Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 37 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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liehe Natur so kompromittierenden Taten und Bestrebungen zu den vielgerühmten, glücklichen Kulturzuständen der Gegenwart tieter zu verstehen gelernt und jene unfaßbaren Wildheiten, die uns mit unsern jetzigen Anschauungen am Leben vieler Zeitalter mit Entsetzen erfüllen, philosophischer zu deuten begonnen. Denn wenn das, was gewesen ist, auch wiederkehren kann, so ist es im Grunde stets vorhanden. Allein diese unangenehmen Betrachtungen, die bezüglich der Judenlage in einem pessimistischen Fatalismus sich auslösen, können auch bei den den Juden am wohlwollendsten gesinnten Christen doch nur ein temporärer Reflex in äußersten Momenten sein. Selbst das Interesse humaner Kreise versagt allmählich gegenüber der abnormen menschlichen Erscheinung des Pogroms. Zeitweilig kommen Gefühl und Gedanke in Bewegung, aber bald gewinnt der Instinkt, daß die Ausnahme des Judenleidens auf die sonstige zivilisierte Welt sich nicht erstreckt, daf3 die Kulturmenschheit im allgemeinen und man selber gegen solches Unglück gefeit ist, auch bei vielen, die mit den heimgesuchten Juden mitfühlen, naturgemäß die Oberhand und drängt die in den Exzessen gegen die Juden enthalrene soziale Grausamkeit in den Hintergrund, unter die Schwelle des Bewußtseins. Mehren sich gar die Pogrome gegen die Juden, so pflegen die Sympathien für die Betroffenen sich zu vermindern; wer vermag, denkt mancher, im Labyrinth der politischen und sozialen Zusammenstöße das Recht und das Unrecht so bestimmt abzumessen, wer wird sich erdreisten, ein kategorisches Urteil zugunsten einer Kampfpartei auszusprechen? Zu der Stempelung der Juden zu einer Partei kommt noch hinzu, daß das innere Wesen des Juden, soweit er in der Masse entgegentritt, seinem nichtstammverwandten menschlichen Bruder, zumal in fernen Landen, doch gar zu fremd, wenn nicht gar rätselhaft ist. Wie sollte da das Mitgefühl über die Oberfläche der Tageserlebnisse hinauswachsen? Vermögen doch selbst die Juden in1 den Ländern, in denen Pogrome unmöglich zu sein scheinen, das Leid ihrer Stammesbrüder in seiner ganzen Tragik kaum voll und ganz zu erleben. Wohl empfinden sie die Missetaten, denen Millionen Juden ausgesetzt sind, weit stärker, geraten bei sich häufenden Schreckenskunden in eine starke Erregung und zeigen eine großartige Hilfsbereitschaft, aber auch ihnen bleiben die martervollen Erlebnisse der Verfolgten fremd. Nicht als ob die Grausamkeiten und Brutalitäten, die den Juden im Osten zustoßen, nicht genügend wiedergegeben würden. Denn wenn auch nicht alle Einzelheiten in ihrer erdrückenden Fülle zur Kenntnis des westlichen Judentums gelangten, so ist doch jedenfalls das allgemeine Bild, das schon die Zeitungen bieten, ausreichend, um Schauder und Mitleid zu erwecken. Allein die grausigste Seite des Martyriums der russischen Juden bleibt allen außer den Beteiligten verschlossen, nämlich die Furcht vor dem Pogrom, die nur zu erleben, aber nicht zu kennzeichnen ist. Diese Furcht ist eine Folge der Tatsache, daß die Erscheinung des Pogroms seit sechsundzwanzig Jahren zu einer dauernden geworden ist. Schon gibt es eine jüdische Generation in Rußland, die ein Leben ohne Pogrome nicht kennt. Nicht immer ist es so gewesen. Erst seit dem 15. April 1881 kennt die russische Judenheit jene Erscheinung, die das Leben zeitweilig zur Hölle, beständig aber zur Synthese zwischen panikartiger Angststimmung und sehnsüchtiger Erlösungshoffnung gestaltet: sie kennt den Pogrom. Zwar hatte es auch vorher einige Fälle derartiger Überrumpeluugen gegeben, so in Odessa schon im Jahre 1821, in Akkerman 1SG5 und namentlich in den Ostertagen des Jahres 1871 wiederum in Odessa, doch wurden diese Vorkommnisse, als ein momentanes Unglück, als einmalige Anomalie, nicht jedoch als regelrechter Bestandteil des Lebens betrachtet Es handelte sich jedesmal um lokale Begebenheiten, über die selbst die russische Judenheit, soweit sie davon Kenntnis hatte, gar bald zur Tagesordnung