Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 37 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3315709-3316240-3316280--49734-3344686- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
gegen Abessinien mit erschreckender Deutlichkeit gezeigt. Es wäre vielleicht übertrieben, das Beispiel des russisch-japanischen Krieges anzuführen, denn von Japan wußte man allgemein, daß es eine gewisse Macht repräsentiert. Wenn man sich aber erinnert, wie man in Rußland über die japanische Kriegsmacht sprach, so kann man auch daraus eine gewisse Lehre entnehmen. Der europäische Eigendünkel rechnet bis jetzt noch zu wenig mit der neuen Entwicklung und dem moralischen Wachstum der Streitkräfte unter den exotischen Völkern — sogar unter Hottentotten. Man vergißt noch eins: die betreffenden Völker verteidigen ihre Heimatscholle, während die eroberungslustigen Europäer Absatzgebiete für ihre Produkte suchen. Es ist eine ungleiche moralische Kraft: der Commis-Voyageur und der Marabat (heiliger Mann), die von Religion und Patriotismus durchglühten Bronzekerle des Erdwesten und die Mietstruppen der Fremdenlegion. Es ist auch sehr fraglich, ob „Marianne" die nötige Ausdauer haben wird. Die Jaures und die Pressenses wüten schon gegen das Abenteuer, und die antimilitaristische Bewegung, die trotz aller Drohungen und Strafmaßregeln gewaltige Fortschritte macht, wird neue Nahrung finden. Am Ende handelt es sich doch nur um ein Geschäft, um einen günstigen Handelsvertrag. Den Erben der Baraka (göttlicher Funken) und den Stützen des Scheriffenthrons in Fez und Marakesch, den Bekämpfern der falschen Roghis (Thronprätendenten), den Herren des Maghzen und den Beschützern von Rabat, der heiligen Stadt der Kaisergräber und der uralten Tempel der Alidendynastie — handelt es sich doch um etwas ganz anderes. Wohl sind die Ben Slemans mit französischem Gelde, Wie die Ben Achmeds mit englischem Gelde gekauft worden. Aber das sind Nebensachen. Man nimmt das Geld, wo man es kriegt, auch von den Rumis (Christen). Das fanatisierte Volk hat ganz andere Häupter und wird Abdul-Aziz nazrani (Europäer)-freundlich und amüsiert sich mit photographischen Apparaten und Kinderstubeneisenbahn — so strahlt eben die Baraka nicht auf seinem Angesicht, und er wird abgesetzt. Die Djehad, das Werk heiligen Glaubens, arbeitet in der Stille, und der heilige Krieg ist eine latente Kraft, die bei; jeder Gelegenheit von einem geweihten Führer, Iman genannt, proklamiert werden kann. Ein französisches Kriegsschiff lag vor Tanger, als ich diese märchenhafte Stadt vor fünf Jahren besuchte, Es war der Anfang der „penetration" — und wie komisch sah es aus. Die Basare wimmelten von Berbern und Kabylen, der jetzt revoltierende Raisuli war noch ganz regierungstreu, aber schon war der Wirrwarr der Scheichs, der Giemas, der Kaids und der Parteien des Maghzen unheilvoll aufgewühlt. Hassans Söhne stritten schon miteinander, und der Chacham Rabbi Schimon, den ich um seine Ansicht befragte, sagte mir: Gott gebe nur Schalom! (Friede). Wie Recht Rabbi Schimon hatte, beweisen die letzten Ereignisse. Frankreichs Ehre ist engagiert, schon ist eine Anzahl Franzosen gefallen — aber auf jeden gefallenen Franzosen sind schon hundert Juden gefallen, und die Gefahr droht der ganzen Judenschaft, insbesondere im Innern Marokkos, aufgerieben zu werden. Eine bittere Ironie liegt in dem Judenschicksal. . Sie fielen vor 400 Jahren dem Mohamedanerhaß der Katholiken nach der Eroberung Granadas zum Opfer, und jetzt sind sie bedroht, von demselben Geschick infolge des Aufflackerns des Christenhasses seitens der „Gläubigen" betroffen zu werden. Sie sind die Nächsten, die Markiertesten, die Wehrlosesten. Für die Marabatenleute sind sie Rumis, für die Rumis sind sie Juden. Sie blühten in Andalusien, bis sie 'zertreten und verweht worden sind; die Nachkommen der Überbleibsel müssen jetzt für ein handelspolitisches Unternehmen Fiankreichs büßen. Im Jahre 1889 wollte eine französische Gesellschaft eine Bahnlinie auf dem geweihten Boden Maghrebs bauen. Das Volk widersetzte sich in Tetuan und schleuderte eine Bahnstange an den Kopf eines französischen Bauingenieurs. Zu gleicher Zeit wurden einige Dutzend Juden ermordet. Auch für den Bau von Bahnlinien müssen Juden die größten Opfer bringen! Kein Wunder, daß viele marokkanische Juden gegen alle Anzeichen eines Vorstoßes fremdländischer Kultur furchtbar erbittert sind. In ihr Elend haben sie sich hineingelebt, doch sind sie so schwach und exponiert, daß jede Umwälzung, auch jeder Anfang einer Erschütterung für sie eine totale, unerbittliche Zerstörung bedeutet. Die Gunst der Mächtigen hat für sie eine gewisse Bedeutung, und kann man die Wut eines Scheichs mildern — so ist das ein Vorteil; alles andere ist Gefahr. Als Sir xMores Montefiore seinerzeit vom Sultan in Audienz empfangen werden sollte, baten die Ältesten der Gemeinde Sir Moses, nur ja um Gotteswillen keine Drohungen anzuwenden. „Du wirst nach Hause zurükkehren," sagten sie ihm — „und wir sind jeden Augenblik von den Launen der Machthaber abhängig." Ihre Befürchtungen waren unbegründet — lag es doch Sir Moses fern, Drohungen anzuwenden. War er ja der richtige Typus eines „Schtadlon" in größerem Style. Jetzt hat man heroische Neigungen — leider ohne heroische Mittel zu besitzen — und man lächelt über diese veraltete Methode. Hat man schon wirklich eine neue, praktische erfunden? Die Juden Marokkos, die man jetzt plündert und mordet, deren Kinder man schlachtet, deren Frauen man schändet und, wie eine der letzten Hiobsposten lautet, „nackt, halbtot herumschleppt" — diese Opfer für alles, dieser prädestinierte Raub aller Hyänen, haben sie nicht Recht, erbittert zu sein? Schwer leiden die Mazedonier, die Armenier — aber sie leiden für ein Mazedonien, für ein Armenien, in ihrer Heimat und für ihre Heimat. Bei uns ist es einmal Jassy und einmal Odessa — jetzt ist es wieder Casablanca. Ein unermeßliches Reich hat unser Goluthl N. S. &}