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Die Welt · 1907-09-06 · 36 (6.9.1907) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
36 (6.9.1907)
Date
1907-09-06
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 36 DIEIaEELT der Bevölkerung, indem sie darauf verwiese daß Handel und Gewerbe bei einer derartigen Unsicherheit des Lebens und Eigentums stocken müssen. Glagolew antwortete, daß die Schuld die Juden treffe. Es gebe keine revolutionäre Organisation, keine Expropriation in Rußland, an der nicht die Juden beteiligt seien. Glagolew erklärte die Polizei für machtlos. Dem Unfug zu steuern, empfahl er, die Juden zur Vernunft zu bringen. Hervorgehoben muß werden, daß alle diese Untaten seit dem Rücktritt des energischen Odessaer Stadthauptmanns Grigorjew, derkeinen Übergriff der,,echtrussischen Leute" duldete, Wiederaufleben. Hilfsaktion für Casablanca Von dem Deutschen Bureau der Alliance Israelite Universelle werden uns folgende Berichte des nach Casablanca mit Lebensmitteln entsandten Vertreters der Alliance zur Verfügung gestellt: Casablanca, 18. August. Ich habe die Ehre, Ihnen eine Unterredung zu melden, die ich mit dem Platzkommandanten Mangin und dem General Drude, dem Kommandeur der Besatzungstruppen, über die Lage unserer Glaubensgenossen gehabt habe. Ich besuchte zuerst den Kommandanten Mangin. „Die Israeliten", erklärte er mir, „sind durch die jüngsten Vorkommnisse heimgesucht worden. Sie kennen die Verluste, die sie erlitten haben. Zahlreiche ehrenhafte Familien sind ins Elend gebracht worden, damit einige Spitzbuben sich durch Plünderung bereichern konnten. Ich war am ersten Tage im jüdischen Viertel (Mellah) und habe es mir angesehen. Es hat mich in hohem Maße interessiert. Ich habe keinerlei Vorurteil, denn ich kann mir recht gut erklären, wie Jahrhunderte der Unterdrückung die dortige Bevölkerung erniedrigt und ihr den Anschein der Heuchelei gegeben haben. Ich fühle Mitleid und Teilnahme. In den ersten Tagen nach der Besatzung mußte ich streng sein. Ich habe die Männer zu harten Arbeitsleistungen herangezogen, zur Totenbestattung, zur Straßenreinigung. Das war unumgänglich, denn in der Stadt gab es keine Araber mehr, und die Soldaten waren im Feuer." „Welches Programm haben Sie den Israeliten gegenüber festgestellt?" „Ich will den Mellah reorganisieren wie die ganze übrige Stadt. Auch hierbei rechnen wir auf Sie. Sie kennen den Geist der Israeliten und haben Einfluß auf sie. Es trifft sich ganz gut, daß Sie das Oberhaupt der Gemeinde bleiben, da alle einflußreichen Personen die Stadt verlassen haben. Wir werden Ihnen die einzuführenden Reformen anzeigen und werden sie gemeinschaftlich mit Ihnen durchführen. Ich werde die gegenwärtige Übergangsperiode benutzen, um das Judenviertel als solches aufzuheben. Ich werde die Tore fortnehmen und das Quartier gesundheitlich umgestalten. Ich wünsche außerdem durch die Israeliten selbst Reformen einzuführen. Ich bitte Sie deshalb, mir über folgende vier Punkte Bericht zu geben: 1. Schaffung einer israelitischen Gemeindeverwaltung; 2. Herstellung von Beziehungen zwischen der Gemeindeverwaltung und der städtischen Zentral Verwaltung; 3. hygienische Vorschriften für den Mellah; 4. Einrichtung einer Polizei." Auf meine Frage nach der künftigen Lage der Israeliten erwiderte der Kommandant: „Bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge kann ich Ihnen unmöglich darüber Auskunft geben. Wenn die Stämme sich unterwerfen, wird der Ausfuhrhandel wieder beginnen, werden die Ladennhaber und Kaufleute wieder Geschäfte machen. Wenn aber der Kriegszustand andauert, so werden die Armen sich als Arbeiter erdingen müssen, junge Leute werden als Dolmetscher und als Angestellte in den zahlreichen Vorratshäusern dienen können. Unte'r ■dien Umständen rechnen wir sehr auf die israelitische Bevölkerung, eh wiederhole einen Gemeinplatz, wenn ich sage, daß sie sehr uitzliche Hilfskräfte zwischen den Arabern und uns abgeben können. Vir fühlen dies heute schon. Sie dienen uns als Dolmetscher und ür allerhand Auskünfte. Ich bin überzeugt, daß unter der Okkuation und mit Hilfe Ihrer Schulen die Gemeinde sich umgestalten vird. Unsere hygienischen Vorschriften und unsere Polizei werden i dem Mellah Sauberkeit, Ordnung, gute Haltung, Arbeit schaffen, ■ üid der Besuch der Europäer wird die Bewohner aufrütteln und allmählich ihre Gewohnheiten umgestalten." Ich muß hierbei erwähnen, daß diese Worte mit dem Ton besonderer Sympathie gesprochen wurden. Kommandant Mangin, ein Mann von hoher Einsicht, schien mir über die Sitten der hiesigen •■^raeliten vollkommen unterrichtet. Es ist ein wahres Glück, daß r an