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Die Welt · 1907-09-13 · 37 (13.9.1907) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
37 (13.9.1907)
Date
1907-09-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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ö Philanthrop, der das Wort ergreift, zum zweiten Male ergreift, um einen Gegensatz zwischen Amerikanismus und Zionismus zu konstruieren. Ehe wir selbst auf die Sache ausführlicher zurückkommen, geben wir einein unparteiischen Dritten das Wort. Der „Jewish Comment" behandelt nämlich in seiner Nummer vom 30. August die Angelegenheit recht eindringlich. Die Ausführungen dieser Zeitung, die wir unten im Wortlaut bringen, sind um so bemerkenswerter, wenn man sich die Stellung vor Augen hält, die Herr Schiff innerhalb der amerikanischen Judenheit einnimmt und anderseits berücksichtigt, daß der „Jewish Comment" zu den angesehensten jüdischen Zeitungen Amerikas zählt. Das Blatt knüpft an einen Brief an, den Herr Schiff an unseren Gesinnungsgenossen, den bekannten Gelehrten Prof. Schechter gerichtet und nachher veröffentlicht hat. in diesem Briefe leistet sich Herr Schiff wieder einmal die Behauptung, daß ein Zionist nicht zugleich ein guter Bürger seines Landes sein könne, indem er sagt, „man könne nicht zu gleicher Zeit ein guter Amerikaner und ein überzeugter Anhänger der zionistischen Bewegung sein." Wenn wir auch kaum annehmen können, daß das gebildete amerikanische Judentum sich durch solche vage Phrasen wird beeinflussen lassen, so ist es doch immerhin bemerkenswert, daß der „Jewish Comment" die Veröffentlichung dieses Briefes zum Anlaß nimmt, um Herrn Schiff überhaupt einmal ziemlich unverblümt zu sagen, daß es nicht genügt, ein guter jüdischer Philanthrop zu sein, - und diesen, von Herrn Schiff wohlverdienten Titel wollen wir auch bei der vorliegenden Meinungsverschiedenheit nicht im geringsten verkleinern, — um seine ebenso unbegründeten wie gefährlichen Behauptungen in anspruchsvoller Weise vor die Öffentlichkeit zutragen. V/ir nehmen von der Veröffentlichung des „Jewish Comment" um so lieber Notiz, als sie uns ein Beweis dafür zu sein scheint, daß sich auch in Amerika ein Umschwung in der jüdischen öffentlichen Meinung vorbereitet, die bei aller Anerkennung des hochherzigen Wirkens jüdischer Philanthropen sich doch eine Art automatischer Patronanz, die sich die Philanthropie arrogiert, nicht länger bieten lassen will. Der „Jewish Comment" also schreibt: „Eine Korrespondenz, die privaten und persönlichen Charakters zu sein scheint, erschien in der letzten Nummer des „Arnerikan Hebrew" in Form eines Briefes, geschrieben von Herrn Jakob H. Schiff an Professor Schechter. Es ist eine Antwort auf einen Brief Dr. Schechters an den Bankier, und eine einführende Anmerkung sagt, daß der vorhergehende Brief nicht veröffentlicht wurde, weil der Professor gegen die Veröffentlichung einer Korrespondenz, welche persönliche Bemerkungen enthielt, Einsprache erhob. Herrn Schiffs Brief ist eine Wiederholung der Ansichten, die er letzthin vor der Chautauqua Assembly zum Ausdruck gebracht hatte, und es scheint darum kein genügender Grund für die Veröffentlichung auch nur einer Zeile dieses Briefwechsels vorhanden zu sein. Dr. Schechters Ansichten stammen offenbar noch aus der guten alten Zeit. Sie sind ganz veraltet. Er denkt tatsächlich, ein Privatbrief sei wirklich ein Privatbrief, und man könne einem Freund etwas im Vertrauen schreiben. Er ist ein amerikanischer Bürger, aber er hat vergessen, daß er im Lande der Reklame lebt. Herrn Schiffs Briefe und Proklamationen sind jetzt so umfangreich wie die Botschaften des Präsidenten, und sie zeigen dieselbe Mannigfaltigkeit des Inhalts und dieselbe Hartnäckigkeit der Meinung. Das ist jetzt guter Amerikanismus, aber es würde in der Tat Herrn Schiffs Ruf nichts schaden, wenn er etwas weniger universell wäre. Seine den East Side-Juden gehaltene Vorlesung, wie man ein theologisches Seminar unter- . stützen müsse und warum, ist noch frisch im Gedächtnis des Publikums, aber sie