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Die Welt · 1907-09-13 · 37 (13.9.1907) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
37 (13.9.1907)
Date
1907-09-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DfEl^ELT No. 37 gegen den religiösen Sophismus, der in Herrn Schiffs Unterstellung haupt unvereinbar sind." Denn wie könnte das zu glauben und mitenthalten ist. „Hat Herr Schiff recht", sagt er, „dann ist nur darum zu beten erlaubt sein, was im Leben zu wollen und zu eine Konklusion möglich: daß Amerikanismus und Judaismus überverwirklichen nicht erlaubt sein sollte? DIE SCHRECKENSHERRSCHAFT IN ODESSA 6. September Es war zunächst unmöglich, aus Odessa über die dort herrschenden Schreckenszustände, die kurz in den Tagesblättern gemeldet werden, verläßliche Nachrichten zu erhalten. Auf sieben Telegramme, diez. B. der Hilfs verein der Deutschen Juden nach Odessa an verschiedene seiner Vertreter geschickt hatte, um über die dortigen Pogrome genaue Nachrichten zu erhalten, empfing er anfangs nicht eine einzige Antwort. Erst am Mittwochabend lief das folgende bezeichnende Telegramm ein: „Telegraphische Nachrichten zu geben, wird uns unmöglich gemacht, briefliche Mitteilungen folgen." Der „Hilfsverein" schließt daran folgenden Kommentar: Diese wenigen Worte sind für die Lage in Odessa außerordentlich bezeichnend. Sie beweisen, daß die Regierungsorgane so gut wie jede Kommunikation der schwer heimgesuchten Stadt mit der Außenwelt systematisch abzuschneiden versuchen. Für Kenner der Verhältnisse in Odessa unterlag es übrigens keinem Zweifel, daß man nunmehr mit neuen Pogromen zu rechnen haben wird. Daß der Baron Kaulbars, der Generalgouverneur von Odessa, ein Protektor des schwarzen Hundert ist, war seit langem bekannt; und obgleich der Ministerpräsident Stolypin einige schüchterne Versuche unternommen hatte, den General Kaulbars zu entfernen, so erwies sich dies doch bei der mächtigen Protektion, die der Generalgouverneur von Odessa genießt, als unmöglich. Diese Protektion beruht darauf, daß die Schwester des Generals Kaulbars, eine Gräfin Stackelberg, zu dem intimen Kreise der Kaiserin gehört, mit dem sie zusammen singt. Solange das Stadtoberhaupt von Odessa, Grigoriew, seines Amtes waltete, verhinderte dieser aufgeklärte und tatkräftige Mann die schlimmsten Ausschreitungen. Nachdem es gelungen war, ihn zu entfernen und durch einen Kiewer Gendarmerieoffizier Nowitzki, dem der schlechteste Ruf vorausging, zu ersetzen, war man darauf gefaßt, daß neue Pogrome in Odessa ausbrechen und den Ruin der schon bisher schwer geschädigten Stadt weiter steigern würden. Grigoriew ist abberufen, der neue Stadthauptmann Nowitzki noch nicht eingetroffen, so ist die Stadt Odessa in der Gewalt der schwarzen Hundertschaften. * * * Soweit sich die traurigen Vorgänge schon jetzt übersehen lassen, seien sie nachfolgend geschildert: Die bevorstehende Beerdigung des bei einer ßombenexplosion ums Leben gekommenen Polizeisekretärs Welbin vom Petropwaiowski- Revier, die am Sonntag stattfinden sollte, rief eine Panik in der jüdischen Bevölkerung hervor, da man wußte, daß derartige Beerdigungen immer als Anlässe für Judenhetzen dienen. Die Befürchtung war nicht unbegründet. Als der Leichenzug sich von der Oradonatschalnitzeska-Straße zum christlichen Friedhof bewegte, hörte in den entlegenen Stadtteilen jeder Verkehr auf. Zum Unglück iel die Beerdigung mit der Gedenkfeier der im Jahre 1905 getöteten luden zusammen. Die Juden, die sich zu dieser Feier auf den iüdischen Friedhof begaben, waren die ersten, die den Gewalttaten ler sogenannten Gelbblusenmänner (Hooligans) zum Opfer fielen. ')ie Hooligans versuchten die Tore des jüdischen Friedhofes zu prengen und begannen bald, auf die Juden loszuschießen, wobei in gewisser Israel Sabsai getötet und eine ganze Anzahl anderer verwundet wurde. Der Getötete und die Verwundeten wurden in ■■'las jüdische Krankenhaus gebracht. Auch dorthin schickten die ilooligans ihnen Schüsse nach. Die Kugeln flogen durch das Fenster des Krankenhauses. Zu gleicher Zeit begannen auf dem olkutzymarkt Ausschreitungen der schwersten Art. Dort wurde kein Mensch geschont. Ein alter 66 jähriger Jude namens Hirsch igelmann wurde mit Kautschukknütteln grausam geschlagen, und is er niederfiel, trat man mit Füßen auf ihm herum. Dort wurden Hich die Juden Lewitin, Isaak