der Spitze der Stadt steht. Ich besuchte auch den General ^rude. Der General empfing mich sehr schlicht. Er sagte mir, fiaß er von dem Werk der Alliancewohl gehört habe, sie aber icht genau kenne. „Ich hoffe," fügte er hinzu, „lange genug hiernbleiben, um die Wiedereröffnung Ihrer Schulen zu sehen." Auf die Frage nach dem Eindruck, den die hiesigen Israeliten auf ihn gemacht hätten, erwiderte er: „Ich habe Israeliten sehr wenig gesehen. Da ich Tag und Nacht auf dem Felde sein mußte, bin ich noch nicht zur Stadt gekommen. Indessen sehe ich doch die Flüchtlinge, die tagtäglich nach Casablanca zurückkehren. Sie schienen mir klug und geweckt." „Und wie wird sich die Lage der Israeliten gestalten?" „Darüber fragen Sie mich nicht. Ich habe mit den militärischen Operationen zu tun und überlasse die Sorge für die Reorganisation der Stadt dem Kommandanten Mangin. Seien Sie überzeugt, daß er alles zu ihrer Verbesserung tun wird. Ich persönlich bin überzeugt, daß die Israeliten durch die Okkupation nur gewinnen können. Die Araber werden ihre Anmaßlichkeit den Israeliten gegenüber ebenso wie gegenüber den Europäern verlieren. Nach Beendigung der europäischen -Operation wird der Handel sicher einen großen Aufschwung nehmen, und dabei werden die Israeliten natürlich als Vermittler zwischen Arabern und Europäern dienen." Is. Pisa, * * * ^asablanca, 19. August 1907. Ich habe die Ehre, Ihnen Abschrift zweier an den Kommandanten Mangin gerichteten Briefe . und der darauf eingegangenen Antworten zu überreichen. Es ist mir eine Genugtuung, hinzufügen zu können, daß meine Wünsche alle erfüllt worden sind. Kommandant Mangin läßt keine Gelegenheit vorübergehen, um sich Ihrem Vertreter gefällig zu erweisen. Is. Pisa. 16. August 1907. An den Herrn Platzkommandanten Mangin. In unserer gestrigen Unterredung hatten Sie mir gesagt, daß Sie israelitische Arbeiter brauchen, teils zur Straßenreinigung, teils zur Beerdigung der Leichen. Sie sind zu solchen Requisitionen unbedingt berechtigt. Sie werden aber verstehen, daß diese Tagelöhner, die Familien zu ernähren haben, für ihre harte Arbeit bezahlt sein wollen. Ich wage deshalb zu hoffen, daß ich Ihnen diese Tatsache bloß anzuzeigen brauche, um Sie zu bestimmen, daß Sie nach Maßgabe der vorhandenen Mittel die Arbeit der armen Leute entlohnen. Is. Pisa. Antwort des Kommandanten Mangin. Lieber Herr Pisa. Ich habe Ihren Brief vom heutigen Tage erhalten. Es entspricht nur der Gerechtigkeit, daß die Arbeiter bezahlt werden. Ich habe dem Kapitän Poulet befohlen, ihnen 1,75 Francs täglich oder den doppelten Wert in Stoffen zu zahlen, die man den Arabern abgenommen hat. Kommandant Mangin. 17. August 1907. Herrn Platzkommandanten Mangin. Der Scheich der Israeliten teilt mir soeben mit, daß Sie von Israeliten Arbeit am Sabbat verlangt haben. Diese armen Leute sind gewiß geneigt, auf Ihren Befehl mit dem besten Willen von der Welt zu arbeiten. Aber dem Glauben ihrer Väter treu ergeben, würden sie das Gefühl haben, ein Sakrileg zu begehen, wenn sie am Sabbat arbeiteten. Ich bitte Sie deshalb, Herr Konimandant, im Namen der Ideen der Toleranz, zu deren vornehmstem Vertreter Frankreich sich durch die Jahrhunderte gemacht hat, Ihren israelitischen Arbeitern gütigst gestatten zu wollen, daß sie am Sabbat ruhen. Ich verspreche Ihnen, daß sie ihrer Aufgabe mit Eifer an allen anderen Tagen der Woche nachkommen werden. Is. Pisa. Der Herr Kommandant hat mir alsbald geantwortet, daß Befehl gegeben sei, wonach die Israeliten am Sabbat nicht mehr zu arbeiten brauchen. Is. Pisa. Auf Grund der Nachrichten, die der Hilfsverein der Deutschen Juden aus Casablanca erhalten hat, beschloß der geschäftsführende Ausschuß, 5000 Frcs. zunächst für Unterstützungszwecke den dortigen notleidenden Glaubensgenossen zur Verfügung zu stellen. Die nötigen Verbindungen für eine zweckmäßige und zuverlässige Verteilung der Gelder sind hergestellt. Die Alliance IsraeTite Universelle versendet einen Aufruf, in dem es u. a. heißt: Das Elend unserer marokkanischen Glaubensbrüder, zu jeder Zeit groß, hat sich durch die jüngsten Ereignisse noch unermeßlich gesteigert. Die Gemeinde von Casablanca, die vor kurzem 6000 Seelen zählte, ist durch Gewalttaten von Mauren und Kabylen dezimiert und unter namenlosen Greueln um all ihr Hab und Gut gebracht worden. Die Alliance Israelite* Universelle hat unverzüglich in die Stätte der Verwüstung Hilfe geschickt, hat die Bedrängten mit Nahrung und Unterkunft versehen. Doch der Bedarf übersteigt die bereiten Mittel, und leider ist zu befürchten, daß die Zahl der Bedürftigen sich noch mehren wird.

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