Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 37 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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PALÄSTINA*) Von Theodor Herzl Wir kennen und besitzen alle Hilfsmittel des Zeit-' alters, in dem wir leben, und wir sollten so ohnmächtig1 sein, so unvermögend, wie unsere Väter im Ghetto, uns selbst zu helfen? Nein! Wir können und werden uns helfen. Wir haben hervorragende wissenschaftliche Kräfte, wir sind fleißig im Handel, wir verstehen es, mit Menschen und ihren Spitzen zu verkehren, wir zeichnen uns als Beamte aus, wir sind schöpferisch auf sozialem Gebiete undgründen Unternehmungen und tragen doch zehnfachen Fluch und bitterste Armut in uns. Und was fehlt uns eigentlich? Ein sicherer Boden, den wir unseren Kräften und Fähigkeiten gemäß bearbeiten können, ohne jegliche Störung, ohne fremden Druck. Ihr kennt sicherlich den Namen dieses Landes, gewiß kennt ihr auch diese Bewegung. Zionismus! Achtzehnhundert Jahre des Exils und der Hoffnung sind in diesem Worte enthalten. Es gibt indessen Juden von ganz besonderer Bosheit, die den Zionismus belachen, es gibt auch Engherzige und Kleinherzige, die ihn bekämpfen. Die zionistische Bewegung, an der sie anfangs mit Schweigen vorübergingen, die sie sodann verhöhnten und zuletzt zu bekämpfen begannen, — diese Bewegung besitzt eine gewaltige Macht, die Macht eines ganzen Volkes, die man auf keinerlei Art leugnen oder übergehen kann. Nötig aber ist es, daß unsere Söhne die schlummernde Nation wieder erwecken, nötig ist es, daß das Volk seinem Willen in klaren Worten vor aller Welt Ausdruck gibt. Noch vor einem Jahre schien die Sache ganz unmöglich. Jetzt aber ist sie Wirklichkeit geworden. Im August des Jahres 1897 wurde auf dem Kongreß in Basel das zionistische Programm definitiv formuliert. „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte." Alles ist darin ausgedrückt, und es ist unmöglich, daran zu rütteln. Nichts gibt es, das der Wille nicht vermöchte. Alles wird, der erreichen, welcher mit starkem und unbeugsamem Willen an sein Beginnen und seine Arbeit herantritt. Uns obliegt die Pflicht der Arbeit, unbekümmert um die Hindernisse, die sich der Erreichung unserer Ziele entgegenstellen werden. An vielen Orten sind uns bedeutende Hilfskräfte für unsere große Arbeit erstanden, nicht nur unter den Juden, *) Dieser Aufsatz erschien vor Jahren im „Luach Achiasaf" in hebräischer Sprache und wurde bisher deutsch noch nicht veröffentlicht. Der Aufsatz war zuerst in deutscher Sprache geschrieben und wurde dann ins Hebräische übersetzt; das Originalmanuskript liegt nicht vor. Vorliegender Text stellt bereits eine Rückübersetzung dar, die „Unserer Hoffnung" entlehnt ist. sondern auch unter den Christen. Noch ist die Zeit nicht gekommen, alles zu berichten, was seit dem ersten Baseler Kongresse bis heute geleistet wurde, um die öffentliche Meinung aufzuklären und die interessierten Mächte über die Art und den Zweck unserer Bestrebungen zu unterrichten, damit die Übereinstimmung und Harmonie der Gesetze der Reiche und Länder, in denen wir leben, mit dem Geiste der Menschenliebe überhaupt dokumentiert werde. Das ist die moralische Seite des Problems. Ein Land zu schaffen —- einem zerstreuten Volke, das über alle Staaten und Länder zerstreut ward, in denen jetzt die Juden gedrückt und gemartert werden. Allerorten, da man den Namen „Geuliah" hört, werden die Söhne unseres Volkes sich freuen und jubeln, wenn ihre Herzen noch von Fleisch sind und nicht zu Stein geworden. Oberall, wo die Söhne unseres Volkes der Welt zeigen und beweisen werden, daß sie imstande sind, den gewaltigen Gedanken der Auferstehung Israels auf seinem Boden zu begreifen, daß sie für die nationale Erhebung noch Verständnis und Fähigkeiten übrig haben, dort werden sie sich Freunde erwerben, die zu ihnen stehen werden. Der größte und häßlichste Vorwurf, den uns die Menschen machen, ist, daß wir kein nationales Ideal besitzen. Jene Gegner des Zionsgedankens in unserer Mitte, die den Glauben erwecken, daß dieser Gedanke den Juden in ihren Heimatländern schaden wird, möchten ihre erbitterte Gegnerschaft mit dem Vorwurfe beweisen, daß die Antisemiten mit Genugtuung die zionistische Bewegung betrachten. Aber diese unsere Gegner wissen nicht und begreifen nicht, daß freilich eben derselbe Zionismus den Frieden bringen wird, den allgemeinen Weltfrieden, der die Frucht unserer Taten sein wird, jener Taten, die sie bis zum Tode hassen. Die Bewegung zur Gründung einer jüdischen Siedlung im Lande unserer Väter wird den vom Judenhasse kranken Ländern Heil und Genesung bringen; sie wird gleichzeitig in den östlichen Ländern zur moralischen und geistigen Befreiung, zur Wiederkehr geordneter Verhältnisse beitragen. Auch die Kolonien, die in Palästina bereits gegründet wurden, haben, obwohl noch gering an Zahl, bewiesen, daß der Boden unserer Väter noch heil- und fruchtbringend ist. Und überhaupt ist jeder Boden fruchtbar, wenn nur fleißige Arbeiter ihn bebauen und pflegen, um wie Viel mehr das Land unserer Väter, das in dem goldenen Zeitalter unserer Geschichte ein Land von Milch und Honig war. Und unser Boden muß wieder zum „Lande, in dem Milch und Honig fließt", werden, wenn unseres Volkes Söhne, die so unendlich viel im Golus gelitten, im Lande ihrer Väter wieder wohnen werden. AMERIKANISMUS Wir haben in dem „Amerikanischen Brief" in unserer letzten Nummer eine eingehende Darstellung des Konfliktes zwischen Zionisten und Ainizionisten, der im „Hebrew Union Cellege" ausgebrochen ist, gegeben. Dieser Streitfall, hervorgerufen durch den UND ZIONISMUS fanatischen Gewissenszwang, der den Zionisten auferlegt werden soll, zieht, wie schon unser Korrespondent vorausgesetzt, immer weitere Kreise. Nunmehr ist es Herr Jakob H. Schiff, der bekannte