Cohn, Abraham Loyew sowie viele mdere durch Messerstiche verwundet. Die Polizei blieb völlig untätig. Der stellvertretende Polizeineister Kislakowski begab sich zwar in das jüdische Krankenhaus, >vo er die Verwundeten und ihre Angehörigen zu beruhigen suchte, und besichtigte auch die Leichen der Getöteten Sabsai und Sandler, >'ber er tat nichts, um dem Pogrom selbst ein Ende zu machen. I^as Schießen auf den Straßen dauerte noch bis 11 Uhr nachts an. Gestern morgen setzten die Gelbblusenmänner ihre Greueltaten fort. Schon am frühen Morgen sprang eine Gruppe Hooligans in den Straßenbahnwagen auf der Linie Torgowaja-Malorossiyska und fiel über die dort befindlichen Juden her. Nach der Beerdigung der Schutzleute, die bei der Explosion getötet worden waren, verteilten sich die Hooligans in kleine Gruppen und zogen in alle TeUe der Stadt. Auf der Prochorowska-Straße hörte man bereits Schüsse fallen. Bald wurden vier Juden mit Schußwunden ins jüdische Krankenhaus gebracht. Die Hooligans passierten ungestört die Preobraschenska-Straße und gelangten in die Hauptstraßen Odessas, Richeliesnka und Deribassowska. Oberall auf ihrem Wege mißhandelten und verwundeten sie die Juden, die ihnen in den Weg kamen. Auch Läden und Wohnungen blieben nicht verschont. Sie zerschlugen Fensterscheiben, zerstörten Ladeneinrichtungen und schössen auf die Leute, die sich in den Läden zu verbergen suchten. Der Obsthändler Barbalat wurde dabei schwer verwundet, ebenso ein christlicher Buchhalter namens Dobrowolski, den man irrtümlich für einen Juden hielt. Ins jüdische Krankenhaus wurde ferner eine Anzahl Juden gebracht, die Brandwunden aufwiesen, so Wolf Polokow, Perzachis Samuel Jachis und andere. Einen erschütternden Eindruck machte im Krankenhause die Einlieferung der verwundeten Kinder, vier Knaben und Mädchen von vier bis acht Jahren. Die Polizei ließ die Hooligans ruhig ihre ruchlose Arbeit verrichten. An einigen Orten gab sie sich den Anschein, als suche sie die Hooligans zu zerstreuen; sie ließ aber sofort wieder zu, daß sie sich an derselben Stelle wieder versammelten. Der stellvertretende Stadthauptmann Nabokow bat den Rabbiner Dr. Awinowitzki, der bei ihm über die Greueltaten Klage führte, die jüdische Bevölkerung zu beruhigen und ihr zu erklären, er habe die energischsten Maßnahmen getroffen, um solche „vereinzelte" Vorfälle in Zukunft zu verhindern. Als ob er von all dem Furchtbaren, was geschehen, keine Ahnung hätte, bat er gleichzeitig, der Rabbiner möchte ihm (dem stellvertretenden Stadthauptmann) über die Vorgänge Berichte liefern. Auch am Dienstag und Mittwoch dauerten die Ruhestörungen fort. An diesen Tagen wurden die kleinen Judengäßchen vom Mob schwer heimgesucht. Militärpatrouillen standen bei den Untaten dabei, ohne einzuschreiten. In einer Synagoge im Stadtteil Moidawanka wurden sämtliche Fenster zertrümmert. Die Zahl der Opfer läßt sich noch nicht feststellen. Die Unruhen dauern noch immer an. Aus den Außenviertein der Stadt flüchtete die jüdische Bevölkerung in das Innere, wo sie mehr Schutz zu finden hofft. Bei der völligen Untätigkeit der Behörden werden für die Rosch- Haschonah-Tage die schwersten Befürchtungen gehegt. Hoffentlich gelingt es durch die Entrüstung der öffentlichen Meinung Europas, die russischen Behörden an ihre Pflicht zu mahnen. Wie aus Odessa vom 9. ds. Mts. berichtet wird, dauern die Vergewaltigungen von Passanten und das Schießen auf den Straßen seitens der „Verbändler" auch jetzt noch fort, besonders des Nachts. Die Börse ist geschlossen, die Kaufmannschaft traut nicht den Zusicherungen der Administration und erwartet die Ankunft des neuen Stadthauptmanns Nowitzki, von dessen Energie man sich viel verspricht. Aus Anlaß der Vorgänge der letzten Tage veröffentlicht der „Verband der echt russischen Leute" in seinem Leiborgan einen Aufruf an die Juden. Den Juden wird anempfohlen, vor dem ganzen Volke Buße zu tun, falls sie nicht eine neue Vergewaltigung wünschen. Sie sollen sich mit ihren Lehrern und Rabbinern in den Synagogen versammeln, öffentlich alle Schuldigen am Bürgerkrieg, hauptsächlich die jüdische Intelligenz, verfluchen, jeden Gedanken an Gleichberechtigung der Juden aufgeben und sich zu einem „jüdischen Verbände für das uneingeschränkte Selbstherrschertum" zusam menschließen. * * *

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