Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 37 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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10. September. In der Nacht vom Sonnabend auf den Sonntag wurde in der Nähe des Bahnhofs vom Verbände der echt russischen Leute eine ganze fliehende jüdische Familie beraubt und barbarisch geprügelt. Die alte Mutter wurde erschlagen, alle Mitglieder auf offener Straße gefoltert, bis sie das Bewußtsein verloren. Alle Gefolterten, außer der getöteten Greisin, mußten wegen der erlittenen Verletzungen in das Hospital gebracht werden. Die grausame Behandlung der Familie ist auf einen Racheakt zurückzuführen. * + Aus Petersburg wird im Anschluß an den Odessaer Pogrom folgendes über die allgemeine Situation geschrieben: Es liegen Pogrome in der Luft. Der reaktionäre Chefredakteur des „Grashdanin'% der in solchen Fragen wohl unterrichtet ist, hat neulich in den Spalten seines Blättchens ein wichtiges Geheimnis ausgeplaudert, das teilweise durch die Vorgänge in Odessa sich bereits bestätigt hat. Fürst Meschtscherski erzählt nämlich, daß es ganze Organisationen der äußersten Rechten gebe, die sich die Veranstaltung von Pogromen in allen Teilen des Reichs zur Aufgabe gestellt haben. Eine weitere Bestätigung der Richtigkeit dieser fürstlichen Indiskretion ist darin zu erblicken, daß das Bureaukratenblatt Nowoie Wremja meldet, der Premierminister beabsichtige, nur diesen Posten beizubehalten, von der Verwaltung des Ministeriums des Innern jedoch zurückzutreten. Einerseits ist diese Meldung eine Art Ballon d'Essay. Man möchte erfahren, wie sich die maßgebenden Kreise zu einer solchen Kombination stellen, welche die Möglichkeit gebe, ohne Stolypin aus dem Wege zu räumen, den wichtigen Posten des Ministers des Innern mit einer Persönlichkeit zu besetzen, weiche ein gehorsames Werkzeug der Reaktionäre sein würde. Anderseits kommt dieser Meldung eine noch größere Bedeutung zu. Stolypin trägt sich schon seit geraumer Zeit mit dem Gedanken, nur die oberste Leitung des Kabinetts zu behalten, die Verantwortung für die innere Politik jedoch einem andern zu überlassen, und zwar den ihn ersetzenden Minister des Innern so zu wählen, daß auch die echten Russen auf ihre Rechnung kommen würden. In diesem Falle würde er gewissen Kreisen Westeuropas als der „konstitutionelle" Premier gegenüberstehen, ohne für die sich vorbereitenden Vorgänge im Innern verantwortlich zu scheinen. Bis jetzt war die Eigenliebe oder sagen wir politische Eitelkeit Stolypins in der Pogromfrage berührt. Er wollte um jeden Preis Pogrome verhüten, und nur infolge seiner Rundschreiben, deren kategorischer Ton von keinem Polizeichef anders aufgefaßt werden konnte, als daß in Petersburg Pogrome ntcht gewünscht werden, ist eine ganze Reihe von Pogroms verhindert worden. Seither hat sich die Lage wesentlich verändert. Die Anhänger der Pogrompolitik, mit denen Stolypin nie entschieden zu brechen gewagt hat, sind erstarkt wie niemals vorher, und dem Premierminister, der von ihnen keine Unterstützung seiner Politik erwartete, über den Kopf gewachsen. Sie verlangen, daß er ihnen das Feld überlasse, damit sie ihre Pogrompolitik in vollem Umfange entfalten können. Stolypin, dem die Lorbeern und der Grafentitel Wittes zum mindesten ebenso viele schlaflose Nächte machen wie der „Aufruhr", möchte um keinen Preis seine Stellung als Premier aufgeben, bevor er wenigstens des Grafentitels gewürdigt worden ist, überhaupt fällt es dem in vollster Lebensblüte stehenden Manne, der ganz wider Erwarten zu einer so hohen Staatsstellung gekommen ist, unglaublich schwer, zurückzutreten. Und da er deutlich seine Ohnmacht den Pogrompolitikern gegenüber fühlt, die bereits in Odessa begonnen haben, ihr „Programm" zu verwirklichen, so scheint er allen Ernstes entschlossen, mit der Wahrung eines gewissen Dekorums dem Ansturm der Reaktionäre nachzugeben und ihnen das Ministerium des Innern abzutreten, da er so wie so sich außer Stande sieht, Pogromen vorzubeugen. Verwirklicht sich diese Absicht, so steht Rußland am Vorabend einer blutigen Reihe von Pogromen, die alles auf diesem Gebiet Geleistete in den Schatten stellen werden. Das würde