenden Betrag von 1 911400 und das Nest Beriosowka 450 000, erlitten haben1); sicherlich ist jedoch diese offizielle Summe nicht zu klein bemessen. Rechnet man noch einige Ortschaften, die weder zum Rayon des Kiewer Komitees gehören, noch im Gouvernement Cherson gelegen sind, so ergibt sich als Gesamtschaden der südrussischen Judenheit allein im Jahre 1881 die Summe von 6—7 Millionen Rubeln, was bei dem derzeitigen Geldwerte für die arme jüdische Bevölkerung von ungeheurer Bedeutung gewesen ist. Die Pogrome des Jahres 1882 und 1883 haben nach einer Summierung der verschiedenen Berichtsangaben den Schaden der südrussischen Judenheit um etwa zweieinhalb Millionen erhöht, so daß wir nicht fehlgehen, wenn wir ihn für die gesamte erste Pogromepoche auf 8—9 Millionen Rubel beziffern, woran nach unserer Zusammenstellung mindestens 60 000 Juden partizipiert haben. Das Bild der ersten Pogrome trug schon die Keime des raffinierteren der neuesten Zeit in sich. Zuerst beginnt eine verhältnismäßig unbedeutende Gruppe den Exzeß; dann wächst sie meist lawinenartig an und verübt den Vernichtungsprozeß in einer gewissen Ordnung: Laden nach Laden, Wohnung nach Wohnung, Straße nach Straße, — also geht es immer weiter. Die Scheiben klirren, unansehnliche Sachen oder schwerfällige Möbelstücke werden zerrissen und zerschlagen; was aber von Werte ist, wird eingesteckt, angezogen, umgebunden, ja heimgeführt. Immer lustiger, immer freier wird die Arbeit. Was gestern als Diebstahl gegolten hat, ist heute wohlerworbenes Recht Die Erscheinung, die an den letzten Pogromen so tiefbetrübend war, daß fast überall, wo ein Pogrom im Ansiedlungsgebiet ausbricht, sich 1) Siehe Russky Jewrei, 1882 No. 6. l) Der Bericht war im »Odcssky Listok« veröffentlicht, von uns nach dem Nachdruck im Rasswet, 1882 No. 21 zitiert.