überging. Zudem war keiner dieser Vorfälle mit Ausnahme des Odessaer Pogroms von 1871 von irgendwelcher .Bedeutung gewesen. Vor 18M hielten die russischen Juden Pogrome, die sie kaum dem Namen nach kannten, für unmöglich, bauten felsenfest auf die offiziellen Ordnungshüter und ließen den Gedanken nicht zu, daß in einem Reiche, in dem eine wohlausgebildete Polizei und ein großes Heer besteht, in dem gerade das System der Selbstherrschaft (angeblich einen eisernen Gehorsam erheischt, daß in einem solchen auf europäischen Ruf präzedierenden Reiche vor aller Augen Raub und Mord, Brandstiftung und Frauenschändung stattfinden können, trotz allerGerüchte, die gleich nach demRegierungsantritt Alexanders III. die Luft durchschwirrten, waren sie um ihr Schicksal unbesorgt. Sie wußten zwar, daß ihre Geschichte an grausigen Verfolgungen überreich, daß vor allem Europa in fast allen seinen Teilen mit dem Blut ihrer Vorfahren bespritzt sei, aber seit Jahrzehnten an eine mildere Behandlung, an eine Zunahme der Menschlichkeitsgefühle in der gesamten Welt gewöhnt, konnten sie höchstens den schmerzlichen Gedanken zulassen, daß die russische Regierung unter dem Drang der in ungeheurem Maße anschwellenden antisemitischen Bewegung ihnen gesetzliche Beschränkungen auferlegen, nimmermehr aber physischen Gewalttaten gegen sie stattgeben würde. Zu jener Zeit hatten die russischen Juden, die eben erst die Ghettoschuhe abzustreifen anfingen, geradezu einen kindlich naiven Glauben an das neunzehnte Jahrhundert und die Macht der Kultur und waren überzeugt, daß jegliche Behörde, auch die bestechlichste, bis zu einem gewissen Grade wenigstens von dem kategorischen Imperativ der primitivsten Sittlichkeitsgesetze getragen werde, Ihre Seele wehrte sich in ihrem Innersten gegen die absurde Vorstellung, daß Menschen in einem nach irgendeinem Prinzip geleiteten Staat urplötzlich gar die „Erlaubnis", von der die großen Volksmassen vor den Pogromen schon sprachen, sei es auch in der verstecktesten Form, erhalten könnten, gegen ihre Nachbarn einen neuen Kreuzzug zu unternehmen. Ohne diese Erlaubnis jedoch, dessen waren sie sicher, würden alle Wutausbrüche noch so aufgehetzter Volksmassen in kürzester Zeit zu dämmen sein. So hatten sie in logischer Konsequenz ihrer Welt-, Menschheits- und Staatsauffassung bis zum Frühling 1881 das Bewußtsein der Sicherheit besessen. Da kam das „Unmögliche", wider alle Logik, wider alle sozialen Vorstellungen und Erfahrungen der Betroffenen und leitete diese durch die Wucht der Tatsachen auf eine ganz andere Bahn der Gefühle und Stimmungen. Schlag auf Schlag versetzten die unglaublichsten Tatsachen ihrem Optimismus unaufhörliche Stöße, ließen sie in ihren Gedanken bezüglich der Massen gar viel umlernen und zeigten ihnen, die, fern von jeglicher diplomatischer Staatsbestätigung, an eine gewisse Ethik des russischen Regiments glaubten, den Machiaveliismus in nacktester Gestalt. Seitdem ist im Leben und in der Psyche der russischen Juden eine neue Periode angebrochen. Es gibt keine Zeit mehr, in der sie sich völlig sicher fühlen. Das Bewußtsein, daß sie vogelfrei sind, daß jeden Augenblick ganze Horden von Menschen, auch von solchen, denen sie es nie zutrauen möchten, über sie herfallen können, verläßt sie niemals, wenn es auch von Zeit zu Zeit, während der Pausen, schwächer wird und ihr Leben nicht in solchem Maße beunruhigt, ja, für kurze Zeit wiederum eine gewisse Stabilität im schweren Daseinskampfe zugelassen scheint. Denn dauernde Pogromepidemien lassen sich beim besten Willen nicht inszenieren. Kein Staat kann eine ununterbrochene Kette solcher Vernichtungsprozesse aushalten, und auch die gewissenloseste Regierung muß sich bescheiden, größere oder kleinere Intervalle eintreten zu lassen. So kennt die russische Judenheit eigentlich nur. zwei großangelegte Pogromepochen, die Zeit von 1881—1883 und die viel stürmischere von 1903—1906, die allerdings, wie jeder weiß, noch keineswegs als abgeschlossen gelten darf. Die Zwischenzeit wird durch eine Reihe vereinzelter Judenmassakres, wie in Nischni-Nowgorod 1884, in Starodub und Lodz