kurz vor Beginn des Wahlkampfes ein Signal für die echten Russen sein, die sich diesmal keineswegs allein gegen die Juden, die in ihren Wahlrechten bereits stark beschränkt sind, wenden werden, sondern gegen alle diejenigen, die nicht ihrer „Politik" zustimmen. Die Einleitung dazu ist in den Vorgängen in ,Odessa zu erblicken. Als die Presse mit aller durch das gegenwärtige Preßreglement gebotenen Vorsicht über diese Vorgänge zu sprechen begann, hatte die offiziöse Rossija, die die ganze Zeit von der Notwendigkeit einer starken Macht leitartikelt, die Stirn, nur zu berichten, daß sie über die Odessaer Vorgänge „keine genauen Nachrichten" besitze. Selbst das sehr gemäßigte Slowo, das vom Exminister Fedorow redigiert wird, fragt zweifelnd, ob die Regierung, selbst wenn sie „mit fester Hand die Ordnung wieder herstellen" wollte, wie Rossija meint, dies zu tun imstande sei. Sein Korrespondent aus Odessa zweifelt daran und hält dafür, daß die Munizipalität allein helfen könne. Die Bevölkerung habe aufgehört an den guten Willen dieser Administration zur Schlichtung des Bürgerkrieges in den Straßen Odessas zu glauben. „Und tatsächlich", schreibt das gemäßigte Blatt, das wir absichtlich gerade seiner regierungsfreundlichen Mäßigung wegen zitieren, „hat die Konsequenz der Ereignisse die Bevölkerung zu solchem Zweifel führen müssen. Man braucht sich nur die Geschichte Odessas während der letzten Jahre ins Gedächtnis zurückzurufen, um über die Inkonsequenz der dortigen Verwaltung zu erstaunen. Kaum hat sich Odessa begonnen ein wenig von den Pogromen und den Mißhandlungen friedlicher Bürger in den Straßen zu erholen, kaum hatte der dortige Stadt- , hauptmann eine relative Ordnung wieder herstellen können und die erschreckte Bevölkerung beginnt in die Stadt zurückzukehren, so wird dieser Stadthauptmann (Grigoriew) abgesetzt und ein neuer ernannt." Die Abberufung Grigoriews, ist eine Erfüllung der Forderung der „echten Russen". Die Regierung ist ihnen in Odessa entgegengekommen und schickt sich an, ihnen auch das Ministerium des Innern auszuliefern. Die blutigen Folgen für Rußland werden leider nicht ausbleiben. * * Was man von dem neuen Stadthauptmann Nowitzki zu erwarten hat, darüber erfahren wir Genaueres sowohl vom rechten wie vom linken Lager. „Towarischtsch" schreibt hierzu: „In der Eigenschaft eines Chefs der Gendarmerie der Filiale zu Kiew hat Nowitzki eine sehr traurige Erinnerung hinterlassen. Unter anderem war er es, der die plötzlichen Verhaftungen einführte. In einer Nacht im März 1898 wurden zu Kiew auf seinen Befehl ungefähr 150 Verhaftungen vorgenommen. Im Jahre 1901 oder 1902 feierte Nowitzki sein 25jähriges Amtsjubiläum. Die Sozialdemokraten fanden es ihrerseits auch für nötig, ihm ihre Glückwünsche zu über mittein. In einem besonderen Schriftstück sprachen sie -ironisch Nowitzky den Dank dafür aus, daß er systematisch Hunderte von friedlichen Bürgern bewaffnet hat und sie den revolutionären Weg gewiesen hat, und daß er, nach einer sozialdemokratischen Druckerei forschend, in der auch gegenwärtiges Schriftstück gedruckt wurde, immer auf „falsche Spur geriet". — Die „Rußkoje Snamja", das Blatt der „echten Russen", ist mit der Ernennung von Nowitzki zufrieden: „Es ist eine gute Tat, daß für den Posten eines Stadt hauptinanns von Odessa Generalleutnant Nowitzki bestimmt ist, dei — Gott gebe es — verstehen wird, den Wolf im Schafspelz zu erkennen und danach zu handeln." Die Zeitung „Sewodnja" will aus sicherer Quelle erfahren haben, daß der neuernannte Odessaer Stadthauptmann Generalleutnant Nowitzki beauftragt wurde, in kurzer Zeit, sobald er sieb mit der Lage von Odessa genug vertraut gemacht haben wird, seine Ansichten über die Möglichkeit der Aufhebung des Kriegszustandes in Odessa der Regierung mitzuteilen. Dieser Auftrag soll bezwecken, die Leitung von Odessa sobald wie möglich aus den Händen von Kaulbars zu nehmen und nie wieder der bürgerlichen Gewalt zu übergeben. — 1 Ob es der Regierung damit ernst ist oder ob das nur als Beruhigungsmittel für den erregten Augenblick dienen soll, wird du allernächste Zukunft lehren. 11. September 1907. Die letzten Telegramme melden, daß jetzt in der Stadt Ruhe herrscht.