Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 37 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 Ei L^T ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XI. JAHRG. KÖLN, 13. September 1907 pnrft> tÄnrTtf nttTI "n No. 37. MAROKKO zusammengesunken Seit Jahrhunderten in sich lebt eiii Teil unseres Volkes in Marokko. Man kennt diesen Teil nur sehr wenig. Man weiß, daß dort Hunderttausende leben oder richtiger die Bürde des Qoluth durch, das Leben schleppen. Ferner weiß, man, daß die Ahnen der meisten marokkanischen Juden aus Spanien nach der Austreibung von 1492 eingewandert sind. Jammernd, erbebend vor den Schrecken der In-!! quisition flüchteten sie sich nach Berberien, — von der ausgeblühten Romantik Andalusiens in eine harte, dunkle,; schwerfällige Welt. Für die Kultur, für das Judentum; hat dieser Bruchteil unserer Nation von da ab jede Be-'; deutung verloren. Es sind aufgesammelte Rasse-Spannj kräfte, passiv lahmgelegt. Die Verkehrsschwierigkeiten, j die Sprachverschiedenheit (das spaniolische „Ladino" und ein arabischer Jargon), der sephardische Ritus, ganz! eigenartig gestaltet, haben die Zusammenhänge zwischen \ der jüdischen Gesamtheit und diesem Teil unseres Volkes I fast ausschließlich auf das Bewußtsein der Leidensj Genossenschaft reduziert. Was man in neuerer Zeit j über marokkanische Juden hörte, was in der jüdischen! Presse seit einem Dreivierteljahrhuhdert über sie ver-;: 'autbart wird, ist nur eins: Bedrängnis. Sie sind in! Ghettos zusammengepfercht und der Willkür der Macht-i. haber und des Mobs preisgegeben. Hier und da, von Zeit zu Zeit, hört man von vereinzelten Massakres, aber nicht immer dringt die Kunde aus den verfallenen Schlupfwinkeln durch Karawanen und Estafettenpost in lie Öffentlichkeit. In den Hafenstädten ist es etwas; besser. In Tanger z. B. bilden nicht nur die ausändischen, sondern auch die einheimischen Juden ein iüchtiges, aufstrebendes Bevölkerungselement. Es ist in hochentwickelter Typus mit stolzer Haltung: große, schöne Menschen mit spanischer Grandezza, in ihrer Tradition festwurzelnd, von den andern getrennt, so- ^ax durch die Tracht gekennzeichnet, aber mit feinem Geschmack und geradezu imponierendem Selbstbewußtsein. Es ist kaum glaublich, daß es dieselben Juden ^ind, die im Innern Marokkos mit Füßen getreten werden. jj Aber es sind doch dieselben, — es sind nur die glücklicheren Ausnahmen. Tanger ist die Stadt des europäischen Wetteifers und der „Einflußsphären". Viele Juden stehen unter europäischem Schutz, und sobald ihnen keine engere Schranken gesetzt werden, sind sie wieder — die Vermittler zwischen Europa und Afrika, die verständnisvollen Unternehmer und Gründer neuer Einrichtungen. Sie bahnen die Wege und schaffen die Bedingungen, wie überall, für die andern — die Allerwelts-Pioniere. Und man schickt sie, wie üblich, als Sündenbock in die Wüste. Es ist die historisch gewordene Rolle des zerstreuten, auseinandergerissenen Volkes. Jetzt tragen unsere Brüder in Marokko die ersten Kosten der französischen „penetration paeifique". Ob es Frankreich gelingen wird, Marokko zu okkupieren, ist sehr fraglich. Trotz der sanften Versicherungen und diplomatischen Liebenswürdigkeiten ist keine aufrichtige Einheit unter den europäischen Großmächten erzielt worden. Marokko wird nicht so leicht, wie eine reife Frucht vom Baume, in den Schoß Frankreichs fallen. Und sollte sogar anstatt einer angeblich vielsagenden, im Grunde aber nichtssagenden „entente cordiale" mit großer Not, angesichts der drohenden Gefahr, unter den Mächten Einigkeit erzielt werden, so weiß man nicht, ob die Widerstandskraft der kriegerisch tüchtigen, fanatischen Berberstämme nicht alle Okkupationspläne vereiteln wird. Die Eroberung Algiers hat ein Jahrhundert gedauert, und Algier war bei weitem nicht so undurchdringlich und das Innere Algiers nicht so schwer zugänglich; auch war die Bevölkerung nicht so zerstreut und die Stämme nicht so mächtig, wie in Marokko. Oberhaupt war es ehemals leichter, die asiatischen und afrikanischen Völker zu bezwingen. Sie kannten die modernen Waffen nicht und hatten von der modernen Kriegskunst nur einen schwachen Begriff. In den letzten Jahren ist es in dieser Beziehung anders geworden. Die „rückständigen" Völker haben viel gelernt; es ist vielleicht das einzige, was sie von Europa gelernt haben. Wenn sie nicht den Gipfel der technischen Vollkommenheit auf diesem Gebiete erreicht haben, so ersetzen sie diesen Mangel durch eine Kraft wilder Ekstase, deren Bedeutung nicht .unterschätzt werden darf. Die Unterschätzung dieser Kraft rächt sich bitter. Das hat sich bei dem italienischen Feldzug