verstärkt nicht seinen Ruf als eines Mannes von Verständnis für die Dinge, deren Besserung er, wie man annimmt, sich angelegen sein läßt. Sein Schreiben an die No. 37 Chautauqua Assembly war, nach unserer Meinung, eine vortreffliche Darstellung, eine zuverlässige Wiedergabe seiner Ansichten, die wir bei einer geeigneten Gelegenheit publiziert haben, und sie wurde mit Beifall aufgenommen. Es war darum nicht nötig, einen Privatbrief zu veröffentlichen, in dem dieselbe Sache in einer nicht so überzeugenden Weise besprochen wird. In einem der Schauspiele, mit denen Sothern seine Karriere begann, macht er einem Mädchen den Hof, und er ist so befriedigt von einem unerwarteten Ausbruch von Beredsamkeit, daß er leise zu sich selbst sagt: „Das ist fein! Ich will es immer wieder sagen!" Der Beifall, welcher Herrn Schiff in „Atlantic City" begrüßte, wird seinem Brief im „American Hebrew" nicht zu teil werden. Seine Veröffentlichung war eine nutzlose und allem Anscheine nach willkürliche Vertrauensverletzung. Herr Schiff kann die Juden seines Landes manche Meile weit führen, aber er kann sie nicht einen Zoll weiter bringen. Gerade aus dem Grunde, weil er die Macht darstellt, die hinter dem Seminar steht, hätte er der letzte sein müssen, der eine öffentliche Kontroverse mit einem seiner Professoren beginnt. Sein Brief ist ebenso ein Zeichen von Mangel an Mut, wie von zweifelhaftem Takt. Rockefeller hat Zueblin nicht einmal wegen eines offenen Angriffs getadelt. Herr Schiff dagegen ist gewillt, Dr. Schlechter niederzudrücken mit der überlegenen Macht seiner Stellung in diesem Lande. Wenn man sie genau prüft, sind Herrn Schiffs Ansichten über amerikanisches Bürgertum grob und bündig, obwohl sie zweifellos das Produkt eines scharfen Geistes sind und auf eingehender Beobachtung und langer, mannigfacher Erfahrung fußen. Schechter kennt Lincoln nur vom Hörensagen und konnte ihn nur bewundern, zur Zeit als er selbst noch in England weilte. Aber hat Herr Schiff selbst auf Grund dessen das Recht, eine Lektion zu erteilen? Der Vorfall ist betrübend und zeigt, welch tiefgehende Einflüsse der Besitztitel bewirkt. Zum Schlüsse können wir nur sagen, daß noch ein solcher in den Zeitungen veröffentlichter Streit zwischen Herrn Schiff und den Professoren des Seminars bewirken wird, daß die Studenten am College gesuchter sein werden als Dienstmädchen. Ein zweites großes Blatt, der „Jewish Exponent", schreibt in derselben Angelegenheit: „Herr Schiff ist gewiß berechtigt zu seiner Ansicht, die auch ihrerseits Achtung beanspruchen darf. Aber zu gleicher Zeit ist weder er noch irgendjemand sonst berechtigt, den Amerikanismus oder den Patriotismus der Zionisten dieses Landes zu bestreiten. Es hängt viel davon ab, was man unter „wahrem Amerikanismus" versteht. Es ist eine Tatsache, daß in diesem Land in jeder Bewegung, die einen gewissen Bürgermut von der besten und echtesten Art und selbstlosen Patriotismus erfordert, viele eifrige Zionisten gerade unter den Tätigsten und Ernstesten zu finden sind. Das ist das beste Zeugnis. John Hay erklärte, daß es keinen Zwiespalt zwischen Zionismus und wahrern Patriotismus gebe. Zwei der kanadischen Kabinettminister wohnten der letzten Zusammenkunft der Zionisten bei und erklärten sich in öffentlichen Reden mit der Teilnahme der kanadischen Juden an der zionistischen Bewegung einverstanden. Diese Männer wissen doch sicher, was die Erfordernisse eines wahren Patriotismus sind. . . Die menschliche Natur ist glücklicherweise nicht so eingeengt oder beschränkt, daß sie es unmöglich machen würde, zwei Gefühlsäußerungen, die weder einander widersprechend noch unnatürlich sind, in Einklang zu bringen. Herr Schiff irrt jetzt ebenso wie vor einigen Jahren, als er erklärte, die russische Judenfrage müßte in Rußland gelöst werden." * * * Eine vortreffliche sachliche Antwort hat übrigens Herr Schiff sofort vom Präsidenten der Federation of American Üionists, Dr. Harry Friedenwald, erhalten. Dr. Friedenwald wendet sich hauptsächlich

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