Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 37 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 37 ——= DIEI&ELT — — «7^ KORRESPONDENZEN 004gig ooo=tDO (Diese Rubrik, für die die Redaktion nicht die Verantwortung trägt, ist, wie wir wiederholt bemerken, Zuschriften aus dem Leserkreise und freiem Meinungsaustausch offen.) Zum Thema: Jüdische Kolonialbank Es ist vielleicht eine Überhebung, wenn ein Nichtfachmann und noch dazu einer aus der zionistischen „Provinz", fern von dein Zentrum der zionistischen Bewegung, es wagt, seine Meinung über die Verhältnisse des J. C. T. zu äußern. Aber der Wunsch, sich ohne jedes Gefühl der Bitterkeit dem Zionismus und allen seinen Unternehmungen hingeben zu können, rechtfertigt wohl ein solches Beginnen, und es ist vielleicht nicht ausgeschlossen, daß doch der eine oder der andere Gedanke, den ich äußere, auch bei anderen Gesinnungsgenossen Zustimmung erfährt. Über die Statutenänderung will ich nicht ausführlich sprechen, nur das eine will ich verraten, daß ich aus den Verhandlungen des Kongresses, soweit der Bericht darüber in der „Welt" vorgelegen hat den Eindruck gewonnen habe, daß die Durchführung des Prozesses ein Vorgang wäre, der bei allen, die nicht blind vor lauter Prinzipien sind, nur Kopfschütteln hervorrufen kann. Der Bank diese Kosten zu verursachen, für ein bloßes Prinzip, ist so unkaufmännisch gedacht, daß man sich es ernstlich überlegen muß, ob man ein Institut durch Aktienkauf unterstützen soll, das in dieser Weise die Dividende seiner Aktionäre schmälert, wie auch Keßler aus derselben Empfindung heraus von Südafrika gesagt hat, daß kein Geld mehr von dorther kommen wird, wenn es für Prinzipienreiterei verschwendet wird. Nicht nur das kaufmännische Ansehen der Bank schädigen wir durch ein Durchfechten des Prozesses, sondern wir sind auch auf dem besten Wege, die Bank von dem hohen Piedestal herunterzubringen, das sie von Anfang an eingenommen hat und immer einnehmen sollte. Und damit komme ich auf das, was ich eigentlich besprechen wollte. Die Bank sollte eigentlich die Bank des jüdischen Volkes werden, das heißt, sie sollte der .finanzielle Repräsentant des Volkswillens sein, der in fast allen Ländern sich geregt hatte. Wenn wir aber in der geschäftlichen Tätigkeit der Bank so weiter fortfahren, so wird sie eine ganz kleine palästinensische Provinzbank werden. Und das kommt daher, daß wir in denselben Fehler verfallen, den man den Franzosen vorwirft. Wie man von diesen sagt, sie starren wie hypnotisiert auf das Loch in den Vogesen, so starren wir unentwegt auf Palästina, und der Gedanke an Palästina nimmt uns so ein, daß wir den Blick für unsere nächste Umgebung verlieren. Wohl bin ich ein Anhänger der Palästinaarbeit, ich war es schon in der Zeit des „Charterzionismus". Ich weiß, daß der Charter nicht geschenkt wird, sondern erarbeitet werden muß. Aber haben wir wirklich außerhalb Palästinas nichts mehr zu tun? Haben wir wirklich den Charter (oder wie man die öffentlich-rechtlichen Garantien sonst nennen mag) bald zu erwarten, und vor allern, sind wir gerüstet, von ihm Gebrauch zu machen, wenn wir ihn jetzt bekämen? Wir haben noch sehr viel mit der einfachsten Agitationsarbeit zu tun, und wir dürfen kein Mittel verschmähen, das uns darin behilflich sein kann. Und an die Bank denke ich dabei besonders. Aber sie muß arbeiten wie eine richtige Bank. Wenn das Bankkapital in englischen Konsols angelegt sein soll, um für den Moment der Chartererteilung bereit zu liegen, so brauchen wir nicht den hochtrabenden Namen einer Bank, sondern dann ist das Kapital einfach ein angesammelter Fonds, der zu einem bestimmten Zwecke zur Verfügung stehen soll, in einem noch nicht bekannten Zeitpunkt. Wir wollen uns nicht verhehlen, daß die Bank jede Werbekraft verloren hat. Wer sich heute Aktien derselben kauft, der tut das fast ä fonds perdu; wie er 20 Mk. an die Chewra oder den N. F. gibt, so gibt er 20 Mk. an die Bank. Die Aktie ist ihm kaum mehr als eine Quittung über die Einzahlung, wie etwa eine Ölbaumquittung. Und doch könnte die Bank an Aufschwung sehr gewinnen, wenn sie eben wirklich wie eine Bank arbeiten würde. Dazu müßte sie aber ihren Wirkungskreis erweitern, nicht ihn einschränken. Schon daß die Filiale in Konstantinopel von der A. P. C. eingerichtet wird — so scheint es wenigstens nach dem Verhandlungsbericht —, die doch besser eine palästinensische Bank bliebe, anstatt vom J.C.T., gefällt mir nicht; ich würde es für richtiger und vor allem repräsentabler erachtet haben, wenn der J. CT. der Träger dieser Filiale wäre. Aber noch mehr, die Bank soll weitere Filialen einrichten, wo sich große jüdische Zentren befinden, also, wie schon so oft gewünscht, in New York und Südafrika. Es ist einmal eine einfache Pflicht der Dankbarkeit, daß man den so opferwilligen Gesinnungsgenossen in Amerika bezw. Südafrika diesen Wunsch erfüllt, und zweitens würde die Bank die Einrichtung dieser Filialen bei den lebhaften Beziehungen zwischen Amerika bezw. Südafrika und London, auch vom geschäftlichen Standpunkte aus, nicht zu bereuen haben. Ich verspreche mir aber auch in propagandistischer Hinsicht Vorteile davon. Das Vertrauen zur Bank würde steigen, es würden neue Anknüpfungspunkte zwischen den Zionisten der in Betracht kommenden Länder geschaffen, und gar mancher Nichtzionist, der vielleicht zuerst nur der Kuriosität halber mit der „jüdischen" Bank Geschäfte macht, würde im eignen Interesse gezwungen sein, sich um die Tätigkeit der Bank mehr zu kümmern, und so dem zionistischen Gedankengange nähergebracht. Berechtigt ist die Bank zur Gründung von Filialen auch nach etwa doch noch erfolgter Abänderung der Statuten, da sie ja dann außerhalb Palästinas und Syriens nur nicht kolonisieren darf. Bankgeschäfte darf sie treiben, und wenn sie sich nur in sichere und nicht zu langfristige Sachen einläßt, so ist auch das Kapital in kurzer Zeit verfügbar. Schon heute ist die Sympathie für die A. P. C. größer als für den J. C. T. (was man bald wohl merken würde, wenn die Aktien der A. P. C. zum freien Verkauf stünden, weil man von jener sieht, daß sie eine wirkliche Bank mit bankgeschäftlicher Tätigkeit ist, während vom J. C T. gesagt worden ist, daß er seine Dividenden nur von der Provision aus der Verwaltung des N. F. und den Zinsen zahlen könne, die er von der A. P. C. erhält. Mein Wunsch geht dahin: man mache die A. P. C zu einer selbständigen, reinen Palästinabank; man mache den J. C T. zu der von vornherein geplanten allgemeinen jüdischen Bank, die ihre Tätigkeit in der Diaspora ausdehne; man beende den unglückseligen Prozeß um die Statutenänderung, der uns lächerlich macht und die Existenz der Bank gefährdet, und man wird durch all dies dazu beitragen, daß der Zionismus die gefährliche Klippe vermeiden kann, zu einem palästinischen Pflanzungsverein zu werden, wie Marmorek es treffend nannte. Dr. med. Walter Fränkel (Chemnitz). Das Prototyp des Pogroms in den achtziger Jahren") (Zur Parallele) I. Auch die nichtjüdische Welt bedarf wohl kaum noch einer Erklärung des Begriffs Pogrom. Namentlich seit Kischinew ist der Kenntnisgehalt der Menschheit durch eine ganze Reihe von Vorstellungen, die die Pogromgreuel kennzeichnen oder an sie geknüpft sind, erweitert worden. Hat doch selbst der Sprachschatz der europäischen Völker durch verschiedene, dem klassischen Pogromlande entlehnte Ausdrücke eine „Bereicherung", die Phantasie des die Zeitereignisse verfolgenden Menschen durch die oft wiederkehrenden aufregenden Bilder aus den Judenpogromen hie und da eine Anregung erfahren. Und vielleicht hat sogar mancher Gebildete dank den neuen „Mittelalterserscheinungen" den noch immer als Problem dastehenden, entzückenden Obergang von der unheimlichen Vergangenheit mit ihren abschreckenden, die mensch- *) Aus dem demnächst erscheinenden Werke über die Pogrome von Leo Motzkin.